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Hai abgesehen von ihrem inneren, eigentlichen Werthe
noch da» Verdienst einige andere berufene Gelehrte
veranlaßt zu haben diesen Fragen besondere Schriften
zu widmen. Es liegen UN» in einem Bande ver¬
einigt zwei solcher Schriften vor, die sich durch ihre
Präcifion, Klarheit und Gründlichkeit besonder» aus¬
zeichnen. E» ist eine Broschüre de» Herrn Rabbiners
M. L. Winkler inBrescowa, welche den Namen
*pj ta führt und eine solche de» Herrn Rabbiners
I. Silberstein in Waitzen unter dem Titel:
rwn (Verlag: Administration des „Tel Tal-
pio» in Waitzen.")
Wenn diese Schriften auch im wesentlichen mit
den Resultaten der Kuttna'schen Broschüren einig
gehe», so enthalten sie doch hinsichtlich der einzelnen
Ausführungen viele Berichtigungen und Ergänzungen.
Jeder einzelne Theil dieser Schriften bekundet eine
so reiche Gelehrsamkeit, Belesenheit, Klarheit der
Gedanken und Präeision des Ausdrucks, daß dieQua-
lification der Verfasser in diesen tief einschneidenden
Fragen ein entscheidendes Wort zu sprechen, sich jedem
kundigen Leser von selber aufdrängt. Es ist dies eine der
wenigen Confequenzen erfreulicher Art, welche dieser Cala-
mität anhaften, daß so groß dieselbe für die ungarische
Judenheit auch sein mag, doch gerade durch sie die
Thatsache bekundet wird, daß es G. f. D. nicht an
»Rim 'brv fehlt, welche mit ihrer tiefen Einsicht und
ihrer reichen Gelehrsamkeit geeignet find, dem schwe¬
ren Mißstand mit Erfolg entgegen zu treten.
Die endgiltigen Resultate, zu welchen die Bro¬
schüre sps» gelangte, faßte der Verfasser in
mehrere Thesen zusammen, von welchem wir die
folgenden hier anführen:
1) Bei einer Mischehe kann, wenn auch nach¬
träglich der eine Theil zum Judenthum übertrat,
keine religiöse Trauung stattfinden.
2) Mit dem Besitz von Kindern, die einer
Mischehe entsprossen sind, haben Eltern die Pflicht
der Hausesgründung selbst dann nicht erfüllt, wenn
diese Kinder später zum Judenthum übertreten; das¬
selbe gilt auch dann, wenn die nichtjüdische Ehehälfte
vor der Geburt der Kinder zum Judenthum
übertrat.
3) DaS Kind einer israelitischen Mutter und
eines nichtisraelitischen Vaters, kann sich mit jedem
Angehörigen des Judenthums verheirathen, einige
Ausnahmen finden in Bezug auf die Verheirathung
mit Kohanim statt.
4) Der Sohn einer während ihrer Schwanger¬
schaft ins Judenthum eingetretenen Profelytin, ist
nicht zu dem Tauchbad (nb> 2 v) verpflichtet, das sonst
Proselyten bei ihrem Uebertritt zum Judenthum vor¬
geschriebe» ist.
5) Der erstgeborene Sohn eines von einer
Nichtjüdin geborenen Leviten, die vor der Geburt
dieses Sohnes zunr Judenthum übergetreten, ist
verpflichtet sich selber auszulösen (während sonst bei
Leviten diese Pflicht ganz wegfällt).
6) Die Kinder aus einer nur standesamtlich
vollzogenen jüdischen Ehe, werden im Falle einer
Verheirathung und der später etwa folgenden Ehe¬
scheidung in dem Scheidebrief als Kinder ihres
Vaters bezeichnet, sobald sich derselbe als solcher
bekennt.
7) Ob dasselbe auch bei Kindern der Fall ist,
die mit ihrem Vater zum Judenthum übergetreten
sind, ebenso bei Kindern eines nichtjüdischen Vaters,
der erst nach deren Uebertritt zum Judenthum über¬
getreten ist, bleibt unentschieden.
8) Ein Kind aus der Civilehe eines Israeliten
mit einer Nichtisraeltiin, darf in das Judenthum
nur dann ausgenommen werden, wenn es seine Er¬
ziehung außerhalb des Elternhauses erhält. Es muß
urkundlich, in verbindlicher Form, vor Gericht die
Garantie gewährleistet sein, daß das Kind nach
seinem Uebertritt zum Judenthum, Kost und Logis,
sowie seine Erziehung für Thora und Mizwoth im
Hause eines gesetzestreuen Israeliten hat und zwar
unter Aufsicht des zuständigen Rabbinats-Collegiums.
9) Ein in das Judenthum aufgenommenes Kind
hat mit Eintritt in das religions-mündige Alter
das Recht, gegen seine Aufnahme Einspruch zu er¬
heben und zu seiner ursprünglichen Religion zurück¬
zukehren. Ist aber die religiöse Mündigkeit auch
nur kurze Zeit eingetreten, ohne daß eine solche Ein¬
sprache erfolgt ist, so gehört das Kind für alle Zeit
dem Judenthum an. Das religiös-mündige Alter
beginnt wie bei Israeliten, für Mädchen nach zwölf
Jahren und einem Tag, für Knaben mit dreizehn
Jahren und einem Tag.
10) Um Proselyten aufzunehnlen, ist ein Rab-
binats-Collegium von drei gesetzestreuen Mitgliedern
erforderlich, welchen zum mindesten keine jener
Qualifikationen abgehen, die für Zeugen und Richter
in civilrechtlichen Angelegenheiten nach jüdischem
Religionsgesetz erforderlich sind. Wer diese Be¬
dingung bei dem Collegium, das die Aufnahme eines
Proselyten vollzogen hat, nicht innegehalten, oder
sobald darüber keine Gewißheit ist. so hat die Auf¬
nahme noch nachträglich durch ein der Vorschrift
entsprechendes Collegium stattzusinden. Dies ist be-
besonders rathsam, wenn es sich um Eintritt in eine
Ehe handelt, hier hat der die Trauung vollziehende
Rabbiner speciell darauf zu achten, daß vorher
allen Vorschriften des ReligiongSgesetzes betr. Auf¬
nahme deS Proselyten in gewissenhaftester Weise
entsprochen ist.
Die Schrift flwn rrmw weicht in der Auffassung
des Quellenmaterials und in einzelnen Theilen der
Beweisführung, die zu obigen Thesen führte, ab,