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Der Israelit
des
nmrizchttcn MrhmhMs.
Ein Wochenblatt
für
die Kenntniß des israelitischen Lebens, besonders in religiös-kirchlicher Beziehung.
Herausgegeben
vr. M. Heß,
Land-Rabbinen zu Stadtlengsfeld, im Großherzogthum Sachfen-Weimar-Eisenach.
Rr. 21
Sonntag den 28. Februar 1841.
II. Jahrgang.
Motto: Entschieden, freisinnig, muthvoll und wahr.
Rabbinenwahl,
oder
Fehde zwischen I»--. Lo wo sitz und»r. Holdheim
La verite, toute la verite, rien que la verite.
Vpr längerer Zeit erschien aus Anlaß der bekannten
Differenzen in Breslau ein kleines Schristchen, betitelt:
Rabbinenwahl, zur Aufklärung über die dabei vertretenen
religiösen' Interessen, von vr. I. B. Lowositz, von
welchem die israelitischen Zeitschriften kaum eine Notiz
nahmen, nach unserer Meinung aber mit großem Un¬
recht. Das unansehnliche Schristchen bespricht die Grund¬
richtungen des religiösen Fortschrittes im Judenthume
mit einer so gewandten Dialectik, und weiß diese Rich¬
tungen mit so leicht täuschenden Namen zu bezeichnen,
daß es viel Unheil verbreiten, und namentlich christliche
Beamte, vor welche die Entscheidung über die Wahl
und Anstellung israelitischer Volkslehrer kömmt, in der
Sache irre machen kann. Auf der andern Seite aber
enthält es über eine auch den neuen Rabbinen verblie¬
bene Funktion, die Entscheidung der sogenannten Ge¬
wissensfragen Bemerkungen, die im Stillen
längst von allen Erleuchteten derselben getheilt worden
sind, die wir aber endlich öffentlich und unumwunden
aussprechen müssen, wenn wir nicht in dieser Beziehung
das Höchste und Heiligste des geistlichen Berufes, die
Wahrheit, Rücksichten der Klugheit und des Ehr¬
geizes, ferner aufopfern wollen! La verite, toute la
verite, rien que la verite, setzten wir daher mit Ab¬
sicht unserer Untersuchung voran.
Gefreut hat es uns, daß einer unserer gelehrtesten
Rabbinen, der wackere vr. Holdheim in einer Bro¬
schüre, betitelt: der religiöse Fortschritt im Deutschen
Judenthume, jenem Schristchen eine größere Aufmerk-
samkeit widmete, und die darin vorkommenden Argu¬
mente zu widerlegen suchte, wenn wir auch diese Wider¬
legung nicht als genügend betrachten können. Wir wer¬
den daher in der nachfolgenden Beurtheilung, Gründe
und Gegengründe genau abwägen, ergänzen, wo etwas
zu ergänzen, berichtigen, wo etwas zu berichtigen ist,
überall aber von den Personen abstrahiren, obgleich die
eine die Idee des Fortschrittes vertritt, während die an¬
dere einer starren Stabilität das Wort zu reden scheint,
und nur der Wahrheit, der vollen, lauteren Wahrheit
die Ehre geben —
Herr Lowositz, nachdem er einige Bemerkungen
über die überall stattfindenden Zerwürfnisse bei der
Wahl der Rabbinen vorausgeschickt, beginnt also:
„Dies Alles wäre jedoch nur eben Folge der ge¬
dachten Zerwürfnisse oder dieselben begleitenden Umstände,
nicht der Grund, nicht der Ausgangspunkt derselben.
Dieser möchte wohl hauptsächlich darin zu suchen seyn,
daß in neuerer Zeit von einer Seite her, das äußere,
jüdisch-religiöse Leben dem Einflüsse eines fremden Prin-
cips, dem der christlich-germanischen, der allgemein¬
europäischen (oft nur vermeintlichen) Zeitbildung, zu un¬
terziehen, und von einem der Sache fremden Gesichts¬
punkte aus, die Würdigung desselben in seinen Einzelheiten
versucht worden. Ohne Rücksicht auf die allein sachge¬
mäße und wesentliche historisch-religiöse Begründung
und Berechtigung eines äußerlich religiösen Moments,