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und 40°/o zu verhindern, die die Arbeiter bei dem
Umtausch von Lohuainveisungen bei sonstigen
Händlern erlitten haben. Die Maßregel wirkt
überdies wie ein Arbeitskredit an Kolonisten,
die nicht in der Lage sind, ihre Mittel für die
Wirtschaftsführung augenblicklich flüssig zu machen.
Schließlich hat der Jüdische Nationalsonds aus
den Eingängen für die Notstandsaktion jüngst
einen namhaften Kredit für die Förderung des
Gemüsebaues bewilligt. Für die sorgfältige Be¬
arbeitung einer Fläche von 5 Dunam (durch
eine Arbeitergruppe) sowie für qualitativ beson¬
ders gute Erzeugnisse sollen auch Preise verteilt
werden.
3. Statistisches.
Es besteht leider keine lückenlose Statistik der
jüdischen städtischen und ländlichen Siedlungen
in Palästina. Bei der Stadtbevölkerung ist man
gänzlich aus Schätzungen angewiesen, bei den
Kolonien bieten die Berichte der Jca (Jewish
Colonisation Association) verläßliche Angaben,
sowie gelegentliche Zählungen des Paläftinaamtes
und der Arbeiterorganisationen. Noch mangel¬
hafter sind die andern Gebiete der Statistiker-
Hebung des Viehbestandes, der Produktionskosten
und Erträge pro Flächeneinheit in verschiedenen
Wirtschaftszweigen, der Kolonisten- und Arbeiker-
budgers usw. Es soll hier versucht werden, den
gegenwärtigen Stand der Bevölkerung Galiläas
während des Krieges keine Minderung ihrer
Zahl erfahren hat. Im Gegenteil, im Laufe des
letzten Halbjahres har ein Zufluß von Arbeitern
aus Judäa stattgefunden, wo die Arbeitslosigkeit
bekanntlich viel schwerere Formen als in Galiläa
angenommen hat. Eine Zählung in den Ko¬
lonien und Farmen in Judäa gegen den 1. April
1915 ergab trotz der nicht unbeträchtlichen Ab¬
wanderung, speziell von Arbeitern, seit dem Kriegs¬
ausbruch einen Zuwachs gegenüber dem Jahre
1913, für das wir im Berichte der Jca wert¬
volle Zahlen besitzen. Die Seelenzaht beträgt
rund 7500. Davon sind 2735 Kolonisten samt
Angehörigen, die Arbeitersiedler von En-Ganin
und Nachlath-Jehudah inbegriffen, gegen 2380
jemenitische uno aschkenasische Arbeiter (inklusive
die der Kellereien von Rlschon), über 1260 Hand¬
werker und etwa 1115 Berufslose. Die Zahl
der Landarbeiter möchten wir mit Vorbehalt
verzeichnen. — In Samaria zählte die Jca 1913
in ihren Kolonien 1509 Seelen. Farmarbetter
und den wahrscheinlichen Zuwachs htnzugerechnet,
können wir für die Siedlungen von Hederah bis
Haiffa eine Seelenzahl von 1600 etnsetzen.
In Untergaltläa gab es in den Jca-Kolo-
nien 860 Seelen, dazu kommen rund 5OO Ar¬
beiter in den genossenschaftlichen Betrieben auf
den Ländereien des Jüdischen Nationalfonds und
Diese Zeremonie entspricht den Vorschriften des
jüdischen Speisegesetzes.
(Die Bibel gegen das Hamstern.) Es dürste
die Leser interessieren, daß auch im Einzelnen Joseph
in Aegypten Vorschriften erlassen hat, die denen
gleichen, die die Gegenwart kennt. Nach dem Midrasch
(Berescytth rabbay r. 9t) verbot Joseph, „daß jemand
mit 2 Eseln nach Aegypten kam" um Getreide zu
kaufen. Hierdurch werde das Hamstern unterbunden.
Ein Ausfuhrverbot erließ Joseph, „daß nicht Esel das
Getreide von einem Ort zum anderen bringen dürften."
An die Knndenliste gemahnt die Verordnung Josephs,
„daß keiner Aegypten betreten dürfte, der nicht seinen
Namen und den Namen seiner Familie in die Liste
einlrllg." Wenn auch der Grund Josephs ein anderer
rvar, als der der Gegenwart, so ist doch die Gleichheit
der Bestimmungen bemerkenswert. Dr. Michal-tt.
(Ein jüdischer Gelehrter des Mittelalters
über das «.eeversicherungswesen.) Im Sep-
temberyest der „American Economic Review“ veröffent¬
licht der Professoe für jüdische Geschichte und Literatur
an der Universität New-Aork, Alerander Marx, eine
Handschrift des gelehrten Rabbi I e ch t e l N i s s i m
von Pisa ans dem Jahre 1559, die m der Bibliothek
des „Jüdtsch-Iheologrfchen Seminars für Amerika" in
New-Vork ausvewayrl wird. In dieser Handschrift, die
sich in erster Linie mit dem Finanz- und Wechselwescn
der Juden um die Mitte des 16. Jahrhunderts be¬
schäftigt und es vom streng-orthodoxen Standpunkt aus
beurteil!, komn.l Iechiet Nijsuu auch aus das System
der Schlffsversicherungetr seiner Zen zu reden, und ge¬
rade unter den gegenwärtigen Verhältnissen dürfte es
wohl nicht ohne Interesse sein, die Grundzüge des da-
Der JSraeltt.
m privaten Farmen, zusammen 1360 Seelen.
J'n Obergaliläa zählte die Jca 1913 über 930
Kolonialbewohner. Die gesamte ländliche Be¬
völkerung ergibt sich derzeit mit rund 11400
Köpfen. Es kann daher mit ziemlicher Genau¬
igkeit angenommen werden, daß die Zahl der
Juden in den ländlichen Siedlungen unmittelbar
vor dem Kriege 12000 überschritten hat.
Aeue Sucher.
Bücher und Broschüren über Zeitfragen-
Im Herbste und in der ersten Winterhälfte
pflegte der Büchermarkt seine Hochsaison zu
feiern. Darin hat sich in den letzten Kriegsjahren
nicht viel geändert, denn die Bücherei gehört zu
den Jndustrteen, die sich jeder Lage mit Leich-
tigkeir anpassen. So ist denn auch dieses Jahr
das Kriegsbuch vorherrschend. Vier Fünftel der
auf unserem Tische liegenden Bücher und Bro¬
schüren stehen in irgend einer Beziehung zum
Kriege. Bei vielen dieser Preßerzeugniffe
kommt dem Leser unwillkürlich der wehmütige
Gedanke an die Papierknappheit. Wo ein schönes,
beachtenswertes Wort fällt, wird es sicherlich
auch in diesem Gewirre von Papier und
Druckschwärze nicht ganz untergehen.
Max Dessoir unternimmt es, nach einem
psychologischen Aufbau des Wellereignisses die
seelischen Verhältnisse im kämpfenden Heere zu
zergliedern?) Die Schilderungen, die sich um
eine tiefdringende Einfühlung . in das Seelen¬
leben des einzelnen Soldaten und der Gruppen¬
verbände bemühen, werden ergänzt durch anschau¬
liche Gefechtsberichte. Die Schlußabjchnttte sind
dem psychologischen Abbau des Krieges gewidmet.
Es erscheint Dessoir als vornehmste Aufgabe,
den Wertgewinn der Berührung mit der gött¬
lichen Schick,alsgewalt loszulösen von der Er-
scheiuungsform des Krieges und htnüberzuletten
in den Tatgeist des Friedens.
F o er ft er macht „Das Verhältnis der deut¬
schen Jugend zum Weltkriege" zum Gegenstände
eines 167 Seiten starken Buches. 2 ) Der
„Foerst er"streit ist noch in aller Erin¬
nerung. Er entstand durch Aeußerungen Foerfters
in einem schweizerischen Blatte über Bismarcks
Werk im Lichte der großdeutschen Kri¬
tik, Aeußerungen, die zwar von persönlichem
Mut und wissenschaftlicher Wahrheitsliebe des
’) „Kriegspsychologische Betrachtungen" von Max
Dessoir. Verlag von S. Htrzel in Leipzig.
2 ) „Die Deuische Jugend und der Weltkrieg, Kriegs¬
und Friedensaussntze." Von Dr. Fr. W. Joerster,
ordentlicher Professor an der Universität München.
Verlag „Naturwissenschaften" G. m. b. H. in Leipzig
1910.
maligen Seeversicherungswesens kennen zu lernen: Es
bestanden in jener Zeit in den einzelnen Ländern, die
Seehanoel trieben, größere oder kleinere Gesellschaften,
die das Risiko für alle über See gehenden Schiffe und
Waren übernahmen und die Schiffe und ihie Ladung
gegen Räuberei, Brand, Untergang usw. schützen wollten.
Die Versicherungsprämie wurde nach der Entfernung
des Weges bemessen, den das Schiff zurückzulegen hatte;
sie betrug z. B. für die Strecke von Livorno nach
Neapel 7 v. H. vom Wert der Ladung, von Livorno
nach Messina oder Palermo 8 v. H, nach Alexandrien
12 v. H. Die Verantwortung der Gesellschaften er¬
streckte sich über die eigentliche Fahrtdauer hinaus, denn
sie endete erst, wenn die Waren an ihrem Bestimmungs¬
orte dem rechtmäßigen Empfänger abgeliefert worden
waren. Die einzelnen Gesellschaften hatten keine all¬
gemein gültigen Bestimmungen, sondern richteten sich
nach dem Brauch und den Sitten des Landes, dem das
zu versichernde Schiff angehörte. Entstand ein Streit
zwischen Reedereien und Versicherungsgesellschaften, wie
zum Beispiel dann, wenn bei einem Sturm die Ladung
über Bord geworfen werden mußte, um das Schiff zu
retten, so wurde er ans Grund eines allgemein aner¬
kannten Gesetzbuches, des „Consulado de Barcelano“
entschieden, und jeder der streitenden Teile mußte sich
dem Erkenntnis unterwerfen, das an dir Hand dieses
Buches gefällt wurde und wogegen es bine Einsprache
aber Berufung gag.
Januar 1817
Verfassers zcugeii, die aber heute, im Momente
gespannter Leidenschaften und gesteigerten patri¬
otischen Empfindens, besser unterblieben wären.
Im genannten Buche widmet Foerster das letzte
Kapitel dieser seiner eigenen Sache und
beleuchtet die Motive und Grundanschauungen,
die für seine Stellungnahme zu den Problemen
der gegenwärtigen Weltlage maßgebend sind. Die
anderen Teile des Buches enthalten einen Appell
an die Jugend, das Vermächtnis der Zeit, den
Schützengrabengeist, zu einem der Fundamente
des neuen Deutschlands zu machen. Eingehend
befaßt sich der Verfasser auch mit religiösen,
sexuellen und Erztehungsfragen, überall in wohl¬
tuendem versöhnlichem Tone. Der Abschnitt
„Mitteleuropäische Schützengrabenpolitik" enthält
eine Kritik des so rasch berühmt gewordenen
Naumann'schen Buches „Mitteleuropa". So
sehr Foerster selbst für einen engeren Zusam¬
menschluß der jetzt verbündeten Mittelmächte ist,
so möchte er doch im Gegensätze zum Naumann-
schen von Schützengräben umschlossenen Mittel¬
europa, ein friedsames Mitteleuropa
für Europa. Eine scharfe Abrechnung' hält
Foerster mit den „Krtegsromantikern hinter der
Front", die anstatt die künftige Annäherung
der jetzt feindlichen Völker vorbereiten zu helfen,
sich nicht genug tun können, den vorhandenen
Haß immer von neuem zu schüren.
Hans Roh de kommt, durch die neuesten
Phasen des Balkankrieges, die eine wesentliche
Verschiebung der Machtverhältniffe im nahen
Orient bringen, angeregt, mit einem sehr inte¬
ressanten orientierenden Buch über „Deutsch¬
land in Vorderasien?") Was uns Juden
am meisten in diesem Buche interessiert, das sind
die Schilderungen der Verhältnisse in Palästina
und die eingehende Behandlung der dortigen jü-
dischenKolonisation. Er hält die jüdischen
Kolonisten Palästinas für berufen, neben ihren
jüdischen nationalen Bestrebungen deutsche Sprache
und Kultur zu fördern. Mit großem Nachdruck *
spricht der Verfasser einer jüdischen Einwande¬
rung in Palästina das Wort. In den einge¬
wanderten Juden würde die Türkei nach dem
Kriege das finden, was ihren Bedürfnissen in
geradezu idealer Weise entspricht: einen Bolks-
zuwachs, hinter dem keine feindliche Macht steht.
Dem Buche ist eine gut ausgeführte Uebersichts- .
karte der Eisenbahnen Vorderasiens beigegeben.
Asien und zwar die „Armenische Frage"*)
behandelt auch Bratter, der sehr nachdrücklich
den am Ruder befindlichen englischen Lords, die
3 ) „Deutschland in Vorderasien." Von Hans Nohde.
Verlag Ernst Siegfried Miktler-Sohn, Berlin.
4 ) „Die Armenische Frage." Von C. A. Bratter.
Coneordia-Verlag Berlin.
Die Tränenschale.
Von S. Frn-g. (Uebertragen von Frdr. Thieberger.)
„Sag', Mutter, ists wirklich so, Mutter, ists wahr?
Großvater erzählt, vor Gottes Thron
Steh' eine Schale, ganz wunderbar . . .
Steh' dort von dem Morgen der Zeiten schon.
Und wenn uns ein Tag voll Leiden scheint,
Weint Gott eine Träne . . . Mutter . . . Gott weint,
Und die Träne zittert zur Schale hinein...
Und einstens, Mutter, weißt du, einst,
Wenn die Tränenschale zum Rande voll:
Er, den du im Beten ersehnst und erweinst,
Er kommt, der die Welt erlösen soll.
Dann sind auch wir nicht Getretene mehr,
Dann dürfen wir frei sein, wie's ehedem war . . .
Unsre Augen, leidumschattet und schwer,
Werden still und klar ...
Ists wirklich so, Mutter, sag, Mutter ists wahr. . . ."
Die Mutter nickte und schwieg und schwieg.
In ihrem Schweigen lag dumpfe Qual.
Das Auge des Knaben war Sonne und Sieg.
Er fragte die Mutter zum zweitenmal:
„Und wann, wann wird die Schale voll? .
Wie dulden und hoffen viel hundert Jahr ...
Vielleicht, daß die Träne, die niederquoll--
Vielleicht vertrocknet die Träne gar?
Vielleicht . . . ja, Mutter . . . wenn vielleicht
Der Schäle Grund durchbrochen war . .
Die Mutter schweigt. Eine Träne schleicht
Aus ihrem Auge, zag und schwer.
Und diese stumme Träne streift
Des Knaben Haar. Es strahlt wie nie . . .
Ob er den Kutz der Träne auch begreift?!
Auch d i e in deine Schale, Herr, auch die . . .