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Die Znmz-DMmWr-rr des HervenhavstZ aber,
vsscnm Blickes für dLs prsktrsche Lebens erkennend
die Gefabren, Selchen die Gerechtigkeit nur m oft
durch Vorcmg^wmmNrheir nnd Verfolgungsfucht
preisgeMen ist, mcinte, unsere Strafprozeu-Ordunng
habe sich ohnehin von Mer Einrich.nmgcn losZesagt,
in Welchen bis dahin cm Schutz für den Augcklog-
rcn gesehen wurde, von der Bcweisrhcorie (daß näm¬
lich gewisse gesetzlich vorgeschriedene Beweise gegen
den Angeüagten vorgebrachr sein müssen) und von
der Ncbcrpröfung des Unheils in zweiter Instanz
im Wege der Berufung. „Das Auflagen dieser
Einrichtungen" — heim es im Eommissions-Bei'ichte
— „welchen von der Bevölkerung zumeist die Be¬
deutung zu erkannt wmde, vor ungerechten Berur-
thellnngen zu schützen, must zur erhöhten Vorsicht
anffordern und das Ausgeber! der außerordentlichen
Nevision bedenklich erscheinen lassen.- Das Abge¬
ordnetenhaus hat sich schließlich den Beschlüssen
des Herrenhauses gefügt, und so wurde das Rechts¬
mittel der außerordentlichen Revision durch den
362 in die geltende Sttafprozcß-Ordmmg hinndcr-
grrcttet.
Dieser 362 bestimmt: „Der Eaimrlons-
hof ist berechtigt, nach Anhörung des Grncral-
Procurators im außerordentlichen Wege der Wieder¬
aufnahme des Strafverfahrens zu Gunsten des
wegen eines Verbrechens oder Vergehens Vernrtheil-
tcn zu verfüge!:, wenn sich erhebliche Bedenken gegen
die Richtigkeit der dem Urtheile zn Grunde gelegrcu
Thatsachen ergeben."
„Der Crmationshof kann in solchen Fällen auch
sofort ein neues Urthcil schöpfen, wodurch der Be¬
schuldigte freigesprochen wird; hiezu ist jedoch Ein¬
stimmigkeit und die Zustimmung des Gencral-Pro-
curators erforderlich."
. Von diesen chm durch §. 362 eingeräumtcn
außerordentlichen Befugnissen hat der.Cassationshof
im Prozesse Ritter mit größter Behutsamkeit und
mit thunlichftcr Schonung des Ansehens der Rechts¬
pflege Gebrauch gemacht.
Bekanntlich war die erste Richtigkeits-Beschwerde
in diesem Prozesse gegen das Urthcil des Gcschmor-
nengerichtes in Rzeszow gerichtet. Tie östcniliche
Verhandlung hierüber wurde beim Eapationshof am
8. Mai 1883 gepflogen, mit dem Erfolge, daß das
Nzeszower Uriheil aufgehoben nnd .die Sache zur
Verhandlung nach Krakau verwiesen worden ist.
Der eigentliche Grund der Eassirung war der, daß
der Anttag der Bertheidigung 'ans Einholung.eines
Facnltäts-Gntacbtens abgelchnt worden war. Allein
der Eassationshof nnterliest nicht, schon damals seine
warnende Stimme zu erheben gegen die Fortführung
des Prvzmes In der bdhhtm Tendenz,, indem er
m feinen. EmfchrwungsgrÜNdeu demerkK: „daß das
snopsnirte Mo-iv, auf welches die Verübung der
Thar zurüSgefübrL und ans welchem die nach dem
gerrchtsärzlichen Bemnde angenommene Bcgchungs-
arr derselben erklärt werden will, bei einer vorur-
rßeilsfreicu und unbefangenen Kritik die Wahrschein¬
lichkeit gegen sich hat und daher eine möglichst ge¬
naue und eingehende Prüfung der Beweismarerialien
herausfordert."
Aber Krakau war nicht besser als Rzeszow.
Anden halb Jahre wurde in Krakau weiter unter¬
sucht, und im Oktober 1884 wurden die Angeklag-
- len von den Krakauer Geschwornen zum zweitenmale
schuldig befunden und znm Tode vcrurtheilt.
Dieses zweite Verdikt cassirte der Oberste Ge¬
richtshof nicht niehr wegen formularcr Mängel des
Verfahrens, sondern kraft der ihm nach dem obigen
3<»2 znstchcnden Befugnist der außerordentlichen
Revision wegen „Bedenken gegen die Nichtigkeit der
von den Geschwornen angenornmenen Thatsachen."
In den Motiven dieses zweiten Unheils vom 25.
Februar 1885 hat derEassationahof das ganze An-
klagematcria! einer geradezu vernichtenden Kritik
unterzogen. Durch das zweite Erkenntniß war zu¬
gleich die erhobene Anklage außer Kraft gesetzt, der
Prozeß in das Stadium dcrBoruntcrsuchung zurück-
gedrängt, und man hätte nun, gestützt auf die Mo¬
tive der obcrftgcnchtlichen Entscheidung, die Einstel-
lnng des Prozesses und die Freilapung der Ange¬
klagten erwarten können.
Allein Krakau war engagirt, nnd lokale Be¬
wegung von Krakau, Rzcszow und Lutcza trieb die
Gcmürhcr zu einer dritten Anklage, die zwar in
.Krakau zu einer dritten Berurtheilnng führte, von
dem Cassationshofe aber mit einem ,guos e§v"
nicdergeschmettert wurde.
Die Eheleute Ritter wurden nunmehr frcigc-
sprochcn, freigesprochen, wie cs §. 362 bei Anwen¬
dung des außerordentlichen Rechtsmittels erheischt,
einftimrnig nnd. unter Zustimmung der General-Pro-
curator. So offenbar ungerecht wurden die Todcs-
urtbeilc befunden, welche dreimal über die Angeklagten
gesprochen worden waren!
Wie war eine solche Iuftizpflege in unfenn
auf die Errungenschaften der Kultur mit Recht
stolzen Jahrhunderte möglich?
A n t w o r 1: Ter Slntisemitismus war in
die Hallen der Gerechtigkeit gedrungen. Obgleich
als Motiv des behanpLctcn Mordes ' an Frall-
zisca Mnich eine angebliche, nicht ohne Folgen
gebliebene Liebschaft bezeichnet wurde, rief der
Antisemitismus: Ritueller Mord! Und sie tauchten