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Gentrak - Hrgan für das ortöodöFe Judentum.
Hcrausgegeben von Dr. Lehma«» in Mairrz.
. Montag, den 15. März 5646 (1886).
Leitende Artikel.
Zum Wurimfeste.
m.
Mainz, 11. Marz.
Wir haben oben schon darauf hingewiesen, daß
die Geschichte des Pnrimfestes sich zu einer Zeit
ereignete, als das Staatsgebäude Israels in Trüm¬
mern lag. Diese Beobachtung ist von der größten
Wichtigkeit. Die Thora ist nicht allein unser Ge¬
setzbuch; sie ist auch unsre Staatsverfaffnng, der
Codex des jüdischen Rechts und der staatlichen Ein¬
richtungen. Als nun der jüdische Staat vernichtet
wurde, mußte die Frage austauchen: Was ist vom
Gottcsgesetze. noch bindend oder nicht? Es gab
Biele, die da meinten, die Gebote der Thora seien
alle an den Besitz des heiligen Landes geknüpft.
Israel gleiche einer Frau, die von ihrem Gatten
den Scheidebrief erhalten und gar keine Verpflich-
rnngen mehr gegen ihn habe. Diesen gegenüber
fragt der Prophet edsk wrrc n*K, „wo ist
der Scheidebrief Eurer Mutter, der Gemeinde Is¬
raels?" Gott hat sich nicht für immer von uns
gettennt; Er wird zu uns zurückkehreu, sobald wir
nach Ihm uns sehnen.
Bon den 613 Geboten der Thora knüpfen sich
343 an das heilige Land, die wir also in der Ver¬
bannung theils nicht ausführcn können, theils nicht
anszuführen brauchen; 270 dagegen knüpfen sich
an die Person, und in Bezug auf diese Gebote und
Verbote ist es einerlei, ob der Israelit* im heiligen
Lande oder au einem andern Orte der Welt wohnt. -
Die freiwillige und zweifellose- Ausnnsnahme der
göttlichen Gebote — das war der große Erfolg
der Rettung aus Hamans Gewalt. Unsre Weisen
n diesem Gedanken in einer ganz cigenthüm-
n Weise AnSdrnrk. Der diesbezügliche Ans¬
spruch (Sabbat 88 a.) ist sehr dunkel, und wir
wollen ihn hier näher in Bettacht ziehen und ihn
deutlich zu machen suchen. Er lautet:
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„Und sie stellten sich auf unter dem Berge
(Sinai). Es sagte Rabbi Adima, der Sohn Cha-
ma's, der Sohn Chafla's: das lehrt, daß der Heilige,
gelobt sei Er, über sie gebeugt hat den Berg wie
ein Faß, und zu ihnen gesprochen: Wenn ihr die
Thora annehmen wollt, so ist es gut; wenn aber nicht,
sö sollt ihr hier euer Grab finden (so stürze Ich
den Berg über Euch). Raw Acha, der. Sohn Ja¬
kobs, sagte: Von hier aus ist ein großer Einwand
gegen die Thora. (Die Israeliten können nämlich,
wenn sie wegen der Uebertretung der Thora-Vor¬
schriften zur Rechenschaft gezogen werden sollen,
einwenden, daß sie die Thora nicht freiwillig, son¬
dern nur gezwungen angenommen haben). Darauf
sagte Rabdah: Nichtsdestoweniger haben sie sie
später freiwillig, übernommen in den Tagen des
Ahasver, wie es heißt: Die Juden bestätigten, was
sie übernommen hatten — sie bestätigten freiwillig
die Verpflichtung, die Thora zu halten, die sie einst
(am Berge Sinai) unfreiwillig übernommen hatten."
Wir brauchen wohl auf die Schwierigkeit des
Verftändniffcs dieser Talmudstelle nicht erst auf¬
merksam .zu machen. Wir wollen zunächst eine
Frage erörtern, welche Rabbi Samuel den Adereth
(jetfin) daran knüpft. Dieser große Mann fragt:'
Wenn die Israeliten einen solchen schwerwiegenden
Einwand gegen die Thora hatten, wie konnten sie
(vor den Zeiten Ahaswcrs) wegen ihres Abfalls
bestraft werden? Und er beantwortete diese Frage