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Während der na und der Am Haarez niemals
haben lernen wollen, gibt's eine dritte Klasse von
Menschen, die sich zwar bemühe», Thorakenntniß
zu erwerben, denen das aber nicht gelungen ist
\vrx\ N/i „und nicht kann der Schämige lernen."
Wir müssen sehr wohl zwischen ^'2 und d’jd va
nnterscheidcu; dud bto ist ein Mann der Scham¬
haftigkeit, der Bescheidenheit. Von ihm heißt es
(Aboih E. 5. § 23) pj? d’:d „der Scham¬
hafte, der Bescheidene hat Theil am ewigen Leben."
Unter dagegen ist ein solcher verstanden, der
von falscher Scham befangen ist. Er fürchtet stets,
seiner Ehre etwas zu vergeben, ausgelacht oder ver¬
höhnt zu werden. Wenn er dem Vortrage seines
Lehrers anwohnt, so schämt er sich zu gestehen, daß
er ihn nicht verstanden und bleibt daher unbelchrt;
wenn ihm etwas nicht klar geworden, so genirt er
sich zu fragen, aus Furcht, von seinen Mitschülern
ansgelacht, von seinem Lehrer angeschrieen zu wer¬
den. Dadurch bleibt er zurück und wird nie etwas
Ordentliches lernen.
Nicht nur Thorakenntniß zu erwerben, ist die
Aufgabe eines jeden wahrhaften Juden; cs muß
vielmehr unser Bestreben sein, es dahin zu bringen,
daß wir die Lehre unseres Gottes den kommenden
Geschlechtern verkünden; nicht nur lernen sollen
wir, sondern auch lehren. Ein geistreicher Alaun
deutete einst den Vibclvers ,!? pb bnyb dik
-i dbb n:o by -ncb, der Mensch ist geboren zu dem
Zwecke, daß er lerne, um zu lehren." lobo prpn ab)
Aber der „Kapdon" kann nicht lehren.
Der Lehrer muß vor allen Dingen Geduld
mit seinen Schülern haben, unermeßliche Geduld.
Wer ärgerlich wird, wenn die Schüler nicht gleich
verstehen, wer seinen Schülern gegenüber zu strenge
ist und bei geringem Anlaß sich beleidigt fühlt, der
ist zum Lehren untauglich. Ein Beispiel von un¬
endlicher Geduld erzählen uns unsere Weisen im
Traktat Erubiu 54 lr. Rabbi Pcreda hatte einen
Schüler, dem er jeden Lehrgegenstand 400mal wie¬
derholen mußte, ehe derselbe ihn vollständig begriff.
Eines Tages wurde Rabbi Pcreda wegen eines
wichtigen Vorkommnisses ans dem Lchrhause abbe¬
rufen. Trotzdem ging er nicht früher, bis er den
Gegenstand, den er gerade behandelte, 400mal wie¬
derholt haue. Aber der Schüler, durch die Furcht,
daß der Lehrer unterbrechen und fortgehen würde,
in Verwirrung gebracht, hatte nicht aufmerksam zu-
gchört und dcßhalb nicht verstanden. Da fing Rabbi
Pcreda wieder von vorne an, so daß er den einen
Gegenstand 800mal wiederholte, bis ihn der Schü¬
ler endlich begriffen hatte. Es ist dies derselbe
Rabbi Pereda, von dem im Traktat Megilah 27 d.
gerühmt wird, daß ihm Niemand im Lehrhause zu¬
vorgekommen sei. Und da er seine Zeit so gewissen¬
haft und unermüdlich deur Lernen und dem Lehren
widmete, so ließ ihn Gott ein ungemein hohes Alter
erreichen. — Der Lehrer ist verpflichtet, lehrt Rabbi
Akiba (Erubiu 545), die Schüler so zu unterrichten,
daß sie das Gelehrte inne haben, daß es ihnen ge¬
läufig wird, und muß er ihnen die Gründe derart
auseinandersetzen, daß ihnen das Gelernte zum wirk¬
lichen geistigen Eigenthnme wird. Er muß also
dafür sorgen, daß, wenn er ein Chacham, ein Weiser
ist, auch seine Schüler im Laufe der Zeit Chacha-
niiin, Weise werden.
Wenn aber ein Lehrer seine Zeit meistens an¬
deren Beschäftigungen als denen des Unterrichts zuwen¬
det, so wird cs ihm nicht gelingen, seine Schäler
zu Ehachamim heranzubilden mrm roicn b döi
oor.B „nicht kann der, welcher viel Geschäft betreibt,
weise machen." Jlpha und Jochanan waren zwei
gleich befähigte Schüler, die von ihren Lehrern sich
großes Wissen erwarben. Aber sie litten große Roth
und konnten den Lebensunterhalt für sich und ihre
Familien nicht beschaffen. Jlvha fing darauf an,
Geschäfte zu treiben und irdischem Gewinn nachzu-
gctzcn. Wiewohl er ein großer Gelehrter war, wird
er im Talmud nur wenig erwähnt, und namhafte.
Schüler Hai er nicht herangebildet. Jochanan. da¬
gegen Karrte aus in den Jahren des Tnrbsals und
der Noth; er wurde der berühmte, große Rabbi
Jochanan, der Lehrer von ganz Israel, und feine
Schüler: Rabbi Schimcon ben Lakisch, Rabbi Ela-
sar, Raw Kahana, Rabbah bar bar Chana, Raw
Chija bar Abba und viele Andere wurden große
Männer wie er.
Nur der große Weise, der cs sich zur Aufgabe
inacht, weise Männer hcramubildcn, verdient die
erhabene Bezeichnung b»n „Alaun", wie es heißt
rura «rwn, „und der Mann Moscheh." Wenn es
an deinem Orte keine solche Männer gibt; es gibt
wohl „Baurim" rohe Menschen, Am Haarez, un¬
wissende Menschen, Baischanim, die nicht genug ge¬
lernt haben, Kapdanim, die nicht lehren können, oder
auch Ehachamim, die sich aber andern Beschäftigungen
widmen und nicht genügend Zeit für ihre Schüler
haben, so bemühe du dich, Man n zu sein, damit
dein Zeitalter nicht verweist werde; denn jeder Ein¬
zelne in Israel hat die Pflicht, dafür zu sorgen,
daß die Gotteslehre unserem Volke erhalten bleibe
und auf die kommenden Geschlechter vererbt werde.
(Fortsetzung folgt.)