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28.FEB.17
H U Ein Eentralorgan IQr das orthodoxe Judenfttm KfJBto
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88. Ja&ramtfl. pssa Sranftfurf «. FH-, 8en — —
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»»- Gewöhnliche Ausgabe 9».1.80,
ch iftanSflo** lAmrftdru« «k. 8.-. Auslandspreise: Vnrömliche I
Ausgabe: «sterreich-Uooar» 2.50 ll»..RMand I »uv., kv glaub gik.. II
Awrri'a so at,.. Aiederland, l.ro Frankreich Fn, wo, 1
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JrryaLtsüdeNstchr.
r. Lettkrtikrl: Kie heilige Kot. —3. Auf¬
sätze: SriLKÄfsiM j» -LN Mrfchg» Kslskis» irr D«-
tästw«. — Uwe Mchrr.--- 6. Kleines Feuilleton:
Martin Harimatttt: fffr es-Srva. — Löttis RossMatt,
NürnbergAtzte §imhü ?kftes t&bifötn §übüt, —
Druck- und Zeitungstvefett in Grodno. — Der jüdische
Freund Gottfried Wilhelm Leibniz's. — Bon den un¬
garischen Krönungszeremonien. — Die Bibel gegen das
Hamstern. — Ein jüdischer Gelehrter des Mittelalters
übet das Seenerficherungswesen. — Die Trünerrfchnle. ---
^Korrespondenzen ün8 Nachrichten: Frank¬
furt a. M.: (Der vaterländische Hilfsdienst u^ die
Saööstruhe.) - Warschau sOrganisntion der Wvhltäiig-
^ keit.) — Lemberg (Das Rettungskamiiee.) — Kopenhagen
(Das Cheöarini iti RllßlSNö.) ^ 6» KsrsSKSltSNr
Osrlin. — Wiesbaden, — Düsseldorf, — Fulda. —
NWerSanir ^ 6i VeEüi ifchke §: Frankfurt a, M.
Gau Birkeltzeim. — Bereni. — Porghörst. — Ballenstedt
t. H. — Hannober. --- 7. Feui lleron- Äetlage:
Schalem Alejchenr : Mur Begegnung.
Sie heilige M.
Nirgends Lrisit das Wort von der heiligen
Not in seiner ganzen Liefe und Tragik so zu,
wie in Litauen, wo der Krieg neben allem
Ungemach, das er brachte, so viele gei¬
stige Werte des Judentums zerstört hat.
Schon der Auftakt der Weltkatastrophe traf die
Zudenheit Litauens im Herzpunkte, indem Niko-
lajewitsch's Heere, gleich denen des Syrerkönigs
von dazumal, auch die Aecker erbarmungslos
zerstampften, die die heilige Zukunftssaat für das
geistige Thoraleben der ganzen Diaspora bargen:
dte Jeschiwoth.
Aus verspätet eintreffenden amerikanischen
Blättern kann ein kleines Bild gewonnen wer¬
den Mer den derzeitigen Stand der Jeschiwoth,
richtiger, deren Trümmer im besetzten Gebiete,
wie - jenseits der russischen Schützengrabenlinie.
Die meisten kleineren Lehranstalten Huben zwischen
den zwei Feuern aus russischen und deutschen
f -Känonen ihr jähes tragisches Ende gestmden.Unter
^der deutschen Herrschaft wagten sich inHTelschl,
- Slobotkö, Lomza, sowie in einigen Lehrhäusern
Wilnas aus - den Trümmern einige bescheidene
Änfäng^.wieder, hervor, die-aber--kaum in einem
-z^Verhältms^ zw dem alten Thöraglanze in Litauers
- r^st'ehen. ^Mre^Zukunst And Entwicklungsfähigkeit^
'^hangenrabM^vÄn-Faktoren ab/ die. nicht in: un-
Als im Mat 1915 Htndenburgs Truppen
im Lriuniphzuge über Litauens Gefilde rasten
und die Kosaken aus ihrem eiligen Rückzuge
ihr Mütchen an den wehrlosen Jndeugemeinben
kühlten nnd stillten, als zudem noch das harte
Geschick der Evakuierung die Bevölkerung traf
da wiederholte sich die altgeschichtliche Erscheinung
onbtf 7\tbi rmn ^x-iw'' aipa Ss
Die Jeschiwoth gingen mit auf die Wander¬
schaft. Die altberühmte Lehranstalt des Rabbi
Galanter biTWl' nD3D in Slabotko schloß
sich den Ausgetrtedenen aus Kowno an und ließ
sich mit Leiter, Lehrern und Schülern, soweit
letztere nicht für den Kriegsdienst eingezogen
waren, in einem der Lehrhäuser von Minsk
nieder. Zur gleichen Zeit verließen die Jeschi-
wsth aus Lida und Radin ihre Heimst.
Die erstere fand nach langen Wanderungen end¬
lich eine Ruhsstätts in der sndrnfsifchen Stadt
Jelisabethgrad, die letztere siedelte zunächst
nach einem Städtchen in der Nähe von Minsk
über, wo fte aber einerseits wegen der Nähe der
Front, dann aber auch wegen der gewaltigen
Belastung des Minsker Gouvernements nicht
lange bleiben konnte. So irrt sie heute noch in
der kalten, weiten russischen Welt auf der Suche
nach einer Heimat umher.
Ein glücklicheres Geschick waltet über die be¬
kannte Chassidim-Jeschiwah zu Lubawitz. Die
Stadt im Gouvernement Mohilew ist vvm Kriege
direkt nicht berührt worden. Der Idealismus
der Wohlhabenden, auf den die Jeschiwah gegründet
ist, nährt sie nach wie vor ungeschmälert. Das
Schülerkontigent mag qualitativ, da die älteren
Jahrgänge fehlen, etwas zurückgegangen sein,
steht aber in der Zahl heute stärker denn je da,
da die Propaganda kräftig fortgesetzt wird und,
der Not der Zeit gehorchend, auch Schüler jüngeren
Alters herangezogen werden.
Tieftraurtg gestalteten sich aber die Geschicke
der weltberühmten Jeschiwoth zu Wolosch in
und Mir. Des Schicksals Laune fügte es so,
daß der deutsche Feldzug im Gouvernement
Wilna bet Woloschin, im Gouvernement Minsk
aber an der Stadtgrenze von Mir Halt machte.
Die. Schützen- und Laufgräben durchziehen die
genanntem Städte, die öfters ihre Besitzer wech¬
seln, und die Stimme der Thora wurde dort
-durchs rauhes, tausendstimmiges Kriegsgeschrei
abgelöst.
-^- ,EE..'.wap. am . Rüstiage des Versöhnungs-
ftstes-5676 (1915), als.-der Befehl zur Mobili-
' Ci ' i
sierung der „blauen Reserve" (Inhaber blauer
Mtlitärpässe, wie sie für die Reserve zweiten
Grades ausgestellt werden) erging. Zu dieser
Kategorie zählten fast alle Jeschiwähjünger, so¬
fern sie ganze Glieder hatten. Der Befehl
wurde zumeist noch am gleichen Tage in rigoro-
fesier Weise durchgeführt. Es rächte sich bei
dieser Gelegenheit eine unverzeihliche Versäumnis
der zuständigen Stellen, die bei Kriegsausbruch
nicht dafür sorgten, daß den Jeschiwahhörern
das Recht der geistlichen Schüler auf Militär-
freiheit zuerkannt werde. Bon rabbinischer Seite,
wie aus der Mitte der Jeschiwoth selbst, wurden
rechtzeitig genug dementsprechende Anregungen
gemacht und Bemühungen unrernommen, in Pe¬
tersburg, wo die jüdische Intelligenz über das
Minimum der jüdischen Rechte wacht, ließ man
sich die Sache nicht sehr angelegen sein und be¬
trieb sie nicht mit dem gebotenen Eifer. Erst in
zwölfter Stunde gelang es, wenigstens für die
bereits amtierenden Rabbiner, wie für die Krön-
rabbiner, dieses Recht unter gewissen Einschrän¬
kungen zu erwirken. Die Thyrajüuger, auch
solche, die längst im Besitze einer Autorisation
sind, mußten und müssen unter die Fahnen, wo¬
mit den Lehrhäusern jäh der Boden unter den
Füßen entzogen wurde. In Woloschin wie in
Mir wurde wochenlang der Einziehungsbefehl
in der Weise ausgeführt, daß Kosaken und Po¬
lizei die Lehrhallen nächtltcherweise überfielen
nnd Tag für Tag die Prtvathäuser nach Gestel¬
lungspflichtigen absüchten. Es war ein beliebter
Sport der Kosaken, mit Kolben und Nagaika
die Jeschiwajünger den Kasernen zuzutretben. An
diesen Tagen hatte das russische Westheer viele
viele Gefangene gemacht.. .Und es gehört in die
Heldengeschichte dieses Krieges, mit welchem Hero¬
ismus und welcherSelbstverleugnungeinigeSchüler
aus lauter Liebe zu der.altgehetligten Pflanz¬
stätte des jüdischen Geistes mitten in diesen Schrecken
und Gefahren bis zum letzten Momente ausharr¬
ten. Wer den Moment miterlebt hat, als der
greise Letter der Woloschiner Jeschiwah, Rabbi
R'efoel Schäpiro in Begleitung seiner letzten
Treuen die Thorastadt, die' geistige Werkstätte
seiner Väter und Vätersväter verließ, der wird
sich des gewaltigen Eindruckes sein Lebenlang
nicht mehr entschlogen. — —
Die Zukunft ist in einen dichten Schleier ge-
' hüllt. Das Zauberwort F r i e d e ist unter' die
geschlagene Menschheit geworfen und sie wird
dessen nicht mehr verlustig gehn. So unversöhnlich