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1872
wachen. Vor allem müssen Direktoren und Lehrer
Schulmänner ersten Range« sein und ihr Amt nicht
al» Nebenamt, sondern als Hauptamt, ja sogar al«
einziges und ausschließliches Amt verwalten. Des
Weiteren bedarf es der Unterstellung dieser
Schulen unter die Aufsicht der die anderen Se¬
minare überwachenden staatlichen Behörden. Mangel
an materiellen Mitteln darf kein Hinderniß für
Umgestaltungen sein, denn sieht das Publikum
erst, daß etwas geleistet wird, so hält es mit den
„Beweisen" seines Wohlwollens sicher nicht zurück.
Nun haben freilich die Seminarien auch nicht
alle Schuld. Diese liegt z. T. auch an der Gleich¬
giltigkeit von Kindern und Eltern gegenüber dem
Religionsunterricht; daher auch die prekäre, peinliche
Lage des isr. Lehrers. (Vergl. die Conespondenz
aus Griesheim.)
Eine große, große Unterlassungssünde begehen,
scheint mir, die größeren und großen Gemeinden in
den Städten. In ihnen vereinigen sich die finanziellen
und intellektuellen Kräfte der deutschen Judenheit;
sie bilden das Gros derselben. An ihnen liegt es
also, die jüdischen Institute zu schaffen und zu er¬
halten. Mit Religionsschulen und Tempelpalästen
allein ist es nicht gethan. Auch mit den Wohlthätig-
keitsanstalten und der Fürsorge für die Erhaltung
der jüd. Körper haben sie ihrer Pflicht nicht genügt.
Es gilt, unsere Jugend dem Judenthum, dem sie auf
den allgemeinen Schulen direkt entfremdet, ja abge-
«endet werden, wieder zu gewinnen. Die juden-
und judenthumsfeindliche Richtung der christlichen
Lehrer, denen wir solche nicht allzusehr übel nehmen
können, trägt sich auf ihre jüdischen Schüler, unsere
jüdischen Kinder über. Unsere Kleinen werden nicht
mit Liebe zu ihrer Religion und ihrer Glaubensge¬
noffenschaft erfüllt, sondern mit Abneigung gegen die¬
selben. Es setzt sich in ihnen ein Gefühl der Scham
über ihre Zugehörigkeit zum jüdischen Stamme un¬
bewußt und unwillkürlich fest.
Damm liegt es den größeren Gemeinden ob,
Volksschulen auf isr. konfessioneller Grundlage zu er¬
richten und sie im jüdischen Geiste zu leiten. Dem
jüdischen Geist eine Stätte zu bieten, unsere Kinder
mit Selbstbewußtsein zu erfüllen, ihnen gewissermaßen
ein Heim zu bieten, wo sie auf festem Boden stehen
und wo sie jüdisch denken und fühlen lernen. Frei¬
lich müssen die Eltern zumal die „Vornehmeren" mit
gutem Beispiele vorangehend, ihre Kinder den isr.
Schulen anvertrauen; zunächst bis sie in eine Real¬
schule oder sonstige höhere Schule eintreten. — Wei¬
ter müssen größere Gemeinden Realschulen, höhere
Bürger- und Töchterschulen gründen, wie die Ge¬
meinden zu Fürh, Hamburg und isr. Religionsge¬
sellschaft in Frankfurt. Eventuell treten die Gemeinden
einer oder zweier Provinzen zu einem Schulverband
zusammen und erhalten in der größten Gemeinde
eine höhere irr. Schule. Denn gerade die die höhe¬
ren Schulen besuchenden Kinder sind für uns total
verloren. Man komme mir nicht mit dem Hinweis
auf die paar Religionsftunden. Die haben gar kei¬
nen oder nur geringen Werth und großentheils wer¬
den sie nicht freguentirt und richtig ausgenützt.
Der Staat wird es nicht ungern sehen, wenn
die Israeliten Confesfionsschulen gründen, ja sogar
ihnen moralische und finanzielle Beihilfe gewähren.
Das Schwierigste wird sein, unsere Glaubens¬
genoffen, hauptsächlich unsere Vorstände und „Füh¬
rer" für solche Pläne zu gewinnen. Denn einerseits
sind sie größtenthsils dem jüdischen Geist nicht allzu
hold gesinnt, dem religiösjübischen schon am wenig¬
sten ; andererseits wird sie falsch verstandene Toleranz
und Liberalität von der Verfolgung solcher Pläne
abhallen. (Ueber letztere werde vielleicht später schrei¬
ben.) Dann 2) wird es schwer halten, Schüler zu
werben und zum Besuche der jüdischen Schulen an¬
zuhalten. Grund dafür gleichfalls die juden- und
judenfeindliche Stimmung der Gegenwart, von wel¬
cher unser eigenes Fleisch und Blut nicht frei geblie¬
ben ist. Es müßte also allmählich erst Bahn und
Neigung für jüdische Schulen geschaffen werden;
am besten, wenn sich Vereine für solche Zwecke bil¬
deten oder Vereine, welche das religiöse oder litera¬
rische oder nationale Jntereffe der Judenheit pflegen,
sich dafür begeisterten und die Agitation in die
Hand nähmen. Vor allem natürlich muß die Presse
für solche Gedanken eintreten, so daß nach und nach
die gesammte öffentliche Meinung der Israeliten da¬
für gewonnen wird.
Zwei große, unendlich schätzbare Vortheile stehen
dann in Aussicht. 1) Unsere Jugend bleibt dem
Judenthum erhalten, und dem deutschen Judenthum
ist seine, sonst ziemlich zweifelhafte Zukunft verbürgt und
gewiß. 2) Wird der jüdische Lehrerstand in jedweder Be¬
ziehung gehoben. Der Lehrer kann avanciren, vorwärts
kommen, sieht sich nicht mehr dem Elende, der Armuth,
der Niedrigkeit ausgefetzt, wird unabhängig sein, wird
nicht mehr durch die Vergeblichkeit seiner Arbeit in
dem gegenwärtig wenig geschätzten Religionsunterricht
von jedem Eifer abgeschreckt. Unsere begabten Jüng¬
linge werden sich dem jüdischen Studium zuwenden,
ihre Ehre und Auszeichnung nicht allein darin mehr
finden, gute Aerzte und gewandte Rechtsanwälte zu
sein, sondern zu Nutz und Frommen ihrer Glaubens¬
und Stammesgenoffen innerhalb deren Reihen
thätig zu fein, und nicht mehr dem jüdischen Geiste
entfremdet sein, sondern mit demselben erfüllt, auch
andere für dessen Ideal gewinnen.
Was unsere Gegner dazu sagen werden? sie
werden schimpfen, wie sie über Alles, was wir thun