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Sette 2 Nr. 13
Der I-raeltt.
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Charakter, als -ah sie anders behandelt werden
könnte.
Ich besitze keinerlei Stolz auf meine eigene
Meinung in dieser Frage, ich bin auch nicht töricht
genug, mn zu glauben, -atz ich die Wünsche und
Ideale Amerikas besser kenne, als die Körperschaft
seiner erwählten Vertreter sie kennt, Ich verlange
nur Belehrung unmittelbar von denen, deren Ge¬
schicke mit unseren und denen aller Menschen innig
verknüpft sind."
Soweit Präsident Wilson.
Man wird dieses Dokmmnt einer- wahrhaft
menschlichen und weitherzigen Gesinnung nicht
ohne Ergriffenheit lesen können, und der Präsi¬
dent darf für diese Kundgebung des Dankes
nicht nur aller Juden, sondern aller menschlich
empfindenden Bürger, welcher Nation und Kon¬
fession auch immer, sicher sein.
Welcher Segen für die Menschheit könnte
aber erwachsen, wenn Präsident Wilson die
gleichen Gesinnungen, wie sie hier zu Tage treten,
auch gegenüber dem durch die amerikanische
Waffenausfuhr ins Unendliche verlängerten
Menschenmorden auf den Schlachtfel¬
dern Europas zur Geltung bringen wollte!
Hoffen wir, daß auch dieser Tag nicht fern ist!
Me Mzzos-Versorgung
im Deutschen Reich.
Die Bundesratsverordnung vom 25. Januar
über die „Regelung des Verkehrs mit Brot¬
getreide und Mehl" schuf für die Herstellung und
den Vertrieb der Mazzos in Deutschland vier¬
fache Schwierigkeiten. Das bereits bestellte,
aber noch nicht vermahlene Getreide für
Mazzoszwecke unterlag ebensowohl der Beschlag¬
nahme wie das noch bei den Mühlen befindliche
Mehl, und die Kommunen und Kommunalver¬
bände wagten bei allem guten Willen vielfach
nicht, die Freigabe anzuordnen. War diese Klippe
umschifft, so untersagte § 4f den Bäckern, die
nicht schon in der Zeit vom 1.—15. Januar
Mazzos gebacken hatten, ihren Backbetrieb fort¬
zuführen, und endlich verhinderten die kommu¬
nalen Ausfuhrverbote die Ablieferung der
glücklich fertiggesteüten Mazzos an die an an¬
deren Orten wohnenden Kunden. In den aller¬
letzten Tagen trat zum Nebersluß noch die
Schwierigkeit hinzu, den Mazzos-Konsum
dem Brotkarten-System anzupassen.
Glücklicherweise scheint es nunmehr, da wir
vor dem Feste stehen, doch fast überall gelungen
zu sein, der Schwierigkeiten Herr zu werden.
Für Preußen ist unterm 3 März eine von
gründlichem Studium der Verhältnisse zeugende
Der psalmist öder die Erziehung
des Menschengeschlechts.
jPsalm )
Bon Rabbiner I. Nobel in Schrrcideuiühl.
Gibt es einen Fortschritt in der Erziehung des
Menschengeschlechtes zu sittlicher Vollkommenheit'? Die
bejahende Antwort liegt in der gleichen Meinung be¬
gründet, die der Psalmist durch die Absichtlichkeit des
veränderten Ausdrucks kundgibt, der auf die ursprüng¬
liche Passivität (-:xtp;n und dann :xtp) und spätere Ak¬
tivität aller Kulturentwicklung hinweist. Ein Gedanke,
dem Schiller in seiner„Naiven und sentimentalen
Dichtung" durch die Ideen des Naiven und Unbewuhten
am Anfang der menschlichen Entwicklung und des Be¬
wußten im Fortgang dieser Entwicklung Ausdruck ver¬
leiht. Die Erlösung erblickt er in einer Naivität, die
gleichsam vom Bewußten getränkt, gesättigt und ge¬
tragen ist. Als Beweis für die Richtigkeit einer solchen
Auffassung darf auch das typische Wort xb n 'öPi
crfr 'njmi gelten. „Erhebet Ihr Tore (der Zeit)
Verordnung des Ministers des Innern an
die „Freie Vereinigung für die Interessen des
orthodoxen Judentums" ergangen, worin prin¬
zipiell angeordnet wird, daß die in den Kom¬
munalverbänden auf Grund der §§ 34ff. der
Bekanntmachung über die Regelung des Verkehrs
mit Brotgetreide und Mehl vom 25. Januar
1915 erlassenen Anordnungen auf die Her¬
stellung und den Vertrieb der unge¬
säuerten Brote keine Anwendung fin¬
den sollen. Es wird ferner ein Ouantum
von 300 Tonnen Mehl bei der Kriegsgetreide-
gesellschaft zur Verfügung gestellt, aus dem die
durch Beschlagnahme der Mazzosfabrtkation etwa
entzogenen Mengen ersetzt werden können. Der
Erlaß, der nebst einigen zu seiner Ausführung
nötigen Erläuterungen durch die „Freie Ver¬
einigung" anfangs März sämtlichen preußischen
Synagogengemeinden im Wortlaut übermittelt
wurde, bemerkt am Schluffe über die Brot¬
karten folgendes:
Die hier getroffene Regelung hat zur Voraus¬
setzung, daß die rechtgläubigen Juden an den Tagen,
während welcher sie aus den Genuß der ungesäuerten
Brote verwiesen sind, sich der Beschaffung sonstigen
Brotes unbedingt enthalten und die etwa für diese
Zeit empfangenen Brotkarten oder Brotbücher dem
Kammunalverband wieder .zur Verfügung
stellen werden.
Die Mazzos fallen somit in ganz Preußen
nicht unter die Verbrauchsregelung durch Brot¬
karten- dagegen ist es Ehrenpflicht jedes
Juden, in Würdigung des vom Ministerium be¬
tätigten Entgegenkommens die auf Peßach
entfallenden Brotkarten den Kommu¬
nalverbänden freiwillig zurückzuer¬
statten.
Im Großherzogtum Hessen ist eine der
preußischen analoge Mtntstertalverfügung er¬
gangen, während ffch in Baden das AÄniste-
rium des Innern — praktisch hoffentlich mit
der gleichen Wirkung — damit begnügt hat,
den Kommunalverbänden durch Erlaß vom 8.
März die gebührende Würdigung der für ein
Entgegenkommen sprechenden religiösen Gründe
zu empfehlen. Der „Oberrat der Israeliten"
empfiehlt dabei, zu beantragen, daß die etwa ge¬
forderten Brotkarten für Mazzos erst den Kar¬
tenheften für April entnommen zu werden brauchen.
Der badische Erlaß nimmt übrigens an, daß
auf Mazzos der § 20, Abs. 2 der Verordnung
vom 5. Januar Anwendung finde.
Aus Bayern ist uns bisher kein die Ange¬
legenheit regelnder Ministerialerlaß bekannt
geworden, doch haben einzelne Kommunen, wie
z. B. Würzburg, nach dem Beispiele Preußens
Eure Häupter". Die Häupter sind die Zinnen der
Tore, die als Inschrift die Gotteserkenntnis,I die Auf¬
gabe und das Ziel aller Zeiten verewigt halten. Der
Psalmist will sagen: Werdet getragen, ihr Eingänge
der Zeitewigkeit, damit schließlich am Ende dex Zeiten
der König der Herrlichkeit kommen kann. Die Zinnen,
L'nprr» nrxn tragen das Ziel. Die vbip ’nriB, das sind
die Flügeltore der Zeit und der Zeitalter selbst. Sie
müssen am Anfang der Menschheitsentwlcklung von der
göttlichen Vorsehung noch getragen und geleitet werden.
Die Flügelkraft der Ideen muß den Völkern, den
Erzvätern, den Propheten o’:b *7« cas zugetragen
werden. Nicht bloß die Thora nnx *:a niai,
sondern auch die Offenbarung, die. leitende Vorsehung
entspricht der Charakterstufe jedes bestimmten Zeitalters.
Die Welt ist noch nicht vollendet, so lange die
Gotteserkenntnis nicht vollendet ist. Gottes Mitarbeit
ist im prägnanten >sinne erforderlich als die des ray
tbji, des nen*?a Ta;.
Die schlummernde sittliche Vernunft tastet in den
frühesten Zeitaltern noch im Halbdunkel. Es ist ein
Ahnen und Sehnen, aber keine beftinimte Gotteser¬
kenntnis- die Frage des Psalmisten bringt dieses un¬
sichere Tasten in der Unbestimmtheit des Ausdrucks
m 'v johne x;n) zur Verkörperung Sie sucht nach
dem bestimmten eindeutigen Gottesnamen: N7. Sie
hat aber noch nicht die Sicherheit der Ueberzeugung,
die in dein uin (ht rnn ’ö) gewichtig sich kundgibt. Wenn
die Natur der sittlichen Weltordnung den Menschen
beseelt und die Sittlichkeit seine zweite Natur wird,
wenn die Flügelkraft und das keimfrohe Wesen der
Idee mit den Menschen und den Geschlechtern so
identisch wird, daß sie selbst die Flügeltore der Ewig¬
keit vorwärts, aufwärts bewegen und die Inschrift
der B'-w nwn auf eigenen Schultern tragen, dann ist
es Zeit für den TDsn *f?D. Dann ist dieser Taan
__ 18. März 1915
auf die Forderung von Brotkarten beimMazzos-
bezug verzichtet.
* *
Die Versorgung der tm Felde stehenden
jüdischen Krieger mit Mazzos und sonstigen
Peßach-Nahrungsmitteln vollzieht sich in großem
Maßstab durch die Bersandstelle der „Freien
Bereinigung", und es ist insbesondere erfreulich,
daß auch viele Gemeinden es als Liebespsticht
betrachten, für ihre im Felde stehenden Ange¬
hörigen durch Bestellung von Mazzos, Kraftge¬
bäck und Conserven zu sorgen.
An einzelnen Stellen der Front sind auf Initia¬
tive der Feldrabbtner die jüdischen Soldaten durch
Armeebefehl aufgefordert worden, sich zur
Aufgabe ihrer Adressen an die Versandstelle zu
melden, soweit sie auf rituelle Verköstigung Wert
legen.
* *
Für die Zehntausende russisch-jüdischer
Kriegsgefangener in den deutschen Gefange¬
nenlagern, unter denen sich sicherlich Tausende
befinden, die in tiefster Seelennot der nahenden
Festeszeit mit ihrem 'IUI JirPOy) pan Ss '2
gedenken, wird eine notdürftige Versorgung mit
Mazzos noch angeftrebt, gesichert ist sie erst zum
Teile-
Der Kriegshilfsfonds
der Agubas Wroel.
Von Klausrabbiner Dr. PH. Frankl in Hatberstadt.
Eine stehende Rubrik in den Zeitungen und
besonders in den jüdischen Zeitungen bilden die
Berichte über die von der russischen Soldateska
an den Juden Galiziens wie auch an den Juden
ihres eigenen Landes verübten Grausamkeiten.
Es werden da Bilder vor unseren Augen ent¬
rollt, die all das überbieten, was man sich bis
zum 20. Jahrhundert unter Jnquisitionsgreuel
und mittelalterlicher Tortur vorgestellt hat. Bil¬
der, die an nichts vor den Schrecken der Kreuz¬
züge und der Brunnenvergiftungen des Mittel¬
alters zurückstehen. In allen Städten und
Dörfern Russisch-Polens zählt man zu Hunderten
die jüdischen Waisenkinder, nicht bloß der in den
Kämpfen für ihre stiefmütterliche Heimat Ge¬
fallenen, sondern Waisen von unschuldig Ermor¬
deten, die der Mord- und Raubgier einer trunkenen
und entmenschten Soldatenhorde zum Opfer ge¬
fallen sind.
Es krampst sich in tiefem Schmerz das Herz
zusammen, wenn man in einem dieser Berichte
liest, daß in so manchem Orte die jüdischen
Chederschulen feiern müssen, weil es den Kindern
an Fuß- und sonstiger Bekleidung mangelt, und
nicht mehr ein tb;i tw, sondern mxast Tt, er ist der¬
selbe Gott von Urbeginn her, aber die Kräfte und
Ideen, die Lehren der Völker und diese selber dienen
ihnr nicht nur, getragen (wwn), sondern tragend, nicht
unbewußt, sondern als ein bewußtes Gottesheer.
„Tarn xin Er ist". Darin liegt die allerpositivfte
Erkenntnis seines Daseins ausgesprochen, seiner maje¬
stätischen Königsherrlichkeit niaan "[^o, die durch Krieg
und Gewalt nicht mehr gefördert zu werden braucht
und durch solche nicht erhöht werden kann.
Kleines Feuilleton.
Leichenbegängnis.
Bon Michael Levai.
Uebersetzt von Z. V. sM.
Am Ende der Hauptstraße sind noch die rauchenden
Trümmer der eingeäscherten Häuserreihen sichtbar.
Noch hört man das surrende Sausen der verirrten
Granaten, die pfeifend durch die Luft schwingen, dann
aber mit gewaltigem Donner auf den Boden krachen
und die aufgewühlte Erde turmhoch ln die Höhe
schleudern. Die Verwundeten sind bereits aus der
Feuerlinie gehoben. Ernst und entschloffen trugen be¬
jahrten Landstürmer die Toten auf den Friedhof. Das
breite Grab erwarte! mit weitgeöffnetem Schlund
seine Opfer, die jetzt mit geschloffenem Auge hinauf in
den schwarzen Himmel starren, wo der Mond im
bleichen Schauer zittert. Eine weiße Schneekruste ist
das Leichenleinen, aus dem sie langgestreckt ruhen. Auch