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' ihnen auf der bitteren Flucht von der Heimath
i von mitfühlender Freundeshand gereichten Lebensmit-
{ tel genießen können — hierfür zu sorgen, ist erste
j Verpflichtung aller gesetzestreuen Spender! Es
i müssen Vorkehrungen getroffen werden, daß die
I auf der Reise Begriffenen, mit Eintritt des heiligen
Sabbat den müden Fuß rasten lassen, den Wander¬
stab niederlegen, bis zum Beginn der neuen Woche,
wie es das Religionsgesetz vorschreibt. — Die
Wahrung der Speisegesetze muß durch vollständig
garantirtes Kaschruth der dargebotenen Stärkungs¬
mittel verbürgt sein. Obdach und Verpflegung über
Sabbat muh bereit sein.
Streng fromme, durch ihr eigenes, gesetzes¬
treues Leben in ihrem religiösen Standpunkt erprobte
Männer müssen an den Orten, wo die Züge der
Exulanten passiren, mit der Beschaffung der Le¬
bensmittel, mit der Fürsorge für Sabbatheiligung
betraut werden. Dann wird die Liebeswohlthat an
die armen Brüder erst in Wahrheit zu einer Herz
und Seele Erquickenden. Zur Erreichung dieses
hohen Zieles richten wir an jeden Einzelnen
sowohl, wie an alle Lo calcomttö's die dringende
Bitte, ihre Gaben erst dann und nur dann zu
verabfolgen, wenn ihnen vollste Garantie
seitens der Centralstellen für Kaschruth und Ein¬
haltung der Sabbatruhe geboten wird! Leider
ist dieses nach uns vorliegenden authentischen Mit¬
theilungen bisher nicht der Fall gewesen, wir hoffen
indeß, daß es nur dieser Anregung bedarf, um die
seither bestehenden Mtßftände abzustellen und wer¬
den wir berichten, ob dies geschehen. Wir dürfen
um so zuversichtlicher auf Gottes Segen, ohne
den ja alles menschliche Thun nichtig und un¬
zureichend ist, für unsere Rettungswerke zählen, je
treuer und unverbrüchlicher wir in dieser schweren
Zeit der Heimsuchung die Fahne des Sinaigesetzes
Hochhalten. In Zeiten der Noth und Prüfung hat
sich Juda noch immer bewährt!
Solingen. Die von mir erfundene Vorrich¬
tung zum Festhalten des Kopfes der zu schächten-
den Thiere ist seitens der Regierung in Düsseldorf
für zweckmäßig befunden und im ganzen Bezirke
zum Gebrauch empfohlen worden.
Jos. Rind stopf, Schächter.
Beuthen o. S. Am 14. hat hier ein Dele-
girtentag aller größeren oberschlesischen israelitischen
Gemeinden stattgefunden. Es waren vertreten die
Gemeinden: Beuthen, Ratibor, Gleiwitz, Kattowitz,
Oppeln, Tarnowitz, Zabcze, Gr. Stehlktz, Pleß, Myslo-
witz, Rosenberg und Laurahütte. Die Gemeinden Leob-
schütz, Hultschin und Kätscher ließen sich durch Ra¬
tibor vertreten. Nach längeren Verhandlungen
gelangte ein von Rabbiner Dr. Blumenthal-
Ratibor gestellter Antrag in einer Fassung des
Herrn Kommerzienraths Z erkowsky-Beuthen zur
Annahme: „Die oberschlestschen israelitischen Ge¬
meinden verbinden sich zu einem „oberschlestschen
Hilfs-Comits für die russischen Juden." Dasselbe
ist verpflichtet, sich mit dem Berliner Central-Co-
mit« ins Einvernehmen zu setzen." Das Comttü
hat seinen Sitz in der Grenzstation Kattowitz und
zählt 15 Mitglieder. Die Gemeinde Kattowitz ist
in demselben, gleich Beuthen, durch 3 Mitglieder
vertreten, Gleiwitz und Ratibor durch je 2 und
Koenigshütte, Myslowitz, Oppeln, Tarnowitz und
Zabrze durch je 1 Stimme. Die kleineren Gemein¬
den, wie Kosel, Lublinitz, Pleß, Rybnik u. s. w.,
haben das Recht, zu den Versammlungen einen
Delegirten mit berathender Stimme zu entsenden.
Die nähere Organisation beschließt das „Oberschle¬
sische Hilfs-Comitü."
O e st e r r. - U n g a r. Monarchie.
Aus Ungarn, 11. Juni. Die sonderbare Auf¬
fassung der liberalen Regierung in Ungarn und un¬
serer höheren Gerichtshöfe über die Gleichberechtigung
der Israeliten in Fällen, wo es sich um die jüdische
Konfession handelt, ist in der That sehr räthselhaft.
Vor einiger Zeit wurde in diesen Blättern das Ur-
theil einer höheren Instanz mitgetheilt, welches nichts
weniger besagte, als: Judenkinder dürfen
getauft werden, und auch einer Entscheidung
der Maros-Wasarhelyer königlichen Tafel
diente dieser eigenthümliche Grundsatz zur Basis.
Derartige obergerichtliche Entscheidungen haben
erfahrungsgemäß hierzulande unheilvolle Folgen,
da die Herren „Seelsorger" sich durch dieselben
nicht nur berechtigt, sondern auch ermächtigt fühlen,
je mehr jüdische unreife Kinder, die der Zufall ihnen
in die Hände liefert, der „allein selig machenden"
Religion zuzuführen. Es wäre wahrlich schon höchst
an der Zeit, daß die Landeskanzleien beider jüdischen
Parteien diesbezügliche energische Schritte an ma߬
gebender Stelle unternehmen sollten. Es könnten
diese umsoeher von Erfolg begleitet sein, da an
der Spitze des Cultuswesens in Ungarn derzeit ein
Mann steht, der schon mehrere Beweise dafür ge¬
liefert hat, daß er berechtigte Wünsche und Forde¬
rungen der Israeliten, die nicht vom Parteikampfe
begleitet sind, zu berücksichtigen nicht abgeneigt ist.
Es könnten ja beide Vertretungen selbstständig
in dieser Angelegenheit thätig sein, und da jede
nur dasselbe wünschte, würde der Erfolg schwerlich
ausbleiben. Der gegenwärtige Cultus- und Unter-
richtsminister ist wohl ein guter Katholik, was ihn
jedoch nicht hindert, die Interessen anderer Konfes¬
sionen einer Berücksichtigung zu würdigen. Graf
C s a k y hat dies mit seiner Haltung in der großen,
viel Staub aufgewirbelten Wegtaufungs-Angelegen-
heit, bei der er keine größere Feinde hatte als sei ne
Glaubensgenossen, aufs deutlichste bewiesen. —