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Der JSraelit
6. «noust 1906.
Ein besonderer Abschnitt, Kapitel X, behandelt
-Le KviMinalitätsverhältnisse. Das Er¬
gebnis ähnelt den für Deutschland vorliegenden
Resultaten: An den Verbrechen sind die
Ju^en in wesentlich geringerem Maße be¬
teiligt, als die nichtjüdische Bevölkerung, während
bei den Vergehen das Umgekehrte Verhältnis
obwaltet.
Eine besondere Beachtung verdient das die
Taufbewegung behandelnde Kapitel des
Heftes.
Bekanntlich ist unsere Neologie gegen keinen
andern Vorwurf so empfindlich wie gegen den,
daß die überhändnehmenden Taufen und Misch¬
ehen auf ihr Schuldkonto zu buchen seien. Wenn
man toa* Führern der Neologie vorhält, daß sie
das aetptge Erbe des Judentums verschleudern,
daß sie die ihnen anvertrauten Gemeinden und
die Heranwachsende Jugend in. völliger Unkennt¬
nis des Mischen Gesetzes belassen, so haben sie
für diese schweren Vorwürfe nur ein kühles,
abweisendes > Lächeln. Und warum auch nicht?
Braucht denn die Herde mehr zu wissen als der
t irte? Wenn man denselben Herren aber die
ahlen vorhält, die hie Statistik alljährlich, über
die Mischehen und von Zeit zu Zeit über die
Taufen veröffentlicht, dann verlieren sie ihre
kühle- Gelassenheit, dann werden sie nervös und
in der Furcht, das Bischen Kredits daß sie noch
in ihren eigenen Reihen genießen, ganz zu ver¬
scherzen, verfallen sie auf die wunderbarsten Dinge.
So hat bekanntlich einer der Väter der „Liberalen
Bereinigung" der streitbare Rabbiner der Frank¬
furter Gemeinde, Herr Dr. Seligmann, die
— Kühnheit gehabt, die Zunahme der Taufen
der Orthodoxie zur Last zu legen (s. Allg. Ztg.
d. I. Nr. 1). Wir glauben nicht, daß der ver¬
ehrte Herr für diese Behauptung, für die er den
Beweis selbstverständlich schuldig geblieben ist und
bleiben mußte, unter seinen eigenen Freunden
viel Gläubige gefunden hat/ indessen keine Be¬
hauptung ist so töricht, daß sie nicht im Kampfe
gegen die verhaßte Orthodoxie willkommen wäre
und zeitweise Verwendung fände.
Wir find daher genötigt, auch jenen Angriffen
unserer Gegner unsere Aufmerksamkeit zuzuwenden,
die, wie der hier in Rede stehende, einer Wider¬
legung ob ihres Widersinnes eigentlich nicht recht
bedürfen.
Da bietet nun die österreichische Statistik
uns die Möglichkeit an einem drastischen Beispiele
zu zeigen, wie die vordringende Reform den Boden
für Taufen und Mischehen ebnet. Wir beginnen
mit Wien, in dem die Neologie seit der Mitte
des vorigen Jahrhunderts die Herrschaft in ge¬
radezu unbeschränkter Weise ausübt. Sie herrscht
im Kultus wie in der Schule so ausschließlich,
Kleines Feuilleton.
Der ?rei$prncb.
. Bon Arthur Kuh«.
(Fortsetzung.)
Me Leute wurden stutzig über den überaus mil¬
dert Ton, mit dem der Richter mit Awromchen ge¬
sprochen hatte; auch daß er den Angeklagten aufge-
sordert hatte oder richtiger, erlauben wollte, sich za
setzen, was aber Awromchen mit dem Bemerken ab¬
lehnte, das verbiete ihm doch schon der Respekt vor
dem Herrn Friedensrichter; Awormchen setzte hinzu,
auch sei er gewohnt am Bersöhnungstog von früh
bis zur Nacht stehend seine Andacht zu verrichten.
Dann fuhr er fort:
„Sehen Sie, Herr Richter, wie mein Vater mir
die Geschichte von dem verunglückten Fleckenschmuhl
und dem Mord, der stn dem Schirnholz verübt und
nie an den Tag gekommen ist, erzählte, dr kam
es über mich, wie ich es nicht recht beschreiben kann.
Wie ich dann, indem mein Vater so nkit mir spricht
ihn aufmerksamer als je zuvor betrachte, merke ich
zum erstenmal wie alt und hinfällig er geworden
und ich kann mir nicht helfen, ich muß an den toten
Schmuhl denken, wie er an dem Strick, den er sich
um den Leib gebunden hat und von dem wild ge¬
wordenen Rind geschleift wird und dann an dm
armen Elias, den sie auf dem Rücken liegend tot
«eben seinem Hund gefunden haben. Da kam eine
schreckliche Angst Um den Vater über mich und ich
-? j' -sraviäi kiX^L.a
daß das kleine Häuflein der Gesetzestreuen neben
ihr nicht in Betracht kommt.
Die nachfolgende Tabelle der Austritte aus
denl Judentum zeigt uns die Früchte dieser
Herrschaft.
Jahr
Austritte
Jahr
Austritte
1868
7
1886
272
1869
14
1887
; 93
1870
39
1888
257
1871
45
1889
303
1872
57
1800
302
1873
64
1891
349
1874
59
1892
814
1875
55
1893
406
1876
41
1894
389
1877
54
1895
410
1878
88
1896
443
1879
80
1897
453
1880
* HO
1898
434
1881
126
1899
482
1882
182
1900
561
1888
201
1901
551
1884
235
1902
601
1885
282
1903
582
Die Tabelle zeigt mit aller wünschenswerten
Deutlichkeit zwei Dinge: erstens, daß Juden, die
selbst aus einem gesetzestreuen Milieu hervor¬
gingen, auch wenn sie sich der Neologie zuwenden,
gegen die Gefahren der Taufe noch ziemlich ge¬
feit sind, daß aber die nächste Generation, die
Länder dieser dem praktischen Judentum Ent¬
fremdeten, von der Fahnenflucht nicht mehr ab¬
zuhalten find.
Ein ganz anderes Bild ergibt sich dort, wo
statt der assimilationslüsternen Neologie das alte
unverfälschte Judentum noch die Massen beherrscht.
Stellen wir Wien die beiden galizischen Haupt¬
städte: Lemberg und Krakau gegenüber. Wohl
hat auch dort schon die Neologie ihren Einzug
gehalten, aber es sind nur die dünnen oberen
Schichten, die ihr anheimfallen und auch diese
verschwindende Minorität kann sich dem Einflüsse
der am Judentum festhaltenden Massen nicht ent¬
ziehen.
In den Jahren 1897—1902 schieden aus dem
Judentum aus:
in Lemberg (jüd.Bevölkerung 44258) 157 Personen
in Krakau ( „ „ 25570) 191 „
in Wien („ „ 146926)8088 „
Während also die Bevölkerungsziffern der
Städte sich verhalten wie 1 zu 2 . ergeben die
Austritte aus dem Judentum ein Verhältnis von
1 zu 9. Nun ist aber aus der sehr genau ge¬
führten Statistik der Stadt Krakau ersichtlich,
daß nur eine Minderzahl der Austretenden aus
Krakau selbst stammt, nämlich 10,4"/»/ die Mehr¬
zahl — 66,2 % stammt aus dem Übrigen Galizien,
während beinahe ein Viertel (23,4°/°) aus anderen
Ländern, hauptsächlich Russisch-Polen, herrührt.
Wir müssen also, um obige Ziffern richtig zu wür¬
digen, der Zahl der in Wien lebenden Juden —
146926 — die Gefamtziffer der Juden Galiziens
— 811371 — gegenüber stellen Es ergibt sich
denn, daß während rn Galizien erst auf
10000 Juden ein .Austritt, in Wien
schon auf je 260 — 270 Indien eine Taufe
entfällt!
Diesen Zahlen gegenüber wollen wir es in
Ruhe abwarten, ob die führenden Männer der
Neologie es auch in Zukunft wagen werden, die
Verantwortung für die Zunahme der Taufe von
sich abzuwälzen.
Das mürftembergtsdie 3u9engese6.
Wir möchten die Aufmerksamkeit unsrer Leser
an dieser Stelle noch einmal auf die eingehende
Besprechung lenken, die unser schwäbischer Mit¬
arbeiter dem neuen württembergischvn Juden-
gesetz gewidmet' hat, und divsir unsrer heutigen
Nummer zuEnde geführt wird. Die württembergische
„Verfassungsrevision" wird in Preußen, Hessen,
Bayern, Baden, kurz überall, wv die vorhandene
Gemeindeorganisation von der einen oder ändern
Seite als verbesserungsbedürftig empfunden wird,
aufmerksam verfolgt, und sie hat darum eine
über die Württembergischen Grenzpfähle weit
hinausgehende Bedeutung. Allerdings wird der¬
jenige, der von dem neuen Gesetzgebuttgswerk
irgendwelchen schöpferischen Gedanken erwartete,
auch bei gründlichstem Studium dem Ent¬
würfe enttäuscht den Rücken kehren, denn er
entbehrt jedes religiösen oder kirchenrechtlichen
Prinzips, beschränkt sich vielmehr darauf, unter
Aufrechterhaltung einer weder jüdischen, Noch
volkstümlichen Konsistorialverfassung dem Ge¬
danken der religiösen Gewissensfreiheit und der
demokratischen Selbstbestimmung einige Schein-
kvnzessionen zu machen. Zwei Schritte
vorwärts — einen zurück, das ist die beste
Charakteristik dieses Entwurfes, der zum Schluffe
kaum anders aussieht, als ob er aus dem Jahre
1828 stamme, und der dennoch nicht den Mut
hat, echt historisches Recht, nämlich das gute
alte Gemeinderecht des Schulchan-Aruch, zu
schaffen! Dieses alte jüdische Gemeiuderecht
kannte nur eine Quelle der Autorität: das
Religionsgesetz und nur einen Träger dieser
Autorität: die freie Gemeinde. Der wütttem-
bergische Entwurf kennt jene Quelle ebensowenig
kann mir nicht mehr helfen und muß bitterlich weinen.
Mein braver Vater hat aber meine Tränen falsch ver¬
standen und hat gemeint, es sei darum, pah ich kein
Handwerker werden sollte. „Wein' nicht, mein Jün¬
gelchen," sagte er so lieb zu mir, daß ich vermein,
ich hör' es jetzt noch, „wein nicht, ich will dann sehen,
wie wir's einrichten können, daß du doch einen Lehr¬
meister findest." Und dabei hat er mir die Wangen
gestreichelt und freundlich zugeredet. Da Hab' ich
laut gerufen: „Väterchen, ich will ja gar kein Hand¬
werk lernen, laß mich nur bei dir bleiben, laß mich
die Rinder führen, wenn's vorkommt und schick' mich
über Feld mit unserm Hund; ich bin doch jung und
kann, wenn ich mich nicht wehren kann, wenigstens
schnell davonlaafen. Geh', lieber Vater, verlprech
mir's, Hab ich zu ihm gesagt, olow ba'scholom. Darauf
hat er mich an die haare gezaust uno gesagt: „Awrom-
chen, du bist ein gutes Kind, der liebe Gott soll
dir dafür die Gnade schenken, daß einst deine Kin¬
der dich grad' so ehren sollen, wie du deine Eltern
ehren willst und heute schon sollen deine Kinder ge¬
benscht sein, was soviel bedeutete, daß mich uni er
Herrgott segnen sollte. Und so blieb ich bei meinen
Eltern und half ihnen verdienen, bis mein jüngerer
Bruder erwachsen war und ich danran denken mußte,
etwas für meine Soldatenzeit zu verdienen, wenn
ich zur Musterung kommen sollte. Dabei war es so
blutwenig, was .ich in unserer armen Gegend ver¬
diente, daß ich überall anderswo meinen Eltern mehr
nützen konnte wie zu Hause. Auch mußte bedacht
werden, daß wenn ich mir einmal selber einen Haus¬
stand gründen wollte, ich doch nicht im Nassauischen
bleiben konnte, wo ich keinen Consens bekommen
würde. Mun da bin ich fort von zu Hause, und bin
hierher. Beim Militär habe ich mich sreigezogen und
das war das einzige Mal im. Leben, daß ich ohne
bittern Kampf und ohne Entbehrung ein großes Glück
gehabt habe."
„Mas hat Sie nun veranlaßt, gerade sich hier¬
her zu begeben, wo doch sonst Ihre Glaubensge¬
nossen, wenn sie aus den. Dörfern izehen, in größeren
Städten niederzulassen pflegen? Haben Sie doch ge¬
rade hier mehr 'Schwierigkeiten für die Erlangung des
Bürgerrechts und auch nicht so sicheren Lebensunter¬
halt zu erwarten gehabt, wie etwa in eitler der
großen Nachbarstädte."
Awromchen war durch diese an ihn gerichteten
Fragen sichtlich betroffen. Mit einem scheuen Blick
auf das zusammengesunken dasitzende Weibchen, das
offenbar teilnahmslos zum Fenster hinausblickte, sagte
er ganz leise, so daß nur die nächststehenden es ver¬
nehmen konnten: „Das Schenchen ist nämlich aus
meinem Ort und war hier bei seiner Schwester, der
Rosenwalden, und da dachte ich damals, da hätte
ich doch wenigstens schon einen Anhalt und ich könnt:
seinen Leuten manchmal Bericht geben, wie es uns
in der Fremde geht. Sie kann nicht lesen, noch schrei¬
ben, aber ich Hab' das gekonnt."
Wieder huschte es wie ein verstehendes Lächeln
über die Züge des Richters. Awormchen war in
Schenchen verliebt gewesen und wollte der von ihn«
Angebeteten nahe feilt. Awromchen, dem das f:htc
Lächeln des Richters nicht entgangen war und cs
verstanden zu habe» glaubte, sah ihn mit bittenden
Blicken an und der Richter verstand auch wieder
diese stumme Bitte und stellte keine Frage mehr,
die die Lachlust und den, wenn auch gutmütigen Spott,
der Zuhörer hätte entfesseln können. „Nun, Heer
Richter," fuhr er fort, „habe ich mich sehr gevlagt,
aber ich habe etwas 'erübrigen können und dachte
jetzt daran, sobald die ersten fünfhundert Gulden bei-
samen habe, erwerbe ich mir bas NiederkassMgS-
.g» L,yj