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Der Israelit 1
Ein Centralorqan für Jas orthodoxe Judentum
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Der Hachöruch 9er flrfiftel un9 Ccr^iönöenjen 9es „Israelit“ ill nur unter genauer Quellenangabe, un9, fomeif es [Ich um größere fluffä&e
handelt, nur nach vorheriger öenehmlgung geffaffef.
Inhaltsübersicht.
1. Leitartikel: Jüdische Schulfragen in
Deutschland. — 2. Homiletik: Der Psalm 137. —
Notizen. - 3. Kleines Feuilleton: Jnfektions-
kraniheiten und Judenverfolgungen. — 4. Wochen¬
rundschau: Minister Dominicus über Ostfudenfrage. —
Es sind die Anderen . .. — 5. A u f s ä tz e: N. Schlesinger:
Die ukrainischen Waisenkinder. — 6. Korrespondenzen
und Nachrichten: Frankfurt a. M., (Delegiertentagdes
deutschen Gruppenverbandes der Agudas Jtsroel). —
Budapest, (Die Juden im ungarischen MagnatenhauS). —
Budapest, (Judenboykott in Ungarn). — Warschau, (Der
jüdische Kultus). - Warschau, (Die Führung des Rabbiner-
Titels. — Die Ukraine-Flüchtlinge). — Lodz, (Schule und
Cheder). — Kowno, (Erez Jisroel-Arbeit der Orthodoxie
in Litauen). — Jerusalem, (Das neue arabische König¬
reich. — Petach Tikway, (Ein Besuch palästinensischer
Negierungsbeamten). — Jerusalem, (Das Oberrabinar beim
zionistischen Kongreß?) — New-Uork, (Die Vinwanderungs-
beschränkungen in Amerika). — 7.LiterarischeWarre:
Carl Ludwig Schleich: Lebenserneuerung. — L. Rosenthal:
i Jakob Fromer: „De- Talmud". — Sprechsaal. — Ein-
i gegangene Bücher. — 8. Personalien. — 9. Ver¬
tuschtes. — 10. Frankfurter Berichte. —
I Verein s kalender.— Gebetzeiten.— 11 Feuilleton-
i Beilage: Kissinger Badebriefe. — L.Horwitz: Nichts Neues
s unter der Sonne. —12. K t n d e r eck e: Heinrich Einstadter:
Alles zum Guten.
Mische Schulfragen
m Deutschland.
I.
Bei allen trüben und unerfreulichen Wahr¬
nehmungen, zu denen unter dem Einfluß der
anomalen Wtrtschaftsbedingungen die ganze Ge¬
staltung des sittlichen Lebens auch innerhalb des
deutschen Judentums genau wie im Kreise der
uichtjüdtschen Bevölkerung Anlaß gibt, muß man
avch ein e ermutigende Feststellung den Kennzeichen
aes Niederganges entgegenhalten: der Ernst, mit
J Ettl man in weiteren jüdischen Kreisen den für
u Zukunft des jugendlichen Nachwuchses ent-
cheidendenErziehungsfragen gegenübertritt,
lat zweifellos zugenommen, und es sind heute
wherlich weit mehr Eltern dazu geneigt, den
I ^chul- und Erziehung^ Problemen ehrliches Nach¬
denken zu widmen, als vor dem Kriege. Nament¬
uch in orthodoxen Kreisen gibt sich vielfach
starkes Unbehagen mit den Ergebnissen der bis-
herigen Durchschnittsbildung auf jüdischem Ge-
viete kund, und wenn man hier vielfach zu weit
Ut und die wertvollen Errungenschaften einer
fünfzigjährigen Pädagogisch-kulturellen Entwicklung
unterschätzt, so darf man sich darüber mit dem
alten Gleichnis trösten, daß ein krummgebogener
Stab nur dann seine normale Gradliniigkeit
wieder erhalten kann, wenn man ihn rücksichtslos
zunächst einmal nach der entgegengesetzten Seite
umbtegt. Es trifft sich gut, daß die innere Krisis
— wenn man sie so nennen darf — in der Ein¬
stellung jüdischer Eltern zum Schul- und Er-
zichungsproblem zeitlich zusammentrifft mit einer
fast beispiellosen Umwälzung in den äußeren ver¬
fassungsmäßigen Bedingungen des deutschen Schul¬
wesens. Hier ist seit der Revolution alles im
Fluß, und wenn auch gewisse neue Grundlagen
durch die Reichsverfassung in einigermaßen festem
Gefüge gelegt worden, und in einzelnen Bundes¬
staaten bereits durch Verordnungen oder Gesetz¬
entwürfe die Anfänge der gesetzgeberischen Neu¬
gestaltung weiter gefördert worden sind, so bleibt
doch nach dem ganzen Stande der Dinge der
freien Erwägung und Entscheidung der Eltern¬
kreise immerhin noch ein beträchtliches Gebiet
übrig. Gewiß dürfen wir den Einfluß der jüdischen
Bevölkerung überhaupt und gar erst der Ortho¬
doxie für sich allein auf das endgültige Werden
der Erziehungs- und Schulgrundlagen in keiner
Weise überschätzen. Maßgebend werden schließlich
die in in den großen Parteien: Sozialdemokratie,
Zentrum und bürgerlichem Liberalismus ver¬
körperten Geistesströmungen sein, die in. dem
bekannten, der Verfassung zu Grunde liegenden
Schul-Kompromiß ein bei gutem Willen für alle
Raum gewährendes, wohnliches Reichsschulgebäude
zu errichten versucht haben. Wir glauben sogar,
daß es den jüdischen Interessen, sagen wir ge¬
nauer den jüdisch-religiösen Interessen, die hier
in erster Linie in Betracht kommen, nicht einmal
besonders dienlich wäre, wenn man angesichts
der heute herrschenden politischen Strömungen
den Versuch machen wollte, gerade im Namen
dieser Interessen irgendwelche Forderungen an
die politischen Parteien, das Parlament und die
Regierung zu stellen. Trotz alledem: bei noch so
geringer Einschätzung des politischen Einflusses
der deutschen Juden und bei noch so entschiedener
Zurückhaltung gibt es eine ganze Reihe von
Punkten, in denen es zu einer klaren und ent¬
schiedenen Willensbtldung der jüdischen Orthodoxie
gegenüber den aktuellen Schulfragen kommen muß.
Wie die im Fluß befindlichen, miteinander ringen¬
den, verschiedenen pädagogischen und weltan¬
schauungsmäßigen Strömungen sich schließlich auch
im Gesetze und in der Verwaltung kristallisieren
mögen, es wird dem freien schöpferischen Wirken,
dem schulpolitischen Wollen der jüdischen Gemeinden
und Gemeinschaften immer noch ein weiter Spiel¬
raum bleiben, dessen zweckmäßige Ausnützung für
die höchsten Interessen des Judentums ernstes
Nachdenken aller Berufenen erheischt.
Wir möchten versuchen, im Folgenden einige
Grundlagen für die Diskussion der hier in Be¬
tracht kommmenden Probleme zu liefern, weil wir
der Meinung sind, daß hier keineswegs die
pädagogische Fachpresse allein das Wort haben
darf, sondern daß alle, denen innerstes Interesse,
Erfahrung und Urteilskraft Recht und Pflicht
zur geistigen Mitarbeit an diesen Zukunftsfragen
verleihen, sich an der Lösung der schulpolitischen
Fragen und Aufgaben beteiligen müßten.
II.
Dem Reichstage ist bereits Ende April der
Entwurf eines Gesetzes zur Ausführung des
Artikels 146, Absatz 2 der Reichsverfassung zu¬
gegangen, das in der nächsten Session zu lebhaften
Auseinandersetzungen zwischen den Parteien
Anlaß geben wird. Das Gesetz ist auf dem oben
erwähnten Schul-Kompromiß aufgebaut und sucht,
wie jeder vorurteilsfreie Beurteiler wird zugeben
müssen, dem Geiste der Verfassung entsprechend,
im Sinne eines Ausgleichs, bezw. einer Be¬
friedigung der vorhandenen weltanschauungs¬
mäßigen Gegensätze Jedem das Seine zu sichern.
Nach diesem Gesetzentwurf soll es künftig in
Deutschland drei Hauptgattungen von Volksschulen
geben:
1. Die Gemeinschaftsschule, in der
Kinder aller Bekenntnisse gemeinsam unterrichtet
werden, kein Lehrer einem bestimmten Bekenntnis
anzugehören braucht und lehrplanmäßig obligato¬
rischer Religionsunterricht inmindestenseinem
Bekenntnis nach näherer Bestimmung des Landes¬
rechts erteilt wird.
2. Die Bekenntnisschule, (die frühere
„konfessionelle Volksschule"), die grundsätzlich zur
Aufnahme von Schülern eines bestimmten
Bekenntnisses dient, ihren gesamten Ge¬
sinnungsunterricht im Sinne dieses Bekenntnisses
erteilt und der Regel nach nur Angehörige dieses
Bekenntnisses zum Unterrichte zuläßt.
3. BekenntnisfreieSchulen, die keinen