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sollte jedes Einzelne der Art vor den Richterstuhl einer
hier jedenfalls inkompetenten Zeitbildung und ihrer mit¬
unter sehr unzuverlässigen Organe gebracht werden, um
daselbst seine Bestätigung oder sein Verdammungsurchcil
zu erhalten. Beobachtung der Speisegefttze, der bisher
übliche Gottesdienst, Sabbath- und Fcsttagsfeier u. a.
m. sollen nicht etwa nach ihrem Verhältnisse zu den ih¬
nen zu Grunde liegenden gesetzlichen Bestimmungen der
Religionsurkundcn, des Pentateuchs, des Thalmuds und
seiner compctcntcn Erklärer, sondern nach ihrem Ver¬
hältnisse zur Zcitbitdung, genauer zum ,/Zeitgeist" ge¬
prüft und gewürdigt werden, und darnach sollte ihre
Anerkennung oder Verwerfung erfolgen. Die Zcitbil-
dung kann aber hier allenfalls nur die Controlle bilden
zu den auf historisch-religiösem Grunde von der gesetz¬
lichen Autorität gewonnenen Bestimmungen, um bei ei¬
ner zu auffallenden Divergenz Beider um so eher die
allenfalls nöthige Berichtigung herbeizuführen und das
vielleicht mit uutcrgelaufcne Zrrthümliche zu entfernen,
etwa wie nach der Ansicht Einiger der sogenannte ge¬
meine Menschenverstand den speculativen zu controllircn
habe. Aber für eine Quelle negativer oder positiver
Bestimmungen in religiösen Dingen, im G e g e n ja tz e zu
den Aussprüchen der als solche anerkannten Religions-
quellen kann die Zeitbildung in den Augen jedes Unbe¬
fangenen und wahrhaft religiös Gesinnten auch nicht mit
dem geringsten Scheine gelten. Zudem ist ein wesent¬
licher Grundzug christlich-germanischer Bildung: Innig¬
keit des religiösen Glaubens, gcmüthvolle Hingebung an
Gott und das Göttliche, so daß an einen eigentlichen
Widerspruch zwischen christlich-germanischer Bildung und
der Ausübung jüdisch-religiöser Satzung als Befolgung,
wenn auch nur vermeintlicher, göttlicher Gesetze gar nicht
zu denken. Ein Widerspruch der Art ist mithin nicht
gegen die germanisch-christliche Bildung überhaupt und
ihrem Wesen nach möglich, sondern nur gegen eine Form
derselben, gegen eine Zeitbildung und zwar in sofern
diese nicht nur nicht vom religiösen Elemente beherrscht
und durchdrungen ist, sondern mit dem Hauptaugenmerk
auf Alles das, was zunächst äußere sociale Vorcheile
bietet, nämlich zur Erwerbung von Reichthümern, von
Glanz, Ehre und Einfluß dient, das religiöse Moment
sogar sich unbedingt unterzuordnen oder zur größer«
Bequemlichkeit ganz von sich auszuscheidcn unternimmt,
so daß wie das jüdische, eben so gut jedes andere reli¬
giöse Moment, in seiner selbstständigen, absoluten Gel¬
tung ihr widerstreben muß. Eine solche Bildung, die
man mit großem Rechte und unter Zustimmung der be¬
deutendsten und zuverlässigsten Autoritäten in diesen Din¬
gen vorzugsweise die moderne, unsere Zeitbildung
nennen kann, und welche die Materialistische Denkweise als
das Charakteristische unserer Zeit bezeichnet, dagegen den
religiösen Ernst, den schönsten und erhabensten Zug eines
wahrhaft menschlichen Gemüthes nicht einmal zu ahnen,
viel weniger zu begreifen vermag, muß sich allerdings
mit tiefem Unwillen abwenden von dem Juden, welcher
an einer auffallenden, für ihn in religiöser Idee und
Satzung begründeten Eigenthümlichkeit festhält, auf die
Gefahr hin, damit dem Hohne und Gespötte, jeder De-
müthigung und Zurücksetzung Preis gegeben zu seyn,
für abergläubig und vorurtheilsvoll zu gelten, und des¬
halb selbst auf Vortheile seiner socialen Stellung wie auf
den Verkehr mit ausgezeichneten Personen bei besondern
Gelegenheiten, wenn es nöthig wäre, ferner auf aus¬
zeichnende Behandlung, auf Gunst- und Achtungsbezei¬
gung, sowie auf Genüsse mancherlei Art verzichten zu
müssen. Gleichwohl gehört dieser Jude, wenn er die
Blüthe christlich-germanischer und europäisch-wissenschaft¬
licher Bildung in sich ausgenommen, und mit der treuen
Anhänglichkeit an die jüdisch-religiösen Satzungen unge¬
achtet ihres, wenn man will, orientalischen Colorits und
Charakters zu vereinigen verstanden, mit zu den erha¬
bensten Gestaltungen und erfreulichsten Ergebnissen der
Geschichte, als lebendiger Zeuge nämlich von der gro߬
artigen Unbefangenheit und Freisinnigkcit, mit der ein
Volk, und wohl das Einzige, und zwar das nach seiner
welthistorischen Bedeutsamkeit, wie nach seinem innern
und äußern Nationalleben so eigentlich und pur exeellenee
religiöse Volk, einer dem Boden einer ihm fremden Re¬
ligionsform entkeimten Cultur sich hingiebt; als leben¬
diger Zeuge zugleich für die über alle Verschiedenheit
der Ncligionsformcn hinauslicgendc und von aller Ver¬
schiedenheit der Glaubensbekenntnisse unberührte höhere
Einheit der wahren Religion und der wahren, wohlver¬
standenen Menschcnbildung."
Es wird nun der Schluß gemacht, daß der zeit¬
gemäß gebildete Rabbmatscandidat in der Richtung der
Zeit befangen scy und daher ein Vertrauen bei Ent¬
scheidung der rituellen Fragen nicht anjprechen könne.
(Fortsetzung folgt.)
Geschichte des Tages.
Frankfurt a. M. den 31. Jan.
In Nr. 4 der „allgemeinen Zeitung des Judenthums" in
einem aus Frankfurt datirten Artikel, schüttet ein Eiferer für
das pharisäische Judenthum seinen frommen Zorn über die „Ge¬
sellschaft zur Morgenröthe" aus, daß sie dem Herrn Cremieur
ein Festmahl gegeben, welches riEHlD jubereitet war, eine Hand¬
lungsweise, die — wie der werkheilige Rabbanite meint — nicht
nur religiös verpönt, sondern sogar für das Judenthum ent¬
ehrend sey. Wie lange noch werden die Thalmudgläubigen die
reine Religion eines Jesaias, eines Jeremias, eines Micha mit
dem Ceremonienglauden der Pharisäer verwechseln? Wie lange
noch werden sie das Judenthum durch die Satzungen, welche die
mit Unwissenheit gepaarte Grübelei schwärmerischer Rabbinen
ersonnen und dem blindgläubigen Volke aufgebürdet hat, in den
Augen der gebildeten und denkenden Welt entehren? Wie
lange noch werden sie fortfahren, sich den Fortschritten der Ci-
vilisatton und des bürgerlichen Lebens zu widersetzen? Die
Mitglieder der „Gesellschaft zur Morgenröthe", die sich nicht zu