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Dibre 6metb.
€in Uiertclialjrsblatt für Israeliten und Freunde Israels.
1003. 80. Jahrgang. Il->. 1.
5nßctCf: Ein IDimbcrtaior. — Ans dem 94 . Jahresbericht der £. I.-M. — Lin Brief aus Abessinien an Missionar Flad. —
Österreichische Ausgrabungen in Palästina. — Der wert der Bibel. — Die Höllengrenze. — Iu Matthäus 6 , 30. — Zu
Hebräer ^ 5 . — wissen und Glauben. — wer bin ich? — Zum Nachdenken. — Jüdische Chronik. — Zur Station. —
Todesfälle. — Antworten. — Empfangs-Bescheinigung.
Ein Wundertäter.
Lin preußischer Soldat wurde wegen eines
schweren Vergehens zu zehnmonatlicher Einzelhaft
verurteilt. Er verbüßte diese Strafe in Aöln. Bald
nachdem er dorthin gekommen war, fragte ihn der
Sergeant, der die Aufsicht führte: „^aben Sie ein
Testament?" Auf sein „Nein" erhielt er ein solches.
Der Gefangene, ein von früher Aindheit an ver¬
wahrloster Mensch, griff zu dem Buch in der
Absicht, es nach seiner Entlassung zu verspotten. Er
bezeichnet alle Stellen, die ihm nicht glaubwürdig
zu sein schienen, wenn er aber weiterlas, erkannte
er meistens den Sinn und die Richtigkeit des An¬
gestrichenen. Als er mit dem ersten Evangelium
fertig war, sagte er sich: „Nun ja, es mag einen
Gott geben." Dagegen hielt er die Lehre von der
Gottessohnschaft Jesu für ein Erzeugnis der Ein¬
bildungskraft. Das zweite Evangelium wollte er
zuerst überschlagen, da er in demselben eine genaue
Wiedergabe des ersten vermutete. Dann aber las
er es doch. „Das hat ja ein anderer geschrieben,
und der hat auch andere Gedanken," rief ihm eine
innere Stimme zu. Das Lesen machte ihm wirklich
Freude. Das Markusbüchlein heimelte ihn an. Als
er aber hierauf zu Lukas überging und in dessen
Geschlechtsregister ändere Namen fand als bei
Matthäus, legte er das Neue Testament auf die
Seite. Er meinte hier den klaren Beweis dafür zu
haben, daß die Bibel nicht die Wahrheit rede. Doch 1
die Gewissensstimme mahnte ihn weiterzulesen und
sagte ihm: „Die Verschiedenheit wird sich schon er¬
klären. Grobe Lügen würde man doch nicht offen
zur Schau tragen." So las er auch das dritte
Evangelium. Aber erst als er an das vierte kam,
fing sein vereistes Herz an zu schmelzen. Aus diesem
Evangelium glühte ihm die göttliche Liebe am
stärksten entgegen. Unter vielen Tränen las er Rap.
\3—J(6. Noch tiefer ergriff ihn Aap. \7. Beim
Lesen von Vers 20 sprang er von seinem Sitz auf
und rief: „Also auch für mich hast Du den Vater
gebeten! D, wie soll ich Dir danken? Nun Hab'
ich genug."
So legte das Neue Testament den Grund zu
einem neuen Leben. Der Aufbau ging nicht ohne
heiße Seelenkämpfe vor sich. Einmal riß eine geheime
Araft den Gefangenen auf die Aniee. Er faltete die
Hände und konnte doch nicht beten. Nach einigen
bangen Minuten rangen sich die Worte von seinen
Lippen: „£) Gott, erbarme Dich meiner!" Jetzt
konnte er sich fröhlich wieder erheben. Ein ander¬
mal erinnerte ihn der Geist Gottes an den tröstlichen
Vers: „Hoff', 0 du arme Seele, hoff' und sei un¬
verzagt! Gott wird dich aus der Höhle, da dich
der Aummer plagt, mit großen Gnaden rücken.
Erwarte nur die Zeit, dann wirst du schon erblicken
die Sonn' der schönsten Freud'." Er hatte zwar diesen
Vers als Aind gelernt, aber seither nie bedacht.
Als derselbe ihm nunmehr ins Gedächtnis zurück¬
gerufen wurde, schien er Gottes Antwort auf die
ängstliche Frage des Gefangenen zu enthalten:
„werde ich ein anderer Mensch werden oder in
mein altes Leben zurückfallen?" Als er wieder
schwere Anfechtungen zu bestehen hatte, setzte er sich
an den Tisch, auf dem sein Neues Testament lag.
Seine Augen fielen auf 2. Aor. \2, 7—9. Er mußte
beim Lesen dieser Worte vor Freude weinen und
sagte: „Mein lieber j)aulus, wenn Du so leiden
mußtest, dann will auch ich bereit sein, zu leiden."
Nachdem er den letzten Teil seiner Zellenhaft unter-
täglicher Buße verlebt hatte, wurde er in die Arbeiter¬
abteilung einer Strafkompagnie eingereiht. Er be¬
kannte sich hier vor Vorgesetzten und Aameraden zu
dem HErrn, der ihn im Aerker bekehrt hatte. Jenen
antwortete er aus die Frage, wem er es verdanke,
daß er so ganz und gar anderer Gesinnung geworden
sei: „Dem allbarnrherzigen Gott." Den Aameraden
aber, die ihn um seiner Sinnesänderung willen