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kommt aber von einigen untergeordneten Punkten
abgesehen wesentlich zu denselben Resultaten, die sie
auch durch einige neue ergänzt.
Bei der Wichtigkeit der Sache möge es gestattet
sein, an einzelne der hier erwähnten Thesen einige
Bemerkungen zu knüpfen.
Was den Punkt 8 betrifft, so möchte ich auf
eine Entscheidung Samson RaphaelHirsch ^Ttr
verweisen, die durch folgende Veranlaffung herbei¬
geführt wurde. — An den Schreiber dieser Zeilen
wurde eine diesbezügliche briefliche Anfrage gerichtet,
die mir nach Frankfurt a. M-, wo ich mich für
einige Tage aushielt nachgesandt wurde. Ich legte
diese Frage Rabb. Hirsch b*» zur Entscheidung vor
und schrieb dann Meine Antwort genau nach dieser
Entscheidung, die ich Rabb. Hirsch nochmals vor
ihrer Absendung zur Durchsicht vorlegte und die er
mir als seinen Intentionen entsprechendlzur Weiter¬
beförderung zurückgab. Dieselbe lautet:
Frankfurt a. M., den 6. Nov. 82.
Herrn..
Ihr gesch. Schreiben vom 31. v. M- ist mir hierher
nachgefandt worden und wollen Sie die hierdurch entstandene
Verzögerung gütigst entschuldigen.
In Erwiederung Ihrer Anfrage, ob an einem von
einem jüdischen Vater und einer nichtjüdischen Mutter er¬
zeugten Knaben auf Wunsch der Eltern die Beschneidung
vollzogen werden darf, theile ich Ihnen mit, daß die Erfüllung
dieses Wunsches religionsgesetzlich zwar zulässig ist, daß aber
gewichtige Bedenken eS als dringend geboten erachten lassen,
von dieser Zulässigkeit in vorliegendem Falle keinen Ge¬
brauch zu machen.
DaS Kind theilt, wie Sie bereits selbst richtig bemerkten,
in vorliegendem Falle das religiöse Bekenntniß der Mutter,
ist also kein Jude, wird es aber durch rv?’D und
werden. Verbleibt das Kind nun in dem religiösen Be¬
kenntniß, dem es durch seine Geburt angehört, so ist ihm
die Möglichkeit gegeben, durch Beobachtung deS m m$fD
ein gottgefälliges Leben zu entfalten, indem es die rein
menschlichen Pflichten erfüllt, die ihm obliegen.
Wird aber das unmündige Kind auf Wunsch seiner
Eltern ins Judenthum eingeführt, so werden ihm die in
heutiger Zeit doppelt und dreifach schwer zu erfüllenden
jüdischen Pflichten und damit eine Verantwortung auferlegt,
der es nach menschlicher Berechnung kaum je gerecht werden
kann. Es ist in normalen Fällen nicht anzunehmcn, daß
Vater und Mutter, die in wilder Ehe leben, den religiösen
Ernst über den sie sich in ihrer ehelichen Verbindung hin¬
wegsetzen, für die Erziehung ihres Kindes besitzen (und zum
Ausdruck bringen sollten, auch wenn, wie Sie dies in vor¬
liegendem Falle in Aussicht stellen, die Mutter später zum
Jubenthum überträte. Durch HTudi rD’O legen Sie somit
dem Kinde Pflichten auf, zu denen es an und für sich nicht
verpflichtet wäre, ohne ihm die Möglichkeit zu geben, dieselben
erfüllen zu können. Diese Bedenken, die nach religionSge-
gesetzlicher Vorschrift jedem erwachsenen Profelyten zum
Bewußtsein zu bringen sind, haben einem unmündigen Kinde
gegenüber in unserer Zeit eine so verantwortungsschwere
Bedeutsamkeit, daß keiner, der in der Gewissensruhe und
dem Seelenfrieden seines Nebenmenschen die heiligsten, un¬
antastbaren Güter erblickt, seine Hand zu deren ernstlichen
Gefährdung bieten kann.
Sie haben dieses Moment in Ihrer fchätzenöwerthen
Abhandlung über die Mischehe so trefflich behandelt, daß ich
nicht länger dabet zu verwetten brauche.
Indem ich Ihnen anheimgebe u. f. w.-
Man sieht hier die principielle Uebereinstimmung
beider Entscheidungen und es ist gewiß, daß auch
Rabbiner Hirsch sich mit der Entscheidung des
Herrn Rabb Winkler einverstanden erklärt hätte,
die dem Kinde eben die Möglichkeit sichern will,
seiner als Jude übernommenen Verpflichtung nun auch
gerecht werden zu können, die in dem damals vor¬
liegenden Falle nicht möglich war, die aber bei einer
allgemeinen Regelung der Angelegenheit gewiß
in der hier geschehenen Weise ins Auge zu saffen ist.
(Schluß folgt.)
Zeitungsnachrichten tttrt Correfpan-enzen
Deutschland.
Frankfurt a. M., im Nov. Zu der durch
die Correspondenz Frankfurt a. M., 17. Okt. ange¬
regten Besprechung gestatten Sie mir folgende Be¬
merkungen. In genanntem Artikel fwurde da» irr.
Lehrerthum einerseits und andererseits die Gleichgil¬
tigkeit der Israeliten auf dem Lande in religiösen
Dingen für die Abnahme der Religiosität daselbst
verantwortlich gemacht. Ferner war darauf hinge«
wiesen, daß die sogenannten orthodoxen Lehrersemi»
nare nicht mehr frequentirt würden von einer hin¬
reichend großen Anzahl junger Leute, und daß der
Grund für diese Erscheinung in dem Umstand zu
suchen sei, daß den orthodoxen Seminarien die staat¬
liche Anerkennung fehle, die dadurch zum Ausdruck
kommt, daß fle die Berechtigung zur Abhaltung eines
Lehrerexamens haben.
Ein Mittel, den Umständen abzuhelfen, gibtEor-
respondent nicht an; auch nicht die Gründe für letz¬
tere, denn der angeführte Mangel an hinlänglicher,
finanzieller Fundirung dieser Anstalten ist nur Ein
Grund, vielleicht der geringste. Warum sind diese
Seminarien nicht anerkannt? ist die Frage, und die
Antwort: weil sie dem Staate nicht die Gewähr zu
bieten scheinen für die richtige Ausbildung und Er¬
ziehung ihrer Zöglinge. Warum aber bieten sie
solche Gewähr nicht? Darüber mögen sich Direktoren,
Lehrerkollegien und Curatorien dieser Anstalten offen
und ohne Selbstentschuldigung klar werden und
Rechenschaft geben; deßhalb eine Reorganisation an
Haupt und Gliedern vornehmen, mit Strenge und un¬
erbittlicher Nachsicht einen Jeden zur Jnnehaltung der
ihm obliegenden Pflichten anzuhalten und über
die richtige Beobachtung der Gesetze und Verordnungen