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welche Gefahren der Boden der so arg unterwühllen
republikanischen Gesellschaft in Frankreichs wichtigster
Kolonie in sich birgt. Viel schlimmer aber ist für die
Juden in Algier der furchtbare Terrorismus, der von
den Antisemiten und ihren Zeitungen dort geübt wird.
Ständige Rubriken dieser Organe sind Anzeigen etwa
folgenden Inhalts:
Mad. X . . ., Gattin eine» ehemaligen Depu-
lirten, kauft bei den Dreckjuden Salomon, wir war¬
nen sie, sich nicht dabei ertappen zu lassen.
Mdlle. D. hat eine jüdische Schneiderin, wir
haben sie schon zweimal gewarnt, da- nächste Mal
werden unsere Freunde handeln.
Fabrikant Z. hat unter seinen Arbeiterinnen
jüdische Cigarettenwicklerinnen, wie lange will er
Frankreich so in da» Gesicht schlagen?
Die Omnibu-gesellschaft hat angeblich ihre jü¬
dischen Angestellten entlassen, in ihrem Bureau arbei¬
tet aber noch der S .. jude Reinach, wissen ihre
Direktoren nicht, daß R. dem verhaßten Volke an¬
gehört? rc.
Diese Annoncen erscheinen täglich und man
kann sich leicht denken, welchen Terrorismus diese
Methode erzeugen muß. Die feinen Damen, die in
jüdischen Geschäften kauften, scheuen sich den Straßen¬
insulten sich auszusetzen, sie decken ihren Bedarf in ande¬
ren Geschäften, die Arbeiter und Arbeiterinnen werden
bis auf das äußerste gegen ihre jüdischen Kollegen
aufgehetzt und selbst da, wo der Fabrikant den Muth
hat, den Israeliten in seiner Arbeit zu behalten,
dulden die anderen Arbeiter es nicht, ruiniren das
Handwerkszeug rc., bis der Jude oder die Jüdin
freiwillig den Dienst verlassen. So hat der Fabrikant
La Contra zum Beispiel 40 jüdische Mädchen ent¬
lassen und an ihrer Stelle christliche Spanierinnnen
zum Cigarettendrehen anstellen müssen rc. Selbst
die großen Gesellschaften weichen dem Terrorismus,
die Dampfschifffahrt»- und Eisenbahngesellschaften,
die Omnibus- und Droschkenkompagnien haben alle
ihre jüdischen Beamten, Kutscher, Arbeiter rc. ent¬
lassen, oft ohne Entschädigung, um ihr Material nicht
den Angriffen des fanatisirten Pöbels auszusetzen.
Ebensowenig duldet die Stadtverwaltung noch jüdische
Angestellte in ihrem Dienste, vielleicht einige Aerzte
ausgenommen.
Wohl versucht der Generalgouverneur Lepine,
dessen gerechtes und ruhiges Verhalten rühmend an¬
erkannt werden muß, einzuschreiten, allein er kann
nur die ärgsten Tumulte verhüten, sonst ist er ein¬
flußlos, während Drumont mit einem Worte die
Straßendemonstrationen, Tumulte, ja vielleicht einen
ernsten Ausstand Hervorrufen oder verhüten kann.
Der eigentliche Chef der Antisemiten in Algier
ist ein verbummelter Student, Max RegiS, der in
Untersuchungshaft gesessen, weil er sich damit in
Paris gerühmt hat, daß er einen Eingriff in die
Geldschränke der Juden gethan habe. Dabei ist
dieser Hetzer gegen die „fremde Rasse" gar nicht
einmal Urfranzose, Fran<;ais de France, wie man
in Frankreich sagt, sondern nach den Worten deS
Justizministers Milliard in der französischen Kammer,
Italiener: „Dieser 33jährige junge Mann, der an
der Spitze der Unruhestifter stand, ist erst seit gestern
Franzose. Sein Vater wurde erst 1886 naturalisirt
und er ist erst kürzlich Franzose geworden." Dieser
Rädelsführer ist vor einiger Zeit verhaftet worden,
und die Vereinigung der Journalisten in Algier
und Tunis hat dem Generalgouverneur Lepine, weil
er nach dem Gesetz die Freilassung weigerte, die
Ehrenpräsidentschast entzogen. Diese Gesellschaft
wendete sich auch für Regis an das Journalisten¬
syndikat in Paris, doch umsonst, denn letzeres lehnte
ein Einschreiten ab.
Die Unruhen sind keineswegs auf Algier be¬
schränkt geblieben, in der ganzen Provinz, in Oran
und Constantine gährt es und jeden Augenblick kann
hier der Judenhaß in einer fürchterlichen Explosion
seine Stärke bezeugen, selbst bis nach Marokko hat
die Bewegung übergegriffen. Als einen Grund de»
Judenhasses und zwar seinen vornehmsten, wurde
immer das Edi.kt Cremieux bezeichnet, das den Juden
das Wahlrecht gab und die Araber angeblich neidisch
machen sollte. Jetzt sind aber die Unruhen auch in
Tunis, wo die Juden doch keinerlei politischen Rechte
haben und wo die Araber keinen Grund haben
gegen die Juden neidisch zu sein, wo sie auch vor
der französischen Herrschaft in dem besten Verhält-
niß mit den Israeliten gelebt haben. ES ist eben
von gar keiner Bedeutung, ob man diesen oder jenen
Grund vorschützt, es ist der alte, uralte Judenhaß,
den eine geschickte und bösartige Agitation aus
seinem Schlafe erweckt hat.
Man kann ermessen, in welchem Maße die ma¬
teriellen Verhältnisse der Juden leiden. Die Arbei¬
ter finden keine Arbeit, die Kaufleute können nicht
verkaufen, alle Geschäfte gehen schlecht, die Fremden,
die sonst in jedem Jahre das milde Klima anlockte,
wollten in diesem Jahre sich nicht unter die Herr¬
schaft eines Negis und Drumont stellen und sich
nicht der Gefahr aussetzen, in den Straßtumulten
für Juden gehalten zu werden. Es sieht trübe in
der jüdischen Gemeinde in Algier aus und man
zweifelt nicht mehr, wenn man sich diese Situation
vergegenwärtigt, an der Richtigkeit der Angabe, daß
allein in der einen Gemeinde 1500 Familien der
öffentlichen Wohlthätigkeit anheimgefallen sind. Es
sieht trübe aus und noch ist die Zukunft äußerst un¬
sicher, Drumont kandidirt für das Mandat in Algier
und ob er nun gewählt wird oder nicht, sicher bringt
der Monat bis zur Wahl neue schwere Verhetzungen