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Ein
XL Jahrgang.
M 90.
HenLrak-Hrgan für das orLHodore Iudenlhum
Begründet von
Df. in Ht«tni
Montag, de« 13. Novemder LSÜO (ISDN).
Leitender Artikel.
Die rellsIiWefttzllchr» Confmnrnifn Der
MW-W» in WM».
Die betrübenden religionsgesetzlichen Consequenzen
der Mischehen sind naturgemäß in allen Ländern die¬
selben. Wir greifen die diesbezüglichen Verhältnisse
in Ungarn nur deßhalb zur Besprechung heraus,
weil dort die Einrichtung erst wenige Jahre besteht
und dadurch zur Zeit lebhafter empfunden und dis-
cutirt wird als anderswo. Die durch eine ehe¬
liche Verbindung zwischen Juden und Nichtjuden ge¬
schloffenen religionsgesetzlichen Mißstände treten in
diesem Lande auch häufiger und empfindlicher zu
Tage, als in den meisten anderen Ländern.
Ungarn ist eines der wenigen Culturländer, das
keinen offiziellen Antisemitismus kennt, in dem daher
die sozialen Beziehungen zwischen Juden und Nicht¬
juden die denkbar besten sind. Es liegt auf der Hand,
daß diese guten Beziehungen auch leichter und häu¬
figer als sonst zu ehelicher Verbindung zwischen Juden
und Nichtjuoen führen. Bis zu der vor einigen
Jahren erfolgten Einführung der Civilehe war eine
eheliche Verbindung zwischen Juden und Nichtjuden
auch staallicherfeitS untersagt. Viele erwarteten sehn¬
süchtig die Einführung der obligatorischen Civilehe
und machten davon einen so ausgiebigen Gebrauch,
daß in Budapest allein wöchentlich mehr als hundert
Mischehen civil getraut wurden. Dazu kommt, daß
es leider in Ungarn auch gewiffenlose Rabbinen gibt,
die eine zwischen Juden und Nichtjuden geschloffene
Civilehe durch die nachher vollzogene religiöse Trauung
auch religionsgesetzlich als legal anerkannten. Die
hierdurch emgeriffene Verwirrung und Verwilderung
wird noch dadurch gesteigert, daß bisher die Führung
der Civilstandsregister in den Händen der Geistlichen
lag und bei den Juden von den Rabbinen gchand-
habt wurde. Durch diese sogenannte Matrikenführung
war eine zuverlässige Controlle über die Zulässigkeit
der geschlossenen Ehe von selbst gegeben. Diese Con-
trolle hat jetzt aufgehört und eine zuständige Behörde
zur Entscheidung über den religionsgesetzlichen Carak-
1er der geschloffenen Ehen existirt für Ungar« nicht
mehr. Ihr Mangel wird dadurch dort viel mehr
vermißt, als in denjenigen Ländern, in welchen sie
nie vorhanden war.
Die Mißstände, welche dadurch geschaffen wurden
und sich jeden Tag mehr fühlbar machen, find, wenn
ihnen nicht rechtzeitig und mit Erfolg entgegen ge¬
treten wird, geeignet die Reinheit des jüdischen Fa-
milien-Lebens in Frage zu stellen. Das wftrde von
einsichtigen Rabbinen schon vor Inkrafttreten des
Gesetzes über die Civilehe erkannt und in öffentlicher
Aussprache betont. Besonders die von Herrn Rab¬
biner Katzburg trefflich redigirte jüdisch-wissenschaftliche
Zeitschrift „Tel Talpijoth" zu Wattzen, hat
dies.m hochwichtigen Gegenstand seit Jahren ihre
Spalten für die Darstellungen kompetenter Fach¬
männer geöffnet.
Das große Verdienst der Angelegenheit eine
besondere Schrift gewidmet zu haben, gebührt Herrn
Rabbiner Kutna in Eisenstadt. Dieselbe führt
den Titel nrr rrnnan. Sie behandelt die Qualifica-
tion der in einer Mischehe erzeugten Kinder und die
Frage, ob und in wieweit eine nur standesamtlich
geschloffene Ehe religionsgesetzliche Gültigkeit hat. Ein
später erschienener zweiter Theil behandelt die Frage
der Aufnahme von Proselyten in unserer Zeit im
allgemeinen und speziell die Aufnahme von Kindern
eines jüdischen Vaters und einer nichtjüdifchen Mutter.
Diese anregende, die complicirtesten Probleme
der jüdischen Gesetzeswiffenschaft behandelnde Schrift