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Formen hängender Israelit gegen den noch bestehenden Gebrauch
der Abfassung eines Traubriefes (miro) auf, indem derselbe
nur eingeführt wurde, um dem Manne, der nach orientalischem
Gebrauche selbst bei der kleinsten Veranlassung die Ehe auflösen
konnte, solches zu erschweren (Baba Kamah 89), und der
Frau, die nach mosaischem Gesetze gar nichts erbt, etwas zu¬
fließen zu lassen, Gründe, die bei der Beschränkung der willkühr-
lichen Ehescheidung durch N. Ger sch om, sowie bei den überall
nach den Landesgesetzen entworfenen Ehepakten, gar keine An¬
wendung mehr haben. —
In Rußland (mit Ausschluß von Polen) lebten im Jahre
1839 1,080,224 Juden; in Galizien (1837) 259,104, und in
der Regentschaft Tunis 150 - 200,000. Man rühmt von den
letzteren, daß sie überall thätig wären, und fast die einzig ar¬
beitende Klasse bildeten. —
Die Gemeinden von Nikolsburg und Prag habenCre-
mieur die Morenu verliehen. Aus der Rede, welche der Letz¬
tere in Alexandrien zum Dchufe der Errichtung einer wohl-
geordneten Schule hielt, theilcn wir nach den Annalen folgende
stellen mit:
"Ich fühle mich glücklich, hier an dem Orte zu euch zu
sprechen, wo einst Gott für die Kinder Abrahams, Isaaks und
Jakobs große Wunder gethan hat. Ihr kennt die merkwürdige
Veranlassung, welche mich hichergcführt. SirM.Montefiore
und ich sind hergcsandt worden in dies Land, um unsre so schmäh¬
lich beleidigte Religion zu rechtfertigen.
Die plötzliche Lösung der damascener Angelegenheit durch
die Entscheidung Mehcmet Ali's, die Unmöglichkeit, unter den
obwaltenden Verhältnissen nach Damast zu reisen, hätten mich
bestimmen sollen, heimzukehren.
Aber dann hätte ich meine heilige Mission nicht als erfüllt
angesehen. Ich hatte nicht bloß die äußern Umstände, sondern
auch den inncrn Zustand der morgenländischen Juden im Auge;
ihre Zukunft zu verbessern schien mir wichtig, und nur dadurch
giiube ich meine Brüder in Europa zu befriedigen.
Merket nun die Größe Gottes! Wie bewundernswürdig ist
seine Weisheit, wie schafft sie Glück aus schwerem Unglück!
Vor etwa dreitausend Jahren bedrängten entsetzliche Leiden
das Volk Israel, und Mose ward zur Rettung gesendet!
Seit der Zerstreuung haben die Europäer kaum einige Kunde
von ihren Brüdern im Morzenlande, nur durch abgeordnete
Almoftnsammlcr erfuhr inan von ihrer traurigen Lage.
Da entsteht eine schreckliche Verfolgung; — eine schändliche
Vcrläumdung bringt Bestürzung über Israel; vier unglückliche
Opfer erliegen dem ttaurigen Schicksale, und sterben für die
Religion, — allgemeine Trostlosigkeit in Israel.
Die abendländischen Brüder vernehmen es, tief betrübt ge¬
denken sie ihrer Neligionsgenossen, sie vereinigen sich und senden
Abgeordnete, welche mit Muth und festem Sinn den Gefahren
trotzen und den Widerstand besiegen; die geistige Verbindung ist
wieder hergestellt.
Die unglücklichen Brüder in Damask sind frei, die Ketten
gebrochen, selbst die Todten gerechtfertigt.
Aber das genügt nicht den abendländischen Brüdern, weiter
hinaus dehnen sie ihre Fürsorge, sie wollen euch auch in Zu¬
kunft beglücken.
Vor 50 Jahren standen auch die Abendländer auf der Stufe,
die ihr setzt inne habt. Was hat sie dem Elende entrissen?
Nichts als eine gute Erziehung.
Seitdem sie die öffentlichen Schulen besuchen, sind alle Mit¬
glieder des Staates gleich, die Unterschiede sind verschwunden,
der Israelit wird wie der Christ als Mensch angesehen undjgeachtrt.
Die Väter sind beglückt durch die neue Erziehung, welche
sie ihren Kindern gegeben haben, indem sie sie so ehrenvoll da-
stehen sehen, und die Kinder segnen ihre Väter, daß sie so weise
für ihr Wohl gesorgt haben.
Meine Freunde, ihr sollt eben so glücklich werden!"
Aus Mannheimers Predigten.
Zuvorderst hätten wir uns darüber zu verständigen, ob eS
überhaupt den Israeliten gestattet ist, oder gar zur Pflicht ge¬
macht wird, in das innere Wesen und die innere Bedeutung der
Zeremonien einzugehcn, nach Grund und Ursache, nach den
N1LI2N 'PyP, wie die Schristgclchrtcn sagen, zu forschen;
oder ob die Gotteslchrc von ihren Bekcnncrn einen sogenannten
blinden Glauben fordere, und an dem Gehorsam, an der Uebung
genug habe, so daß das HTlüp — "thue was dir be¬
fohlen ist« - ihr gleichsam natt der Gotteserkenntniß und der
Gottesverehrung gelte. —
Daß diese Frage von jeher ist.verschieden beantwortet worden,
und noch immer verschieden wird beantwortet, nach dem Stand¬
punkte derjenigen, die die Frage zur Beantwortung in Händen
haben — wird jedem von uns bekannt seyn. Denn es stehen die
beiden Ansichten im Leben, wie in der Schule, einander noch
immer gegenüber. Sollten sie einst zur Verständigung und zur
Einigung gelangen, und einen dauernden Frieden schließen, was
wir gewiß alle von Herzen wünschen und von Gott uns erbeten
— so wäre auch der Sieg der reinen Gotteslehre in Israel, und
die Herstellung der volksthümlichen Würde nicht länger zweifelhaft.
Zu welcher Ansicht wir uns bekennen, daß wisset Ihr, meine
Freunde. Wir halten uns an das göttliche Wort unseres un¬
sterblichen Gesetzgebers, der doch wohl Zweck und Bestimmung
seiner Gesetze am deutlichsten inne hatte.
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»Es soll das Gesetz Eure Einsicht und Weisheit beurkunden
in den Augen der Volker."
Das gilt nur von einem vernünftigen Glauben, der Geist
und Herz, beides in Anspruch nimmt, und nicht von dem olinden
Glauben, der nur den Willen knechtisch dem Gesetze unterwirft.
Aus eben diesem Grunde bekennen wir uns auch zu der Lehre
des Maimonides.
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"Die Satzungen der heiligen Thora müssen mit Verstand
»und Ueberlegung geübt und gehandhavt werden. Jede hat ihren
»Grund und ihre Bedeutung, die sorgfältig zu ermitteln ist."
Er suchet alle Zwecke der göttlichen Gebote in einem von den
Dreien, die sich wohl auf unsere heutige Auseinandersetzung zu¬
rückführen lassen: "Entweder sollen sie unsere Vorstellungen
berechtigen, oder unsere Sitten läutern, oder zur Herstellung
und Befestigung der gesetzlichen und gesellschaftlichen Ord¬
nung das Ihre beittagen." , ,
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Das gilt, sagt er, von allen N1LQ .von-
Wir halten auch deshalb den für den Frommen und Gottes-
fürchtigen in Israel, der einmal durch seine höhere Einsicht in
göttlichen Dingen, durch eine lichtvolle, klare Anschauung des
Göttlichen — niy72/ und dann wieder durch Reinheit der Sit¬
ten — N17P2, und dann wieder durch seine Leistungen und Be¬
strebungen für das gemeinschaftliche Wohl, sey es zum Besten
seiner Glaubensgenossen, ftp es zum Besten seines Vaterlandes,
seine Anhänglichkeit an Gottes Lehre und Gesetz bewähret und
bestätiget.
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