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2. Januar1908.
49. Jahrgang. Sranhfurf a. 1TI., den 28 Tebelh 3gbS
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Der Uereinstag der „freien
Uereinfgnng für die Interessen
des orthodoxen Judentums" in
Berlin am 2$. nnd 26. Dezember.
Zwanzig Jahre sind es her, seitdem die
„Freie Bereinigung für die Interessen des ortho¬
doxen Judentums" auf Grund eines Aufrufs
Samson Raphaels Hirsch's ins Leben
trat. Es war, die Erkenntnis drängt sick heute
deutlicher als je auf, ?in genialer Gedanke des
großen Mannes, daß er bei all seinem in hohem
Grade individualistisch gearteten Fühlen die Not¬
wendigkeit eines organisierten Zusammenschlusses
der Gesetzestreuen erkannte und sein Lebenswerk
dadurch krönen wollte, daß er dem wiedererweckten
Geiste deS feinet Aufgabe bewußten gesetzes¬
treuen Judentums in Deutschland den organi¬
sierten Körper schuf.
Seit jener Zeit hat das Prinzip des s o z i a l e n
Zusammenschlusses im allgemeinen Zeit-
bewußsein und mehr noch im Kreise der Juden-
heit ungeahnte Fortschritte gemacht, sodaß die
gemeinschastbildende Kraft einer Idee
recht eigentlich zum Prüfstein für ihre Lebens¬
kraft und Lebensfähigkeit geworden ist. Je mehr
demgemäß im jüdischen Kreise Zweckverbände und
Vereinigungen aller Art sich bildeten — gewiß
ein Zeichen triebkräftigen Lebens — desto ge¬
bieterischer erhob sich die Notwendigkeit für die
Bekenner des altüberlieferten Judentums,
ihre Organisation extensiv und intensiv mit allen
Mitteln der Zeit zu stärken, wollten sie nicht
von den ihrem Lebensprinzip feindlichen oder
gleichgültigen Zeitströmungen überflutet und hin¬
weggeschwemmt werden.
. Daß der Wille da ist, ein starkerund
kräftiger Gesamtwille, zum Aufbau einer solchen
gesetzestreuen Organisation, und daß die Grund¬
lagen dazu bereits geschaffen sind — das hat
der erste öffentliche Vereinstag der „Freien Ver¬
einigung" vor aller Welt erwiesen. Er hat den
Mut und die Freudig keit zur Arbeit geweckt,
hat die Wege gewiesen zum weiteren Schaffen
— jetzt ailt's diese Arbeit in zäher Ausdauer
auch zu l e i st e n, damit die Frucht der festlichen
Tage nicht Festesstimmung und Selbstzufrieden¬
heit, sondern ein Zuwachs sei an dauerndem
Besitz.
Wir geben im Folgenden, an unsere vor-
n Mitteilungen in voriger Nummer art¬
eigen ausMhrlicheren Bericht über den
pie Zusammenkunft am Noravend.
Zum Mittwoch Abend hatte die „Freie
Vereinigung" ihre Freunde aus Nah und Fern
zu einer zwanglosen Zusammenkunft mit den
Berliner Gesinnungsgenossen und den Delegierten
des „Verbandes der Sabbathfteunde" geladen.
Schon vor neun Uhr entwickelte sich im „Burg¬
hotel" ein lebhaftes Treiben, sodaß die Räume
gar bald zu eng wurden. Hatte ja der Bereins-
tag aus allen Teilen des Reiches, von Königs¬
berg bis Konstanz, von Posen bis Köln oie
besten, erprobtesten Gesinnungsgenossen in großer
Zahl nach Berlin geführt und alle Altersklassen,
Greife und Jünglinge, Männer und Frauen sah
man vertreten — ein rechtes Bol ks Parlament.
Auch aus Oe st erreich, Ungarn, derSchweiz,
ja aus Rußland waren Freunde unserer Sache
herbeigeeilt, um an der Tagung teilzunehmen. Nach
wackerer Arbeit fanden sich die Mitglieder der ver¬
schiedenen Kommissionen der „Freien Vereinigung",
die Dienstag und Mittwoch getagt hatten, fanden sich
die „Sabbathfteunde" nach sechsstündiger Sitzung
und zahlreiche erst nachmittags angelangte Freunde
zum „Appell" ein. Um halb zehn ergriff der
Vorsitzende des Vorstandes der Adaß-Jisroel-
Gemeinde, Herr I. Rosenblüth, das Wort,
um in herzlichen Worten die Erschienenen zu be¬
grüßen. Seine Gemeinde betrachte es als eine
hohe Ehre, daß es ihr vergönnt sei, wackere Ge¬
sinnungsgenossen aus allen Richtungen der Wind¬
rose am heutigen Abend zü bewirt^ und ihnen
ein paar gemütliche Stunden-zu bereiten.
In der That darf diese „Zwanglose Zusam¬
menkunft" ein viel weitergehenoes Interesse be¬
anspruchen, und sie sollte zu einer dauernden
Institution der Vereinstage werden. Ist es doch
heute mehr denn je von Nutzen, wenn sich die auf
gleichem religiösen Boden Stehenden menschlich
näher treten, einander erzählen von ihren beson¬
deren Sorgen und Nöten um die gemeinsame Sache,
von Erfolgen und Niederlagen, von „Gelingen
und Verdruß" im Kampfe des Alltags. Man¬
ches Mißverständnis wird auf diese Weise zer¬
streut, manch hartes Urtell gemildert, und aus
dem in zwanglosem Gespräch neu geknüpften oder
erneuerten Bande der Freundschaft kann für das
gemeinsame Heiligtum oft reicher Segen er¬
blühen. Erst spät in der Nacht trennten sich die
Teilnehmer, um sich für die Arbeit des morgigen
Tages zu stärken^ die schon in früher Morgen-'
stunde mit einer Sitzung des Propaganda-Aus¬
schusses einsetzte.
Me öffentliche Kanplversammtung.
-Dank der umsichtigen Tätigkeit des Berliner
Ortsausschusses war der geräumige Oberlicht¬
saal der Philharmonie schon vor der festgesetzten
‘ zMr dicht gefüllt, aber nicht über¬
füllt: Hunderte von Anmeldungen hatten wegen
Platzmangel« zurückgewiesen werden müssen. Vierzig
Ordner — den jugendlichen Reihen der Berliner
„Bereinigung jüdischer Akademiker", des Vereins
„Montefiore" u. a. entnommen — sorgten unter
der Oberleitung des Comitös für muster¬
gültige Ordnung unter den nahezu tausend
Teilnehmern und für die rasche Erledigung
aller Beschwerden wegen verlorener oder ver¬
gessener Einlaßkarten.
Die Rückwand des Podmms war — ein
sinniges Festsymbol — geschmückt mit den Bild- .
niffen der beiden Großen, deren Lebensarbeit de«
Boden für das große Werk des Times bereitet
hat: Samson Rapbael Hirfcy^ urch Is¬
rael Hildesheimer V'XT.
Um IV f A Uhr betraten die Mitglieder des
Vorstandes mit den drei Referenten das Podium,
und lauttose Sttlle herrschte, als sich der Vor¬
sitzende Rabb. Dr. Breuer-Frankfurt a. M.
erhob um die Versammlung zu eröffnen. Der
Vorsitzende führte etwa Folgendes aus:
„Hochgeehrte Versammlung! Im Namen des Vor¬
standes und des Ausschusses der „Freien Bereinigung
für die Interessen des orthodoxen Judentums" habe
ich die Ehre, Sie herzlichst zu begrüßen und willkommen
zu heißen. Daß Sie aus Rah und Fern, aus allen
Teilen des deutschen Vaterlandes erschienen sind, um
an unserem ersten öffentlichen Beremstage teilzuneh¬
men, beweist zur Genüge, welch reges Interesse Sie
den Bestrebungen der „Freien Bereinigung" entgegen¬
bringen, wofür wir Ihnen nicht herzlich genug danken
können.
Hochansehnliche Versammlung! Zum ersten Male
hält die „Freie Bereinigung" ihren Bereinstag außer¬
halb des Vorortes Franllurt a. M. ab. Es bedeutet
dies einen erfreulichen Wendepunkt in der Geschichte
unserer Vereinigung und ich darf wohl sagen, auch
in der Geschichte der orthodoxen Judenheit Deutsch¬
lands. Mehr als zwei Jahrzehnte sind verstrichen,
seitdem mein hochverehrter Vorgänger, der unverge߬
liche Rabbiner Samson Raphael Hirsch s. A., diese
Bereinigung ins Leben gerufen. Die Ziele, die er
mit dieser Schöpfung verfolgte, sind jedermann bekannt,
sie sind statutarisch festgelegt. Für diese Ziele wollte
er alle vorhandenen Körperschaften und Gemeinschaf¬
ten, die ihre heiligsten Gefühle demselben Heiligtum
des göttlichen Gesetzes weihen, für das er mit fernem
Herzblut gekämpft, zu gemeinsamer Arbeit veremigen.
Jeder einzelne Jude jedoch, der nur immer
sein Scherflein ideeller und materieller Kraft zu dieser
gemeinsamen Arbeit ernst -und aufrichtig beitrageu
wollte, war ihm willkommen, und er be¬
grüßte ihn als Mitkläger und Mitarbeiter aus das
Freundschaftlichste. Rur mit Körperschaften, die
auf einem von dem seinen grundsätzlich der-^
fchiedeneu Boden stehen, wollte er in rein d
Beziehung keine gemeinsame Sache mache».
lonrite und durste er nicht. ‘
Bon diesem Prinzips ausgehend hatte et unter
Mitwirkung gleichgesinnter Freunde Jahre vwcherseine
Mustergemeinde, die Israelitische Religionsgesellschaft *
*iU Frankfurt a. M. gegründet, hat er auch F“ "—
Bereinigung" geschaffen. Daß er mit diesem fern,
Prinzipe nüht allein Saud, braucht nicht erst hervor- .
gehoben zu werde«, kern Geringerer als Rabbiner Dr.
. .... • -- -i —