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stände zu. Das ganze Land wird von einer Clique
beherrscht, die alles terrorisirt und von der Corruption
angeekelt, ziehen sich die anständigen Elemente resignirt
zurück.
In Galizien sterben jährlich Hunderte von Leuten
den Hungertod. Der Galizier ist überhaupt schlecht
genährt und deshalb ist seine Arbeitsleistung eine
geringfügige. Diese Behauptung hat ein Mitglied
des reichsräthlichen Polenklubs, Szczepanowski, in
seinem Werke „Nendza Galicgi" — die Nothlage
Galiziens — das bei seinem Erscheinen solch ein
trauriges Aufsehen erregte, ausgestellt und auch
statistisch bewiesen. Zum ersten Male hatte ein Pole,
der überdies auf nationalökonomischem Gebiete eine
Autorität ist, den Muth, seinen Connationalen die
Wahrheit zu sagen und sie darauf aufmerksam zu
machen, welcher Zukunft sie entgegengehen. Szczepa¬
nowski, der in mehreren Ländern die wirtschaftlichen
Verhältnisse ftudirt hat, hat sehr viel zur Entwicklung
der Naphtaindustrie in Galizien beigetragen, ist Be¬
sitzer mehrerer Naphtagruben, und seine Stimme
fand im Lande ein mächtiges Echo. Er war der
Erste, der auf das galizische Elend hinwies, und
Mittel und Wege namhaft machte, wie demselben
langsam zu steuern sei. Er hatte die Courage, einen
Aderlaß, eine kleine jährliche Auswanderung anzu¬
empfehlen, eine Steigerung der Bodenerträgnisse
durch einen rationellen Anbau und Hebung der Er¬
tragsfähigkeit durch Anwendung aller technischen Er¬
rungenschaften der Neuzeit. Trotzdem das Elend der
Juden Galiziens ein himmelschreiendes ist, haben
manche polnischen Organe die Frechheit, auf jüdischen
Reichthum hinzuweisen. Weil hie und da ein Jude
ein kleines Vermögen hat, wollen sie das bodenlose,
unergründliche Elend der Massen nicht sehen. Szczepa¬
nowski hat in seinem Werke, das auf offiziellen Daten
bafirt, den Beweis erbracht, daß der Jude im Durch¬
schnitte viel weniger verdient als der Christ, dafür
aver bedeutend sparsamer ist und wenn er was ein¬
bringt, so spart er sich das vom Munde ab. Ueber-
dies sind ihm viele Subsistenzmittel, die obendrein
mit socialer Stellung und Einfluß verbunden sind,
die Beamtenstellen verschlossen und während jedem
Volke, jeder Volksklasse ein Theil der Steuerleistung
durch öffentliche Anstellung vom Staate zurücker¬
stattet wird, müssen die Juden trotz der gepriesenen
Gleichberechtigung auf dieses Entgelt verzichten, was
in Galizien um so mehr in die Wagschale fällt, als
bei uns, da der eigentliche Bürgerstand noch schwach
entwickelt ist, das Beamtenthum eine dominirende
Stelle einnimmt. Im Staatsdienste gehören jüdische
Beamten zu den Seltenheiten und im Communal- und
Landeskomitee kann man sie an den Fingern zählen.
Auf die Industrie können sie sich auch nicht werfen,
da wie gesagt, der Großbetrieb noch ganz darnieder¬
liegt und wohl schwerlich floriren wird. Die Zuge¬
hörigkeit Galiziens zum österr. Staatsverbande wird
in diesem Kronlande schwerlich eine Industrie auf-
kommen lassen, da die kapitalskräftigeren und kulturell
höher stehenden westlichen Provinzen alles mit ihrer
Concurrenz erdrücken. Möglich, daß es mit der
Zeit gelingen wird, manche Artikel, für welche
das Rohmaterial an Ort und Stelle vorhanden ist,
für den Localconsum zu erzeugen, weiter aber wirds
nie kommen, denn wir haben auch kein geeignetes
Menschenmaterial. Auf wirthschaftlichem Gebiete ist
Russ.-Polen viel besser daran, denn da es culturell
auf einer höheren Stufe steht, als das eigentliche
Rußland, hat es auf seinem Territorium eine gro߬
artige Industrie, theilweise mit ausländischen Kapi¬
talien und Menschenmaterial großziehen können, und
das Innere Rußlands bietet ein weites und breites
Absatzgebiet.
Ueber unser Menschenmaterial, resp. über dessen
Inferiorität, sowohl der oberen als derunttren Stände,
wäre überhaupt viel zu sagen. So mancher Versuch,
so manches Unternehmen erlitt nur deßhalb ein schmäh¬
liches Fiasko, weil man hiefür keine geeigneten Männer
fand. Der selige Baron Hirsch hat davon viel zu
erzählen gewußt. Die hiesige Handwerkerschule, mit
so vieler Mühe und Kosten ins Leben gerufen, mußte
aufgelöst werden, weil die an die Spitze gestellten
Männer, der Sache kein richtiges Verständnis ent¬
gegenbrachten. Das Institut verschlang immense
Summen und die Erfolge waren sehr problematischer
Natur. Selbst die Wohlthätigkeitsbureau», die an
Handwerker und kleine Handelsleute monatlich
öst. fl. 12000 an Unterstützungen vertheilten, mußten
aufgehoben werden, da es sich herausstellte, daß die
Gelder nicht an die richtigen Adressen gelangten. Die
Bittsteller mußten jahrelang auf die Erledigung ihrer
Eingaben warten, wer aber sich Protektion zu ver¬
schaffen wußte, der erhielt prompt eine Subsidie, selbst
wenn sein Anrecht kein besonders begründetes war.
Bei uns kann eben nichts Gemeinnütziges von Dauer
sein, das öffentliche Wohl dient nur als Vorwand
Ehrenämter zu ergattern, die dann gelinde gesagt —
gesellschaftlich ausgebeutet werden. Die jüdische mo¬
derne Intelligenz hat sich über Ideale nicht zu be¬
klagen, man absolvirt schlecht und recht sein Brod-
ftudium, trachtet reich zu heirathen, dann wird jeder
Ballast über Bord geworfen und eine KlabriaSparthie
im Casino, die sich oft bis zum heranbrechenden
Morgen hinzieht, bildet die geistige Zerstreuung
uach des Tages Mühe. Von einem Pflichtbewußt-
fein den Müden und Beladenen gegenüber, ist keine
Rede, verschwindende Ausnahmen bestätigen nur die
Regel, der Herr Doctor sieht auf den polnischen
Juden mit Verachtung herab, selbst wenn seine näch¬
sten Verwandten noch im langen Kaftan umhergehen,