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XXXIV. Jahrgang.
M 16
Der Israelit.
Ein
Kentrat-Hrgan für das orthodoxe Zudenlßum.
Begründet von
Vr. Lehman» in Mainz.
Donner ft ag, den 23 Februar 5653 (1893).
Leitender Artikel.
Unsere Zeit und was ste fordert.
Von
Bezirks-Rabbiner vr. Ehr mann
in Baden (Schweiz).
III.
Diese Stimmen unbefangener Christen, Don wel¬
chen sich noch eine sehr große Zahl anführen ließe,
wenn es der knappe Rahmen dieser Darstellung ge¬
stattete, sollten wohl auf die Beachtung derjenigen
unter uns zählen dürfen, die doch sonst sehr em¬
pfänglich für alles sind, was man in außerjüdischen
Kreisen über uns denkt. Aber auch für den ortho¬
doxen Juden, der den geoffenbarten Willen Gottes
zur Norm seines Lebens hat, unbekümmert um den
Tadel oder Beifall der jeweiligen Zeitströmung,
müßte dieser Umstand ein neuer Sporn sein in
doppelter Treue und Hingebung an diesem Gesetze
seines Lebens festzuhalten. — Er kann nicht erst
fragen, was ihm angesichts des Ernstes der Zeit
zu thun obliegt, um sein Loos erträglicher zu
machen. Die Antwort ist längst gegeben, sie braucht
nur nachgelesen und — beherzigt zu werden. Was
wir in unserer Bedrängniß zu thun haben?
„In deiner Bedrängniß, wenn dich erst alle
„diese Dinge erreicht haben, selbst in den spätesten Zeiten,
„kehre zurück zu Gott deinem Gott und höre auf seine
„Stimme. Denn ein barmherziger Gott ist dein Gott, er
„wird dich nicht los lassen und dich nicht zu Grunde
„gehen lassen, und wird den Bund deiner Later nicht
„vergessen, den er ihnen geschworen. Denn frage doch
„nach den früheren Zeiten, die vor dir waren, von dem
„Beginne, da Gott Menschen auf Erden geschaffen, und
„von Himmels Ende bis Himmels Ende, ob wie dieses
„Große schon je sich ereignet oder ihm Aehnliches gehört
„worden ist-vom Himmel hat er dich seine Stimme
„hören lassen, um dich in das Band seiner Zucht zu neh-
„men; und auf der Erde hat er dich sein Feuer sehen
„lassen, und seine Worte hast du gehört aus dem Feuer
„-so wisse es denn heule und bringe dir es
„wohl zu Kerzen, daß Gott allein Gott ist, im Himmel
„in der Höhe und auf Erden in der Tiefe. Nichts sonst.
„Hüte seine Gesetz e und seine Gebote, die ich
„dir heute gebiete, was dir und deinenKindern
„nach dir, wohlthun wird. -(5. B. M.,
„Cap. 6, 30 ff.)
Wir haben Feinde, zahlreiche, mächtige Feinde,
was wir dagegen zu thun vermögen?
„Möchte mein Volk auf mich hören, Israel mit Ernst
„in meinen Wegen wandeln, wie bald würde ich ihre
„Feinde niederbeugen, und über ihre Dränger meine
„(strafende) Hand zurückwenden." f. f. (Psalm 81,14,15.)
Wohl wissen wir, daß es weite Kreise in un¬
seren Reihen gibt, die den bloßen Hinweis auf
diese Wahrheiten als kindliche Naivität belächeln.
Und glücklich, wenn sie ihn nur belächeln und ihn
nicht als ein Unglück verfehmen. Wenn es z. B.
wahr ist, daß in Deutschland eine jüdische Behörde
durch die ihr unterstellten Rabbiner von den Kan¬
zeln verkünden läßt, man solle mit Rücksicht auf
die judenfeindliche Strömung nicht mehr auf Reifen
öffentlich Tefilltn legen, und es Rabbiner gibt, die
der Weisung Folge leisten, so liegt ja der Gegen¬
satz zwischen dieser Anschauung und dem Hinweis
auf der Hand, der gerade in solchen Zeiten die ge¬
wissenhafteste Beobachtung unseres Gottesgesetzes
fordert. Wir meinen, wer diese Symbole der
Unterstellung unseres Denkens und Handelns unter
Gott schon längst abgelegt hätte, sollte sie Angesichts
des Ernstes der Zeit wieder aufnehmen. Und jene
Anschauung glaubt, daß diejenigen, welche noch
Tefillin legen, sie wegen desselben Ernstes der Zeit
nun verabschieden sollten. Wo die Gegensätze in
solcher Weise auseinandergehen, ist kein Hinweis
und Vorschlag denkbar, der auf allseitige Billigung
rechnen kann. Ja , man darf weiter gehen und
sagen, daß Vorschläge, die unter solchen Verhält¬
nissen allseitige Anerkennung finden, schon durch
diesen äußeren Umstand bekunden, daß sie nur die
Oberfläche, nicht aber den tiefen Kern der Sache
berühren können, um die es sich hier handelt. Ge¬
wiß steht die reine, lautere Absicht nach bestem
Wissen zu helfen und zu retten, auch bei denjenigen