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Anschauung, daß der Geldhandel Bedeutung habe
vor jeder anderen Thätigkeit, und das Streben
nach schnellem, mühelosen Gewinn den ersten Preis
verdiene. Gerade in einer Zeit starker Verschiebung
der Besitzverhältnisse müssen es die in harter und
redlicher Arbeit um den oft kargen Lebensunterhalt
sich mühenden Erwerbsstände der Nation als eine
Herausforderung empfinden, wenn der Geldhandels¬
mann an einem Tage so viel Tausende gewinnt,
(und verliert? Red.) wie selbst die bestgestellten Be¬
amten und der Specnlation fernstehende Geschäftsleute
in einem Jahre nicht verdienen können, obwohl die Ver¬
pflichtung standesgemäßer Lebensführung und die
Sorge für eine mehr oder minder zahlreiche Familie auf
ihnen lasten. Der Jnstinct des Volkes protestirt gegen
die Anhäufung immer größeren Capitals in immer
weniger Händen, protestirt gegen den der ausdrück¬
lichen Formulirung nicht bedürfenden Herrschafts-
Anspruch des Capitals.
Es mag mit noch so viel Recht eingewendet
werden, das Judenthum als solches oder die Mehr¬
zahl der Juden weise die oben erwähnte Jdentifi-
cirung zurück, die eine bloße Unterstellung sei. Wenn
schon die Jdentificirung nicht vorhanden ist, die
Unterstellung ist eine Thatsache und wirkt wie eine
Thatsache. Man sieht und nennt nicht die armen
Juden, aber man sieht und nennt und — beneidet
die reichen Juden, wobei es oft genug geschehen
kann, daß man den Manu von notorischem Reich-
thum einen Juden nennt, blos weil er reich ist.
Man sieht vielleicht den jüdischen Reichen, der die
Unarten des Protzenthums an sich hat, mehr als
den christlichen, obwohl es an Exemplaren wahrlich
nicht fehlt, als deren Abbild Fritz Reuters Pom-
muchelskopp gelten könnte, weil die Neigung zum
äußerlichen Aufwand von der speculativen Thätig¬
keit und ihrer Nervosität hervorgerufen wird. Die
Juden haben sich — Jahrhunderte hindurch nicht
freiwillig — dem Handel zugewendet, sie sind des¬
halb im Handel sehr stark vertreten, und demge¬
mäß stellen sie einen übergroßen Procentsatz zu der
Sveculantenwelt, von der wir oben gesagt haben,
daß sie ein zum Thetl sehr berechtigtes Mißwollen
auf sich gezogen hat. Man kann von dem Volk
nicht verlangen, daß es den Dingen auf den Grund
gehe und das ganze Bild einer nothwendigen cul-
turgeschichtlichen Entwicklung sich vergegenwärtige,
ehe es seinem Gefühl Namen und festes Gepräge
gibt. Es sieht unter den reichen Geldhandelsleuten
viele Juden — so werden ihm die Geldhandels¬
leute zu Juden, die Juden zu Geldhandelsleuten,
und alle üblen Erscheinungen, die hier hervortreten,
sind ihm jüdische Erscheinungen.
Das verhältnißmäßige Ueberwiegen der Juden
auf diesem Gebiete, allerdings theilweise verursacht
durch die bestehenden Verwaltungsgrundsätze, ist den
Juden zum Fallstrick geworden. Nicht ganz ohne
eigenes Verschulden, denn es wäre ihre Aufgabe
gewesen, bet Zeiten für eine bessere Vertheilung,
soweit dies in ihrer Macht lag, zu sorgen, damit
nicht ihre Minorität, auf ein Gebiet zusammenge-
schaart, den Eindruck einer geschlossenen und nicht
ungefährlichen Masse mache, und damit nicht —
wenn auch nur dem Anschein nach — zum Stam¬
mesfehler werde, was ein Fehler bloß des Berufes
war. Hier stehen auf dem Conto der Juden Un¬
terlassungssünden, in Folge deren der Antisemitis¬
mus selbst in solchen Kreisen Raum gewinnen kounte,
die ursprünglich frei von Intoleranz waren und
den Juden keine Abneigung entgegenbrachten. Hät¬
ten die Juden bei Zeiten ein offeneres Auge für
die thatsächlichen Verhältnisse gehabt, hätten sie
spontan den guten Willen bekundet, zu bessern,
wo zu bessern war, die antisemitische Bewegung
wäre wohl nicht erstickt, aber in stille Ufer zurück¬
geleitet worden.
Das geschah nicht, und nun wiederholte sich
eine Erfahrung, die man schon im Kulturkämpfe
und später bet dem Kampfe gegen die gemeinge¬
fährlichen Bestrebungen der Socialdemokratie gemacht
hatte: es trat eine völlige Verschiebung der Grund¬
lage ein; aus dem Feldzuge gegen die Auswüchse
wurde eine heftige Agitation gegen das Judenthum
um die Juden selbst. Den Schaden trugen nicht
durchaus die Angegriffenen, und Wunden gab es
auf Seiten des Christenthums mehr, als auf Seiten
des Judenthums. Denn die Juden schloffen sich,
wie natürlich, fest zusammen, und zu ihnen traten,
wie nicht minder natürlich, zahlreiche Nichtjuden,
die es als eine Schmach ansahen, daß man mit
dem Ungerechten den Gerechten wollte leiden lassen,
daß man um schlechter jüdischer Elemente willen
unterschiedslos alle Juden verfolgte und mit der
Beraubung ihrer bürgerlichen Rechte bedrohte.
Hatte der Antisemitismus zunächst nach der ethischen
Secte sich verfehlt, indem er leugnete, daß es viele
edle und sittliche hochstehende Juden gebe, und hatte
er dadurch Widerspruch erweckt und die Position
der ungerecht Angegriffenen gestärkt, so war nach¬
mals die Formulirung seiner Forderungen nur da¬
zu angethan, dem engen Zusammenhalt der Juden
eine politische und wtrthschaftliche Tragweite zu
geben, die manchem Antisemiten den Unterschied
zwischen Wollen und Können, zwischen dem Lande
Utopien und der Welt der Wirklichkeit greifbar
deutlich machen mußte.
„Menschenrechte müssen die Juden haben, ob
sie gleich uns dieselben nicht zugestehen; denn sie
sind Menschen, und ihre Ungerechtigkeit berechtigt
uns nicht, ihnen gleich zu werden. Aber ihnen