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fcuilleton
Beilage
Der Israelit
Nach Berlin.
Ein ftuttutbilb aus dem vorigen Jahrhundert
von M. £.
wm
(Fortsetzung.)
Rabbi Joseph schwieg, und Rabbi Daniel
sah eine Zeit lang nachdenkend da. Dann
sagte er:
„Ihr mögt nicht ganz Unrecht haben. Aber
warum habt Ihr diese Antwort nicht meinem
Schwiegersöhne gegeben?"
„Würde sich Herr Friedländer mit dieser
Antwort wohl einverstanden erklärt haben?
Würde er nicht tausend Einwendungen dagegen
gehabt haben? Hätte ich nicht vielleicht da
Ansichten zu hören bekommen, die es mir un¬
möglich gemacht hätten, mit ihm friedlich zu ver¬
kehren? Da bin ich ihm lieber aus dem Wege
gegangen, habe jedem Streit vorgebeugt, indem
ich erklärte, daß ich von allen diesen Dingen
nichts wisse und verstehe. — Hat mir Rabbi
Daniel noch sonst etwas zu sagen?"
„Nicht, daß ich wüßte." %
„So will ich zu meinen Studien zurückkehren.
Guten Morgen, Rabbi Daniel."
„Eulen Morgen, Rabbi Ioseph."
Rabbi Ioseph kehrte in sein Studierzimmer
zurück. Schon vor längerer Zeit war ihm die
Rabbinerstelle in Frankfurt an der Oder an¬
getragen worden. Er war nicht daraus einge¬
gangen, weil er wünschte, ungestört dem Thora¬
studium leben zu können. Ietzt war ihm seine
Stellung im Hause Rabbi Daniels verleidet.
Er schrieb sofort nach Frankfurt und akzeptierte
den ihm angebotenen Posten.
Unterdeß saß Rabbi Daniel, den Kopf auf
die Hand gestützt, auf der Veranda. Seine
gute Laune war verflogen. Er fühlte, daß er
in David Friedländer keinen Schwiegersohn
nach seinem Wunsche gefunden.
„Hätte ich den Iungen vorher so gekannt,"
so sagte er vor sich hin, „so hätte ich ihm meine
fromme Fradche nicht gegeben."
In der Tat bereitete Friedländers unreli¬
giöses Leben der frommen Tochter Rabbi Da¬
niel Itzigs später viel Herzeleid.
„Ziehst Du, Fradche," pflegte David Fried¬
länder Freitag Abends, wenn er in später
Nachtstunde die Lichter auslöschte, zu seiner
Frau 3 U sagen, „was für einen guten Schidduch
Du an mir getan. Du sparst die Schabbesgoie."
IV.
Während Rabbi Daniel in trüber Stimmung
auf der Veranda saß, trat ein ärmlich ge¬
kleideter Mann vor ihn hin.
„Was wollt Ihr?" herrschte der reiche Mann
den Fremden an.
„Rabbi Daniel," sagte der Fremde schüch¬
tern, „ich habe eine große Bitte an Euch, ich
bin ein armer Mann und habe eine Tochter zu
verheiraten. Da möcht ich Euch bitten . . ."
„Hier, nehmt!" sagte Rabbi Daniel, dem
Fremden einen Thaler reichend.
Der Fremde nahm den Thaler nicht.
„Ich bin nicht deshalb gekommen," sagte er
stammelnd, „ich wollte . . ."
„Nehmt, sage ich Euch noch einmal, ich habe
nicht länger Zeit, ich mutz fort in das Geschäft."
„Ich bitte Euch, Rabbi Daniel, hört mich
an. Ich heiße David und bin aus Friedland."
„Ah, ein zweiter David Friedländer! Und
da meint Ihr, weil Ihr gerade so heißt, wie
mein Schwiegersohn, so dürftet Ihr größere An¬
sprüche an mich machen."
„Nicht doch, Rabbi Daniel, ich heiße David
Weschner: ich möchte Euch bitten, mir hier in
Berlin behilflich zu sein, daß ich die Nedan für
meine Tochter zusammenbringe: ich brauche tau¬
send Thaler . . ."
„Ich glaube, Ihr seid ein wenig verdreht im
Kopf. Ihr seid ein armer Mann und wollt Cure
Tochter ausstatten wie ein Kozin! Belästigt
mich nicht mit solchen Torheiten. Da nehmt
Euren Thaler und geht Eurer Wege."
„Kennt mich denn Rabbi Daniel garnicht
mehr? Waren wir doch einst gute Freunde,
als wir zusammen bei Mendel Roßkamm in
Dessau . . ."
„Ihr seids! Mein alter Kamerad David!
Ia freilich, das ist etwas Anderes! Seid mir
herzlich willkommen! Ich hätte Euch nimmer
wiedererkannt. Freilich, das ist schon lange her,
wohl an die vierzig Iahre! Nun setzt Euch
da her und frühstückt bei mir!"
Rabbi Daniel zog an der Schelle und be¬
fahl dem eintretenden Bedienten, ein Frühstück
zu servieren. Bald saßen die beiden gemütlich
beisammen, der große, berühmte Millionär, in
dessen Hause königliche Prinzen zu verkehren
pflegten, und der arme Händler. Sie hatten
sich so viel zu erzählen! Was alles hatte sich
doch in den vierzig Iahren, in welchen sie sich
nicht gesehen, ereignet, wie waren doch ihre
Wege so weit auseinander gegangen!
„Ihr hattet immer hochfliegende Pläne,"
sagte David, „und träumtet Euch schon als
reicher Mann, als Euer Vermögen noch keine
fünf Groschen betrug. Erinnert Ihr Euch noch,
wie Euch mein Federmesser so gut gefiel, Ihr
aber nicht das Geld haltet, um es mir abzu¬
kaufen?"
„Nein," sagte Rabbi Daniel, „ich erinnere
mich nicht mehr."
„O, es war ein schönes Federmesser mit
vielen Klingen und einem Pfropfenzieher! Ihr
tariertet es damals auf zwei Thaler,- aber, da
Ihr so viel Geld nicht besaßet, so versprächet
Ihr mir alles Geld, welches Ihr mehr erwerben
würdet als zehntausend Thaler. Ich lachte Euch
damals aus, denn ich konnte mir nicht träumen
lassen, daß Ihr einmal ein so großes Vermögen
erwerben würdet. Trotzdem ging ich darauf
ein und gab Euch das Federmesser."
Während David so sprach, war Rabbi Da¬
niel schneeweiß geworden. Das alte, längstver¬
gessene Ereignis trat plötzlich hell und klar vor
sein geistiges Auge. Iedes Wort, welches der
Andere gesprochen, war vollkommen der Wahr¬
heit gemäß. Er hatte sein ganzes kolossales
Vermögen bis auf die für seine jetzigen Verhält¬
nisse ganz unbedeutende Summe von zehntausend
Thalern für ein Federmesser verkauft. Er war
plötzlich ein armer Mann geworden. Das Haus,
der Garten, die Möbel, die Iuwelen seiner Frau
und seiner Töchter, seine Wagen, seine Pferde,
der Inhalt seines Geldschrankes, alles, alles,
gehörte dem armen Mann aus Friedland, der
neben ihm saß und mit großem Behagen die
Schokolade schlürfte, einen Trank, wie er ihn
so köstlich in seinem ganzen Leben nicht getrun¬
ken hatte. Ia, wenn Rabbi Daniel sein ganzes
Vermögen hingab, so blieb er doch noch der
Schuldner des armen Mannes aus Friedland.
Hatte er doch seine verheirateten Töchter mit
großen Summen ausgestattet, die er von Rechts¬
wegen schon vor Iahren seinem alten Kame¬
raden hätte abliefern sollen! Und dieser saß
.nun neben ihm und verlangte von ihm weiter
nichts als lumpige tausend Thaler zur Ausstat¬
tung seiner Tochter, und die nicht von denk Eelde,
das eigentümlich ihm gehörte — Rabbi Daniel
sollte es ihm zusammen machen. Und diesen
Mann, den rechtmäßigen Eigentümer seines ko¬
lossalen Vermögens, hatte Rabbi Daniel noch vor
kurzer Zeit für verrückt erklärt, weil er der
Tochter eine für dessen ärmliche Verhältnisse so
übergroße Mitgift geben wollte!
David bemerkte, wie sich sein Freund ent¬
färbte.
„Um des Himmels willen," rief er, „was
ist Euch, Rabbi Daniel?"
„Mir ist nicht wohl," stieß der Angeredete
mühsam hervor. „Ich bitte Euch, guter David,
geht jetzt und kommt nachmittags wieder."
David ging. Rabbi Daniel aber eilte ins
Haus und suchte seine Frau auf.
„Sara, mein Herz," sagte er zu dieser,
„ich bin ein unglücklicher, armer Mann, ich habe
mein ganzes Vermögen verloren!"
Frau Itzig erschrak nicht wenig, aber sie war
eine resolute Frau und verlor sobald den Kopf
nicht.
„Sei ruhig, Daniel," sagte sie. „Wenn es
Gottes Wille fein sollte, daß wir arm
werden, so sind wir deshalb noch nicht un¬
glücklich. Und nun Erzähle mir. Was ist passiert?"
Rabbi Daniel erzählte von seinem Iugend-
kameraden, der so plötzlich gekommen, und von
seinem unüberlegten törichten Kauf, den er vor
40 Iahren abgeschlossen.
Frau Itzig atmete erleichtert auf, als sie
erfuhr, um was es sich handelte.
„Die Sache liegt nicht so schlimm," sagte
sie. „Der Mann wird mit sich handeln lassen."
„Das glaube ich auch," entgegnete Rabbi
Daniel. „Allein, was ist damit gewonnen? Mein
Vermögen gehört ihm, und ich darf es ihm
nicht vorenthalten, darf nichts davon abhandeln.
Ich habe in meinem ganzen Leben mir nicht
einen Groschen in unrechtmäßiger Weise ange¬
eignet. Ich würde kehre ruhige Stunde haben,
wenn ich mir sagen müßte, daß der Bissen, den
ich esse, nicht mir gehört."
„Du nimmst die Sache zu streng. Man
sollte doch Wert gegen Wert bemessen, und
man kann doch unmöglich viele hunderttausend
Thaler für ein Federmesser geben."
„Freilich, nicht gleich, aber wohl nach 40
Iahren. Ich habe einmal eine Rechnung ge¬
rechnet. Da wurde ausgerechnet, zu welch hohen
Summen ein Pfennig anschwillt, der vor tau¬
send Iahren auf Zinsen und Zinzeszinsen an¬
gelegt worden ist. Da kommen ganz erstaunliche
Summen heraus, viele Millionen Thaler. Wenn
David Weschner vor 40 Iahren das Feder¬
messer für zwei Thaler verkauft, dafür Waren
gekauft und diese mit Nutzen wieder verkauft
hätte und so fort, so. ist garnicht zu berechnen,
zu welcher ungeheuren Summe der Preis des
Federmessers hätte anschwellen können."
„Ich weiß nicht," sagte Frau Itzig nach¬
denklich. „ob Du Recht hast: ich kann mir nicht
denken, daß Du nach Din Thora verpflichtet
seiest. Dein ganzes Vermögen herauszugeben.
Laß doch unsern Rabbi Ioseph Hereinrufen und
frage ihn, wie es sich nach Din Thora damit
verhält."
„Nein, nein, nicht ihn: ich möchte ihm
keinen Einblick in diese Verhältnisse gewähren!"
„So laß anspannen und fahre zum Rab¬
biner. Trage ihm die Sache vor. Er ist ein
kluger Mann. Du wirst sehen, er wird einen
Ausweg finden, welcher Dein Gewissen voll¬
kommen beruhigt."
„Du hast Recht, das will ich tun."
Rabbi Daniel begab sich in sein Zimmer,
um sich zur Ausfahrt anzukleiden, während Frau
Itzig dem Kutscher den Befehl erteilte, anzu¬
spannen.
(Fortsetzung folgt.)