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Angesichts dieses Rückfalls in die Zeit nicht
nur des Mittelsalters, sondern sogar in die der
ältesten und gehässigsten Judenverfolgungen, kommt
die Phrase von der Bildung, Aufklärung und dem
Fortschritt unseres Jahrhunderts, welche unsere von
der Väterreligion abgefallenen Brüder so ostentativ
im Munde führten, von Tag zu Tag immer mehr
in Mttzcredit. Diese modernen Tagesgötzen haben
sich machtlos und unfähig den brutalen Auswüchsen
unserer Zeit gegenüber bewiesen. Wenn daher die
neue Zeit das alte Rischuß mit all seinen Schreck-
uisten wieder erstehen läßt und alle ihre Mittel zu
dessen Bekämpfung sich als zu unzulängliche Quak-
salbereien erweisen, so lenken diese Ausgeburten
des veralteten Judenhasses von selbst den Blick der¬
jenigen, die darunter leiden, auf die Vergangenheit
zurück und auf die Art und Weise, wie denn unsere
Väter in ähnlichen Lagen gehandelt haben.
Das Rlschuß onn d’D’ 3 und n:n jma ist sich
consequent geblieben und die Judenfeinde von heute
gebrauchen noch dieselben Mittel und Vorwände
wie vor Jahrtausenden. Aber während in der
Vergangenheit die Gehässigkeit gegen Juden und
Judenihum eine gotttreue, glaubensstarke jüdische
Gesammtheit vorfand, ist dies heute leider anders
geworden. Es trifft eine Generation, die sich zum
großen Theile aus Halbjuden und Zwitterjuden
rekrutirt, die weder die erforderliche Hingebung
besitzen das Judenihum in allen seinen Conscquenzen
voll und ganz anzuerkennen, noch den Muth haben
es gänzlich zu verleugnen. Sie leiden am meisten
unter den brutalen Ausschreitungen unserer Zeit,
weil sich dieselben direkt gegen sie gerade richten,
und weil sie ihnen keinen inneren geistigen Fond
religiöser Ueberzeugung und festen Gottvertrauens
entgegen zu setzen haben. Die Abweisung, die sie
von außen erfahren, und der ganze Zug der Zeit,
der die Abgefallenen ihren verlaffenen Heiligthümern
wieder zuwendet, mit welchen sie in Theorie und
Praxis längst gebrochen haben,erzeugt dann oft
wunderliche Zustände, die man noch vor wenigen
Jahren snr vELMtz
In Berlin, wo die Hauptgemeinde, die nu¬
merisch größte von ganz Deutschland, mit ihren
Leitern und Wortführern sich zur Religion des
Reformjudenthums bekannte, feierten dieser Tage
die dortige Koryphäen des refor wirten und ortho¬
doxen Judenihums gemeinsam das 150jährige
Stiftungsfest des Berliner B e t h H amtdrasch!
In demselben Saal, in welchem dieses Fest gefeiert
wurde, hielt vor 23 Jahren kurz nach seiner An¬
kunft in Berlin Herr Rabbiner Dr. Hildesheimer
allsabathlich seine Vorträge, als die Synagoge der
Adaß-Jtsroel-Gemeinde noch nicht vorhanden war.
Die jüdischen Eigenthümer dieses Saales verwei¬
gerten aber bald die Benutzung für diese „zelotische
Propaganda des orthodoxen Judenthums", und
heute feiern beide Richtungen zusammen in denselben
Räumen das Stiftungsfest eines Beth-Hamidrasch!
Unter den Thetlnehmern an dieser befanden sich
Leute, die sonst ihre Lebensaufgabe darin erblickten,
dem Talmud und Schulchan Aruch, welcher in
diesem Beth-Hamidrasch gelehrt wird, mit Stumpf
und Stiel auszurotten, und nun feiern sie zu¬
sammen das Stiftungsfest eines Beth-Hamidrasch!
Wunderbar!
Auch anderwärts fehlt es nicht an ähnlichen
Erscheinungen. Dazu gehören z. B. die öffentlichen
Kundgebungen, mit welchen die Vertreter der jnste-
milieu-Richtung und der äußersten Refoim in
Wien b'im Tode des Rabbi Salomon Spitzer W
an die Ocffentlichkett traten. Alles beut* t darauf
hin, daß die Zeiten sich geändert- haben. Tempora
mutautur. Aber der Nachsatz dieser römischen Sen¬
tenz, daß auch wir uns mit den Zeiten ändern,
hat ans uns angewandt nur theilweise seine Berech¬
tigung. Die Herren Dr. Hildesheimer ") und
Rabbi Salomon Spitzer
mit ihren Gesinnungsgenossen haben sich nicht ge¬
ändert. Daß es ihre Gegner gethan haben, wür¬
den wir als ein Zeichen der Zeit freudig begrüßen,
wenn sich diese Aenderunq nicht nur durch Ban-
quette und durch schöne Worte, sondern auch durch
Thaten bekundete. Aber in dieser Hinsicht haben
sich auch die anderen nicht geändert, wir können
daher den Jubel und die Frtedsiligkeit über derar¬
tige Aeußerungen nur bis zu einem gewissen Grade
theilen.
An dieser That fehlt es leider immernoch und
bei der lauten Freude über die schönen, frommen
Worte, die von Zeit zu Zeit fallen, liegt die Ge¬
fahr sehr nahe, daß man die Worte für Thaten
nimmt und sich damit begnügt. n'Tm apjp ^p ^pn
wy »t. „Die Stimme ist Jakobs Stimme, aber
die Hände sind und bleiben Esaws Hände", das
ist zur Zeit die Signatur der halben und ganzen
Urform innerhalb der deutschen Judenheit.
Möge dem frommen Wort auch die fiomme
That des Ltbens folgen, möge an die Stelle der
Reform des Juventhums die Reform unserer selbst
treten, die Reform wie ihr der Verfasser der „Neun¬
zehn Briefe" schon vor nun bald sechzig Jahren
das Wort redete:
„Hinangearbeitet mit allen unseren Kräften,
mit Aufgebot alles Guten und Edlen, hmange-
arbeitet zu dieser Höhe! — Reform! — Aber
ihr Ziel kann nichts anderes sein, als Verwirk¬
lichung des Judenthums durch Juden in unserer
Zeit; Verwirklichung jenes ewigen Ideals in den
und mit den von der Zeit gestellten Verhältnissen;