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so frei, er findet sogar einen alten Zopf der Into¬
leranz darin, daß die Mischehe zwischen Juden und
Angehörigen anderer Confessionen nicht zugelassen
werden sollen. Die Decretirung der erlaubten Misch¬
ehen durch eine Rabbinerversammlung, so meint der
Herr Doctor, würde doch zum allgemeinen Frieden
beitragen. Und der allgemeine Frieden bezeichne
doch dar mesfianrsche Reich. So ist der Herr Doktor
ein Vorkämpfer des Messias. Derartig find die
Ansichten des Herrn Rabbiners, der, nebenbei gesagt,
sehr gut von seinem Gehalte lebt, Nichts ohne Geld
thut und sich amüsirt, so gut er kann. Er hält seine
Predigten, kopulirt, segnet die Kinder ein und-
nein taufen kann er sie nicht, soweit hat eS die To¬
leranz der Rabbinerconcilien noch nicht gebracht.
Diese Kategorie von Rabbinern, diese Heroen nun
sind eL, die in ihrer müßigen Zeit, und solche haben
sie gar viel, Gebete verfassen, sie verkaufen dieselben
einem Verleger, wenn sie einen finden, oder halten
sie im Selbstverlag, in Verlegenheit kommen sie wohl
selten. So'n Gebet, Du lieber Gott! ist leicht ver¬
faßt ; Papier ist geduldig, und der Drucker nimmt
da- beste Material. Der Buchbinder macht auch
seinen Schnitt d. h. einen Goldschnit, und für 2—3
Mark kann sich mancher in den Besitz des hübschen,
in Prachtband gebundenen Büchleins setzen. Sehen
Sie! das sind die neuen, deutschen Gebete. Solcher
Art ist so manches von gelehrten, neologen Rabbinen
begutachtetes und vielleicht auch von nichtjüdischen
Geistlichen für unschädlich befundenes Gebetbuch. Und
nun muthe uns ein Jehudi zu, durch solche Worte
uns zu erbauen, in solche Worte derartig entstandene
Gebetbücher unsere heiligsten Empfindungen hineinzu-
legen. Und wie alltäglich, wie fade und gehaltlos
sind alle solche Expectorationen, beten Sie diese
„Gebete" mal täglich, und wir wollen sehen, ob Sie
mit der Zeit und sogar bald derselben nicht über¬
drüssig werden. Und nun denken Sie sich die Oegel
dazu, abgesehen von dem Gesetze, welches sie aus¬
drücklich verbietet, — (die Gründe des Verbotes zu
entwickeln, würde die Grenze des mir vorgenommenen
Themas überschreiten-, — welche von einem Nichtjuden
gespielt wird. Wie fremd ist aber jenes Instrument
dem jüdischen Charakter! Einst wurden unsere Vor¬
eltern vor ihrer Hinrichtung in die Kirchen geschleppt
und aufgefordert, unfern Gott zu verleugnen, und
da hörten sie die Töne der Orgel, die ihre Sinne
berauschen sollte.
Wahrlich! wer wäre, wenn er alles dies in Be¬
tracht zöge, noch so alles Gefühles, aller Pietät baar,
deutsche!-Gybeie und Orgelbegleitung schön oder gar
erbaulich für unsere Synagogen zu finden d Wer
findet nicht im Gegentheil in derlei Institutionen
Lästerung Gottes, des Allheiligen, Verleugnung unserer
Vorfahren? Und nun könnte man noch einwerfen:
Weßhalb werden dann die alten Gebete nicht in der
Landessprache vorgetragen? Aber denken Sie, es ist
die heilige Sprache ihr Urtext, in der einst Gott
seine ewigen Gesetze gegeben, die geheiligt ist durch
hohes Alter, in der gebetet haben unsere Ahnen bei
ihren Freudefesten, in deren Worten sie lallend aus
dem Scheiterhaufen geendet haben. Sie ist die hei¬
lige Sprache, die von allen Confessionen der civili-
sirlen Wett begehrt worden, um unsere Bibel sich
aneignen zu können und sie als Grundpfeiler zu
setzen, darauf ein neues Gebäude zu bauen, damit
dieses hinreichend gestützt werde. Ja! wohin wir
auch auf der Welt verschlagen werden, kehren wir
in die Synagogen ein und rufen „Sch'ma Jisroel".
da versieht uns jeder Glaubensbruder, da tritt Jeder
an uns heran und Hilst uns, wenn wir der Unter¬
stützung bedürfen, und steht uns bei, wenn wir leidend
sind. Mit dieser Sprache auf den Lippen, da starben
alle unsere Vorfahren, und wenn wir am Rande des
Todes liegen und unsere Brüder uns umstehen, da
rufen wir gewiß nicht: „Höre Israel," da rufen
wir in der letzten großen Noth am Eingänge in die
Ewigkeit noch im Verscheiden: „Sch'ma Jisroel!"
O! lesen Sie die hebräischen Gebete im Urtext,
und Sie werden den großen Unterschied sinden, der
zwischen diesen und der Übersetzung besteht. Beten
Sie mit Aufmerksamkeit Schemone esre, und fühlen
werden Sie, wie alle unsere Wünsche in der er¬
habensten Sprache darin Ausdruck finden. Hören
Sie einen fähigen, mit Gefühl begabten Vorbeter an
den hohen Feiertagen, Rosch haschanah und Jomkippur,
die ersten Berachot der Schemone esre singen und
bedenken, was er sagt, wenn er vom Gotte Abra¬
hams, Jsaacs und Jacobs spricht, dann wird es
wieder tönen in Ihrem Herzen und Thronen der
Wehmuth werden Ihre Wangen benetzen. Schauen
Sie auf jenen großen Mann, den Patriarchenfürsten
Abraham, der durch seine hohe Vernunft zuerst den
Einig-Einzigen erkannt und ihn gelehrt hat seinen
Mitmenschen, jenen Abraham, der sich dem Feuertode
weihen wollte um des heiligen Namens Willen, der
seinen Sohn dem Herrn als Opfer zu bringen be¬
reit war, der für seine heilige Ueberzeugung Alles
hingab, und dessen Lehren heute in allen Kirchen
aller civilisirten Nationen als Grundlehren ange¬
nommen, und dessen Worte in allen Moscheen des
Orients Wiederhall gefunden haben. Denken Sie an
den Sohn Jsaac, der sich wie ein Lamm bmden ließ
und auf die Schlachtbank legte, weil es sein Vater,
weil es Gott gewollt, und sehen Sie in ihm die
Idee der Elternliebe verkörpert. Schauen Sie end¬
lich aus Jacob, dessen ganzes Leben wiederum Gott
geweiht war! Bei diesen Gedanken müssen Sic mit
Stolz, aber auch mit Wehmuth erfüllt werden, Söhne
und Töchter solcher Ahnen zu heißen. Und in dieser