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Familien der Erde bringen sollte, so dürfte auch
das seinen Nachkommen auf fremdem Boden war¬
tende Geschick in anderem Lichte erscheinen. Dann
hat vielleicht Abraham nie eine trostreichere Zusi¬
cherung erhalten als die in den Worten >3 jnn jn*
Dn» rvrv "u niedergelegte, aber jedenfalls keine, die
geeigneter war, die Befürchtungen zu zerstreuen,
denen er entgegen treten sollte.
Abraham empfindet es schmerzlich, daß er
allein die Gottessache auf Erden vertritt, daß ihm
nur ein Knecht, aber nicht sein Fleisch und Blut,
dabei zur Seite steht, daß er die Kinder, die ihm
Gott verheißen, noch nicht besitzt und daß sie ihm
vielleicht erst zu einer Zeit gewährt werden, in der
er sie nicht mehr als Gottes-Herolde erziehen kann,
und Gott versichert dem Ahn des israelitischen
Volkes, daß es ihm noch so voll und ganz gelingen
werde seinen Geist, seinen Nachkommen zu vererben,
daß man sie als Fremde behandeln wird, weil sie
seine Nachkommen, die treuen Fortträger seiner Ge¬
sinnung sein werden. Ein Knecht wird nicht der
Erbe, der Erbe wird ein Knecht sein und so theuer
wird ihm das abrahamitische Vätererbe sein, daß
er eine vterhundertjährige Tyrannei dem Preisgeben
dieses Vätererbes vorzteht. Dadurch wird das Be¬
wußtsein von der Macht des Gottesgedankens auch
in die wahnumnachteten Kreise der anderen Völker
getragen. Das Volk, dessen König erst trotzig
spricht, ich kenne Gott nicht, richtet Gott selber. Es
lernt die Macht ahnen, die aus die Sette des ge¬
ächteten Sklavenstammes tritt. Es lernt den Gott
fürchten, in dessen Dienst ein Moses seine Sendung
vollzieht. Es sieht den Gottesfinger, der seinen
Weisen das Bekenntniß ihrer Ohnmacht abringt
und fühlt die Wacht der Gotteshand, in deren
Dienst die Meeresfluthen stehen, um den hilflosen
Sklaven freien Durchzug und den mächtigen Zwing¬
herren das Wellengrab zu bereiten. Dieser Triumph
der von Abraham gelehrten, an seinem Volke aber
sich so offenkundig vor aller Welt Augen bewähren¬
den Macht des Gottesgedankens ist die reiche Ee-
rungenschast, — tma 0131 — welche die aus der
Knechtschaft Ziehenden mit hinaus in die Freiheit
nehmen werden.
Das Bewußtsein von Gott der Menschheit zu
bringen war das Hochziel dem Dnma tqvv und
onxo nN’S’ dienten. Aber dieses Ziel war mit
der Knechtschaft in Egypten und der Befreiung aus
derselben nur für die damalige Zeit und für einen
beschränkten Kreis von Völkern erreicht. Damit
das, was unsere Väter damals dem Irrwahn der
Völker an Erkenntniß und Anerkenntniß Gottes
abrangen, nicht im Laufe der Zeit verloren
gehe, mußte Israel noch ungezählte Jahrhun¬
derte und Jahrtausende in Knechtsgestalt unschein¬
bar, abhängig und schwach, verachtet, gehaßt, ver¬
folgt und — geduldet unter mächtigen Staaten
und Völkern sein Dasein fristen. Daß es sich in
dieser Winzigkeit und Schwäche trotz aller Feind¬
schaft und Verkümmerung erhält, daß es, dem man
das Dasein in jeder Gegenwart abspricht, nicht den
Muth verliert, die Zukunft zu reklamiren, daß es,
von aller Welt unter die Todten registrirt, alle
Registratoren aller Zeiten überdauert, das ist die
Eonsequenz und Fortsetzung des Jeziath-Mtzrajtm-
Wunders, wie sie sich täglich in jeder Zeit mani-
festirt. Als König Friedrich II. dem Hofprediger
Schubert, die Frage nach einem kurzen und bündi¬
gen Beweis für das Dasein Gottes vorlegte, er-
wiederte dieser: Die Juden!
ny ans Ihr seid meine Zeugen! hat Gott zu
Israel gesprochen und diese Zeugenschaft für das
Dasein Gottes ist Israels Beruf, dem es unter
Druck und Hohn unter Verkennung und Verachtung
am glänzendsten gerecht wird. Daß es Israel
nicht an Bedrückern und Todfeinden zu jeder Zeit
gefehlt hat, das ist ihm beiqestanden, daß das
Gottesbewußtsein unter den Völkern, welches die
Väter angebahnt hatten im Laufe der Jahrhunderte
nicht der Vergessenheit anheim siel. Das ist der
Sinn einer früheren Stelle der Peßach-Hagada:
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„Folgendes ist es was unfern Vätern und
uns die feste Stellung gab; nicht einer allein ist
gegen uns aufgestanden uns zu vernichten, sondern
in jeder und jeder Zeit standen sie auf zu
unserer Vernichtung und der Heilige gepriesen sei
er, hat uns aus ihrer Hand gerettet."
Deshalb betont auch Rabbon Gamliel ^>2
ini in, daß jede Zeit mit ihren Kämpfen und
Stegen, mit ihrem Trüben und Heitern nichts
anders ist, als eine Fortsetzung des Jeziath-Miz-
rajtm-Wunders. Was die Väter mit ihrem Auszug
aus Mtzrajtm conftattrten, das wiederholt sich in
der siegreichen Ueberwindung alles Feindlichen und
Gehässigen, womit uns eine lieblose Zeit die Fristung
des bloßen Daseins erschweren und vergällen möchte.
Unsere Ankläger sind in der That unsere be¬
redtesten Anwälte. Welches Zeugniß mächtiger
Lebenskraft stellt der blinde Judenhaß doch selber
dem Gegenstand seines Haffes aus, wenn er List
und Vorurtheil, Neid und Verleumdung, wenn er
Schwert und Feuer, kurz alle Ausgeburten des
Wahns unter die Waffen rufen mutz, um das
vterthalb Jahrtausende zählende Volk todt zu lügen
und todt zu schlagen! Und es gelingt ihm nicht.
Wohl ist der Judenhaß so alt als die Geschichte
des israelitischen Volkes, aber über die Partisane