Seite
287
zu berathen, was zur Milderung der n->u zu thun
sei, so läge doch nichts näher als die uns Allen
geläufige Wahrheit:
rmn jm m p-ropö npnsri nrron
„Rückkehr, Gebet und Pflichttreue beseitigen das
Schlimme jedes Verhängnisses. —"
Unter den zahllosen Mitteln zur Bekämpfung
des Antisemitismus sind wir diesem seit Jahrtau¬
senden bewährten, jüdischen Hausmittel noch nicht
begegnet. Und doch lohnte es sich einmal, die
Probe mit ihm zu machen. Und wenn es auch
nicht die mu selbst weghöbe, wenn es ihr nur den
Stachel, mun yn, nähme, wäre das nicht ein un¬
endlicher Gewinn?
Zurückgekehrt zu uns selber, zu unserer Lebens¬
pflicht, zu unserer Geschichte und ihren Trägern,
unseren Vätern, würden wir uns an ihrem Bei¬
spiel erheben und aus ihrem Leben Rath suchen
und finden für das, was uns Roth thut. Sie
hatten schwerere nnw zu ertragen als ihre Kinder
und Enkel, und sie verloren doch nicht die Ruhe
und die Besonnenheit, ja sie büßten ihre Lebens-
Heiterkeit nicht einmal ein, obwohl sich eine ganze
Welt gegen sie verschworen hatte, um ihnen das
bloße Dasein zu verkümmern.
Was hielt sie aufrecht? Wir griffen zu un¬
serem zweiten Talisman, zum Gebete, vertieften
uns mit der alten Innigkeit in unsere Tefillo, in
welche die Väter ihr Glück und ihr Weh aushauch¬
ten, und fanden dort auf jeder Seite, was wir
suchen. Was den Vätern beigestanden hat?
D^iyö Nin nnN u , rva>« miy. „Der Beistand
unserer Väter warst Du von jeher, bist auch Schild
und Helfer ihren Kindern nach ihnen in jeder Zeit.
In der Höhe der Welt ist zwar Deine Stätte, aber
Dein Recht und Deine Gerechtigkeit reicht bis an
die Enden der Erden. Glücklich der Mann, der
Deinen Geboten gehorcht, der Deine Thora und
Dein sie deutendes Wort sich zu Herzen nimmt."
Mit diesem aus dem wahren, innigen Gebete
erblühenden Vorsatz zur Pflichttreue, wird Gott
unser Herr und Helfer, der uns nirgends sonst
Schutz und Hilfe suchen läßt, der uns mit der be¬
glückenden Wahrheit ausstattet : ihn nti nna pdn
„Du bist in Wahrheit der Herr deinem Volke
und der mächtige König, der ihren Streit führt.
Du bist in Wahrheit das Erste, Du das Letzte,
außer Dir haben wir keinen König, der erlöst und
hilft." Das hat sich bereits in den ersten Anfängen
unserer Geschichte bei der Erlösung aus dem ägyp¬
tischen Sclavenloos bewährt, das läßt uns noch
heute Deiner uns verheißenen Erlösung hoffen:
Aeitungsrtachrichte« «mb Correspoudenzerr.
Deutschland.
Z. Aus Süddeutschlaud. Mehrere Zei¬
tungen registriren die Namen derjenigen Herren,
welche der bekannten „Erklärung der deutschen
Rabbiner" nicht beigetreten sind. Es erscheint deß-
halb nicht überflüssig, die Motivirung des Stand¬
punktes dieser Rabbiner hier mitzutheilen. Dieselben
hatten, wie wir erfahren, sich gegen die Fassung
der Erklärung ausgesprochen, weil die Göttlich¬
keit und ewige Verbindlichkeit derschrift-
lichen und mündlichen Lehre, die ein unzer¬
trennliches Ganzes bilden, in derselben nicht
so präcisirt war, daß jedes Mißverständniß ausge¬
schlossen erschien. Dieses vom Standpunkte des
gesetzestreuen Judenthums gerechte Bedenken gegen
die Fassung der Erklärung, das mancher der Unter¬
zeichner, wenn er darauf aufmerksam gemacht wor¬
den wäre, wohl getheilt hätte, hat bereits seine
volle Bestätigung gefunden durch die Deutung, welche
nach dieser Seite hin der „Erklärung" im preußi¬
schen Landtage, sowie in der judenfreundlichen, wie
antisemitischen Tagespresse gegeben wurde.
Auf diesem glaubenstreuen Standpunkte der
Gl eich Wichtigkeit der mündlichen mit der
schriftlichen Lehre, wie sie im Talmud nieder¬
gelegt und im Schulchan Aruch codificirt ist, stehend,
wissen sich selbstverständlich die der Erklärung nicht
beigetretenen Rabbiner vollständig einig mit
allen deutschen Rabbinen bezüglich der
Sittenlehre des Judenthums, wie sie
in jener Erklärung ausgesprochen ist,
sowie der Verpflichtung der Israeliten
zur aufrichtigsten Treue gegen das
Staatsgesetz und zur aufrichtigsten
Liebe der Gesammt-Menschheit ge¬
genüber.
Berlin, 7. Februar. Die Kriminalstatistik
des kaiserlichen Statistischen Amtes, welche jahrgangs¬
weise die wegen Verbrechen und Vergehen gegen
Reichsgesetze Verurtheilten nach persönlichen, ört¬
lichen und konfessionellen Gesichtspunkten zusammen-
ftellt, ist für 1890 soeben erschienen. Der Religion
nach waren 1890: a b
Evangelische
22!,446
1038,8
Katholische
150,853
1238,1
Ueberhaupt Christen
372,644
1108.9
Juden
3,546
867,4
Die Juden sind also an den kriminalistischen
Verstößen nur mit 867,4 von 100,000 Köpfen am
wenigsten betheiligt, um 171,4 weniger als evan-