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MULVIII. Jahrgang. J|g S9.
Der Israelit.
Ein
Genlrat-Hrgan für das orthodoxe Zudenthum.
Begründet von
Dr. fe^mattn in Utain}.
Wonta$, de« 17 Mai 5657 (18S7).
Leitender Artikel.
„Bettelbriefe aus Galizien."
Eia düsteres EtüS Cultarseschichte.
Krakau, im Mai.
Sie haben mich, Herr Redacteur, mit einer heik¬
len Mission betraut und zögernd gehe ich daran, mich
derselben zu entledigen. Da« von Ihnen angeregte
Thema muß jeden Galizaner 'peinlich (berühren und
obwohl ich keinen LokalpatriotismusKkenne, hätte ich
Ihnen Dank gewußt, wenn Sie sich an einen andern
Mitarbeiter gewendet hätten.
Tie Judenheit Deutschlands wird förmlich mit
Bettelbriefen aus Galizien überschwemmt," schrei¬
ben Sie mir „und deßhalb wäre Ihnen eine Ab¬
handlung über dieser Thema, ob und welche Berech¬
tigung diese Schnorrbriese haben, sehr erwünscht".
Diese Frage wühlt all meine Gefühle auf und vor
Schmerz zuckend, muß ich sie vollinhaltlich bejahen.
Ja, die erdrückende Majorität der hierländischen jü¬
dischen Bevölkerung, lebt im größten Elende, leidet
allerhand Entbehrung, vegetirt kaum, die Menschen¬
würde geht in die Brüche und man kann es den
Desparaten wahrlich nicht verargen, wenn sie, wenn
auch nur für den Moinent, eine Linderung ihrer
Noth durch Bettelbriefe erstreben. Unverdiente Ar-
muth soll keine Schande sein, das mag seine Richtig¬
keit haben, aber nur für die Betroffenen, für die
Elenden, wenn aber die Reichen, die Mächtigen des
Lander, ihre unglücklichen Brüder im Stiche lassen
und ihnen nicht einmal mit moralischen Mitteln unter
die Arme greifen, so sind sie, die Einflußreichen, die
eigentlich Schuldigen und für dar Elend ihrer Mit¬
menschen verantwortlich und nur sie trifft die Schande,
wenn ihre Brüder ihr Heil vom Auslande erwarten. —
Die traurige wirthfchaftliche Lage der Juden
Galiziens verschlimmert sich zusehends, weite Schichten
der Bevölkerung werden aus ihren, sozusagen erbge¬
sessenen Berufen depossedirt, sinken zum Proletariat
herunter, denn neue Nahrungszweige erschließen sich
ihnen nicht, und die alten werden ihnen durch eine
Maulwurfsarbeit ihrer politischen Gegner langsam
aber stetig entzogen. Der Zwischenhandel wird ihnen
entrissen, die Produktion war nie ihre starke Seite,
war ihnen überhaupt nur schwer zugänglich, woher
also den Consum bestreiten? In den Landstädten, in
den Dörfern entstehen die christlichen Berkaufrläden,
wie die Pilze nach einem Regen, sie werden sogar,
unter dem Vorwände, den „inländischen" Handel zu
unterstützen, von den autonomen Landesbehörden sub*
ventionirt, und verkrachte Subjekte finden bei diesen
„patriotischen" Unternehmungen Amt und Brod. Auf
die Kundschaft wird eine moralische Pression ausge-
übt, sie muß nolens volens im „christlichen" Ge¬
schäfte ihren Bedarf decken, der Producent verkauft
seine Naturerzeugnisse direkt, an diese „arischen" Ge«
mischtwaarenHandlungen, und der jüdische Krämer
hat das Zusehen. Er ist wohl unternehmender, ge¬
schäftstüchtiger, rühriger, gegen eine Organisation
aber gegen die Sekkaturen auf Schritt und Tritt kann
er nicht aufkommen und überdies fehlt ihm der
N6rvu8 raum, — das Betriebskapital. Und so wird
er immer mehr zurückgedrängt, an die Seite geschoben,
lungert müssig an der Stätte seiner früheren Thätig-
keil, am Marktplatze und schaut hilfesuchend um sich,
ohne einen Stützpunkt für seine schwachen Kräfte
finden zu können. Was soll er beginnen? Ein
Handwerk erlernen? Dazu ist'» zu spät. Ein Tag¬
löhner werden? Dazu reichen meistentheils seine
Kräfte nicht aus und überdies dürfte er als solcher
schwerlich genügende Beschäftigung finden. Obendrein
dünkt er sich, aufrichtig gesagt, hiezu zu gut, denn
er zählt sich und das mit Fug und Recht, zur In¬
telligenz, er besitzt durchweg» talmudisches Wissen.