Seite
Nr. 1
2. Januar 1930
Frankfurt a. 2TT., den
2. Tebet 5690
rgan für das orthodoxe Judentum
Begründet von Dr. Lehmann in Mainz.
Abonnement ab, Juli 19L9: Deutschland 1.30 Mark monatlich: Ausland: Biertel-
tahrpretse (entsprechend dem deutschen Inlandspreis zuzüglich Kosten des Streifband-Ver¬
sandes) Deutsch-Lsterretch: Schilling 6.—; Amerika 1 Dollar; England 4 sh.; ab 1. Juli
Frankreich 88 Fr.; Belgien ab 1.7.27. Belga 5; Holland 8 fl.; Italien ab 1. i. 88.18 Lire; Jugo¬
slawien 68 Din.; Litauen 7.6V Lit.; Rumänien ab 1. 7. 27. 160 Lei; Polen 4 deutsche Told-
mark zum Tageskurs oder 7 Zloty. Schweiz 6 Fr- Tfcheckio-Slowaket W Kronen: Ungarn
Pengo 6 ab I.Juli 1887; Dänemark 8.50 Krön.;Norwegen8.60 Krön.; Schweden 8.6V Krön.
Einzelnummer vierzig Toldpfennige.
Der Israelit erscheint jede» Donnerstag. Inserat» 60. Goldps. für die stebengespalten«
Nonpareille-Zeile. Abonnenten zahlen bei Stellengesuchen und Familienanzeigen nur4v Pf.
Die 75 mm breite Reklamezeile r letzte Tertsette 3.— Mk., vorletzte Tertseite 8.6V Mk.;
Thiffregebühr. in Höhe eines dopp. Fernbriefportos. Rabatt nach Tarif. Bet laufende«
Jnferataufträge« tarifm. Preiserhöhung federz. Vorbehalt. Jnseratenannahme durch den
~ ~-— ~Rechneiarabenstrabe 7, Tel.Hansa6848
' - rinige Jnseratenann. für Franks.
Platzvorschr. ohne Berbtndlicht.
direkt an den Verlag auf Postscheckkonto Frankfurt (Main) Nr. 19802. - Außerdem an: Postsparkasse Wie« Nr. 798 W. — Postsparkafsenamt Budapest Nr. 18424.— PostschAkkouto
Nr. 190757. - Postscheckamt Zürich Nr. Vlll 7W4 - Jnkaflo-Bank Rotterdam - Postscheckamt Amstrrdam Nr. 34889 - Böhmische Nnionbank in Prag - b!»rm»roMb Ll-mb & Co. tu
Bukarest - Filiale des Wiener Bankvereins in Agram. — Der Gerichtsstand für alle aus Abonnements oder aus Inseraten stch ergebende« Zaolungsverpflichtunge« ist Frankfurt a.
Autorität und Freiheit.
Ein Kapitel jüdischer Erziehung.
Von Direktor Dr. Markus Elias in Franifurt a. M.
Mit großem Interesse 'habe ich den vor eini¬
gen Wochen in diesen Blättern erschienenen Ar¬
tikel über Autorität gelesen. Der Artikel hat im
Mannheimer jüdischen Gemeindeblatt eine leb¬
hafte Polemik hervorgerufen, was bei der Aktua¬
lität des Themas nicht zu verwundern ist. Denn
es steht doch im Mittelpunkt all der Fragen,
welche die modernen Pädagogen leidenschaftlich
erörtern: ob der Erzieher führen oder wachsen
lassen, ob er bezwingen oder befreien, ob er bin¬
den oder lösen solle. Und im Mittelpunkt all
der Fragen, die sich um das Problem der Auto¬
rität gruppieren, steht der jüdische Lehrer und
der jüdische Schüler, die mehr als andere seine
Aktualität zu empfinden scheinen.
Das Problem der Autorität in der jüdischen
Erziehung, sowohl des Einzelnen, wie der Ge¬
samtheit, ist zu schwer und zu vielseitig, als daß
es in einem Artikel erschöpfend dargestellt wer¬
den könnte . Herr Dr. Levi wollte darum wohl
auch keine Abhandlung über das Für und Wider
der 'Autorität und ihren Sinn schreiben, lediglich
Betrachtungen, die meines Erachtens sehr zeitge¬
mäß sind, niederlegen, die sich ihm bei der Lek¬
türe altjüdischer Erziehungsergebnisse und beim
Vergleich mit der „Jugend von heute" auf¬
drängten.
Wo ist aber diese „Jugend von heute" zu
finden? Und welche Beziehung besteht zwischen
ihr und modernen Erziehungstheorien?
Ihre Lobredner weisen auf die Jugendbewe¬
gung, ihren geistigen Schwung, ihren Hohen
Idealismus, ihre seelische Kraft hin. Zunächst:
Diese Jugendbewegung hat von jeher nur einen
geringen Teil der Jugend erfaßt. Aber selbst der
Teil, der von ihr erfaßt war, ist, wie ein Vergleich
der ersten und zweiten Meißnertagung zeigt, sich
dessen bewußt geworden, daß durch eigenes Er¬
kennen zu selbständiger Welt- und Lebensan¬
schauung zu gelangen, wie es die Meißnerformel
wollte, über ihre Kraft ging. Dazu kamen die
ungeheuren äußeren Ereignisse, Weltkrieg, Zu¬
sammenbruch und Revolution. Beides bewirkte
einen Umschwung in der Jugendbewegung, der
uns verbietet, sie heute noch als symptomatisch
für die heutige Jugend anzusehen. Was heute
von der Jugendbewegung geblieben ist, das ist
mehr auf Seiten der Erwachsenen spürbar, die
pädagogisch und psychotechnisch von ihr gelernt
haben und einen oft ins Groteske gesteigerten
Zug zum Wachsenlassen, im Sinne von Gehen¬
lassen, der Jugend zeigen. Bei den Jugendlichen
aber, soweit sie nicht als Vortruppen der Erwach¬
senenverbände ihrem Einfluß unterstehen, hat
sich vielfach nur das Negative erhalten, ein im¬
mer radikaleres Abdrängen von Lebensformen
und Lebensinhalten der Eltern, soweit sie in
irgend einer Weise binden.
Beweis? Herr Dr. Levi weist auf gewisse
Erscheinungen hin wie sie sich in der Presse spie¬
geln. Ein Argument, das m. E. noch beweis¬
kräftiger ist, bietet die Lektüre der 15- bis 18-
Jährigen. Bücher wie die „Revolution der mo¬
dernen Jugend" von Lindfay, „Das Tagebuch
des (15jährigen) Schülers Kostja Rjabzew", „Die
Aufzeichnungen eines 15jährigen im „Jahrgang
1902" von Glaeser, und endlich „Das Tagebuch
der 13jährigen Elisabeth Venson „Zwischen 17
und 29" verdienen die ernsteste Beachtung. Wenn
diese unter der Schuljugend zrkulieren, so zeigen
die darin geschilderten Zustände, welcher Art die
Jugend von heute ist, welchen Geistes die Jugend
ist, die nach dieser Lektüre verlangt, und endlich,
welcher Zusammenhang zwischen dieser Lebens¬
form und modernen Erziehungstheorien besteht.
„Die Eltern," sagt Elisabeth Benson, „sind so
überaus beschäftigt, uns unsere Freiheit zu geben
in der löblichen Absicht, moderne Eltern zu sein."
Ich kann darum Herrn Dr. Levi nur beistimmen,
wenn er diesem Zuge der Zeit gegenüber auf alt-
jüdische Welt- und Lebensanschauung hinweist
und von ihren Pfeilern einen herausgreift, durch
dessen Wiederaufrichtung und Anerkennung starke
Kräfte, die im Schoße des Judentums geboren
wurden, wieder lebendig werden und belebend
auf das Gesamtjudentum wirken könnten: Auto¬
rität.
Welche Rolle spielte die Autorität im alten
Judentum? Versteht man unter diesem Wort
eine mit dem Zwange des Gesetzes und der hin¬
ter ihm stehenden Gewalt wirkende Bindung des
Geistes und Körpers, wie manche aus dem Ar¬
tikel voy Herrn Dr. Levi herauslesen wollten, so
wird man dem unablässigen Bemühen unserer
Weifen um innere Religiosität und bewußte
Jüdischkeit nicht gerecht. Ausnahmezeiten und
Ausnahmefälle erforderten natürlicherweise
besondere . Maßnahmen, nicht aus dem
Geiste des Gottesgesetzes, sondern aus der
Not nationaler Selbstverteidigung heraus.
Kann man sich vorstellen, daß Sätze, wie
die von Herrn Dr. Levi zitierten, die
Ehrerbietung vor Eltern und Lehrern kennzeich¬
nenden Mahnungen durch äußeren Zwang ge¬
stützt wurden oder mit äußerem Zwang wirkten?
Selbst bie. absolute Autorität des Gottesgesetzes
hat nur durch Vertiefung in den Geist und durch
aufrichtige, aus dem Innern quillende Jiro
ihren Wert erhalten. Durch Studium der für
Eltern und Kinder, für Lehrer und Schüler, ge¬
meinsamen Quelle, durch die Lehrer und Schüler
in eine gemeinsame Front stellende Pflicht „zu
lernen und zu lehren", die sich Lehrer und Schü¬
ler jeden Morgen ins Gedächnis rufen, war jede
Maßnahme und jeder Schritt des Lehrers recht
oder falsch, je nachdem er den vor beiden Gene¬
rationen offen daliegenden Quellen entsprach
oder nicht. Die „Teschuwaus" auf jede Frage
zeugten von dem gewissenhaften, verantwortungs¬
bewußten Ernste, mit dem jeder Lehrer seine
Entscheidungen der Nachprüfung überwies. Und
die Kontroversen des Talmuds zeugen von der
Freiheit und der keine einseitige Bindung kennen¬
den Selbständigkeit der Schüler. Und wie freuten
sich die Eltern und Lehrer, wenn die Söhne und
Schüler an der Thora über sie hinauswuchsen!
Denn die Autorität des Gesetzes beruhte auf dem
tiefen Gefühl der alle, Lehrer und Schüler gleich-
machenden Abhängigkeit von Gott, die Autorität
des Lehrers auf dem Vertrauen irJ das Wahrheits¬
streben, die Autorität der Eltern auf dem Bewußt¬
sein ihrer Liebe, und die der Greise auf der
Ahnung von Lebensleid und Lebenssinn, wie er
sich in jedem Greise enthüllte (soken = der Weis¬
heit erworben). Diese durch Geist und Gefühl
gepflegte Autorität, diese Anerkennung der echten
erzieherischen Willensmacht des Lehrers, des
ewigen Wahrheitsgehaltes der erlebten Vergan¬
genheit, wurde noch gestützt durch eine in der
Weltgeschichte einzig dastehende Glaubens-Sit¬
ten- und Schicksalsgemeinschaft, die sie alle, Väter
und Söhne, Lehrer und Schüler zu Kommilitonen,
zu Kämpferkameraden machte, die alle aufeinan¬
der angewiesen, alle für einander verantwortlich,
außerhalb aller Gesellschaft gegen doppelte Mo¬
ral und Philisterhaftigkeit und Ungeistigkeit und
leeren Prunk und hohlen Glanz kämpften und
damit vor all jenen Faktoren behütet waren, die
unsere heutige Jugend vielfach von den Alten
trennen.
Das aber sind historische Erinnerungen. Heute
sind viele Voraussetzungen, soziale, wirt-