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XXltlll Jahrgang.
Ein
Der Israelit
Gentrat-Hrgan für das orlhodoXe Zudenlhum.
Begründet von
Dr KehMttNN in Mtstnz
Donnerstag, den IS. August 5657 (1897).
Für Eine Mnest
abonnirt man bei allen Postanstalten für den Monat
W September U
auf den „Israelit". Dieser Preis tritt aber nur rin bei
Abonnements, welche rechtzeitig am Post-ZeitungSschalter de»
Wohnortes de» Besteller» oder bei dem betreffenden Land-
briefträger ausgegeben werden.
Die Erpedttion des „Israelit".
Leitender Artikel.
Hebräische oder deutsche Gebete?
von
Simon Frankfurter (Wesel).
(Schluß.)
Und nun, da ich von der Bedeutung unserer
Gebete gesprochen habe, so wollen wir auch nicht ver¬
säumen, jene Forderungen unserer sogenannten „Auf¬
geklärten" der Synagoge näher zu betrachten, sie zu
beleuchten und denselben, wie Sie mit mir am
Schluffe meines Vortrags einstimmen werden, heim¬
zuleuchten. Warum richten wir nicht deutsche Gebete
ein? fragt Mancher. Warum singen wir unserem
Gotte nicht auch Lieder beim Klang der Instrumente
gleich anderen Confessionen? Wir haben dock so
hübsche deutsche Gebete von gebildeten Rabbinern der
Neuzeit? Warum diese nicht sprechen, die doch jeder
versteht f
Wohlan! als ich vorher über die alten Gebete
sprach, da kam ich auf deren Verfaffer zurück, schaute
auf ihren Lebenswandel und suchte deren Ideen zu
beleuchten. Consequenter Weise will ich denn auch
hier die Verfaffer der neuen deutschen Gebete Revue
passiren laffen und Sie werden unparteiisch urtheilen.
— Es sind dies Männer, die ihr Ariennium aca-
demicum abgemacht haben, d. h. drei Jahre auf
der Universität studirten. Während dieser Zeit haben
sie tüchtig Lateinisch und Griechisch getrieben, auch,
wie es einem braven, deutschen Studenten zukommt,
einer Verbindung angehört und in derselben gehörig
deutsch mitgezecht, mitgetrunken, auch vielleicht auf
dem Fechtplatz tapfer drauf losgepaukt, (d. h. „sich
geschlagen" in der Studentensprache). Nebenbei ha¬
ben sie dann, da ihr Beruf doch das Rabbinat ist,
auf der Hochschule des Judenthums in Berlin einige
Vorlesungen über Talmud gehört. Sie machen nun
später ihr Doktorexamen, die jungen Candidaten,
und suchen sich in irgend einer aufgeklärten Gemeinde
d. i. einer solchen, Stellung, die aus Leuten zusammen¬
gesetzt ist, die sich um Wissenschaft, sei es jüdische
oder profane im Leben gar wenig gekümmert haben
und sich nun auf das hohe Pferd fetzen. In einer
solchen Gemeinde, kann es ein vorerwähnter Rabbiner
wohl aushalten Er muß nur gute Reden d. h.
hübsche Phrasen machen können, hübsch galant gegen
Damen und vor Allem nicht »bigott" sein. Je
freier er lebt, desto gebildeter ist er; je weniger er
sich um unsere heiligen Gesetze kümmert, desto „ge¬
haltvoller" ist und wird er, in jeder Beziehung näm¬
lich, denn ein solcher Mann muß standesgemäß leben
können und der Gemeinde zur Ehre erhalten bleiben.
In seinem Hause darf der Herr Rabbiner thun, was
ihm beliebt, das kümmert keinen großen Geist. Der
Andersgläubige sogar lobt den Fortschritt der Ge¬
sinnung eines solchen Rabbinen, der sich längst über
alte Vorurtheile, über alles Engherzige hinweggesetzt
hat und mit „Aufopferung seines eigenen Jchs" dazu
beiträgt, daß endlich die Dämme gebrochen werden
und die alten Schranken fallen, die uns von unseren
nichtjüdischen Mitbrüdern trennen. O! der Mann ist