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dem thalmudischen, den Israeliten von seinen Mitbürgern ab-1
sondernden Ceremonienwesen bekennen, haben das Judenthum
dadurch geehrt, indem sie gezeigt haben, welchen lebendigen
Antheilsie an dem Wohl aller ihrer Glaubensgenossen nehmen,
und da Herr Cremieur derselben religiösen Ueberzeugung wie
sie zugethan ist, (derselbe hat seinen Sohn der Ceremonie der
Beschneidung entzogen) so war kein Grund vorhanden, das Fest¬
mahl.nach thalmudischer Vorschrift zu machen. *) Der Religions-
lehrer und Prediger, welcher an demselben Theil genommen, hat
dadurch seinen achtnngswerthen Charakter beurkundet; er hat ge¬
zeigt, da) eine solche Handlungsweise der ächten israelitischen
Religiosität — wie sie in diesen Blättern in dem Aussatz »des
frommen Israeliten Lehre und Leben", von ihm dargestellt ist —
keinen Eintrag thne, obwohl er in seinem Unterrichte mit
der größten Umsicht verfährt und die Rücksicht auf die Gesinnung
aller Aeltern seiner Schüler stets im Auge hat.
Wir können übrigens dem Correspondenten der »allgem.
Jndenzeitung" versichern, daß keine Speise aufgetragen wurde,
welche nach der biblischen Bedeutung des Wortes nSlb — d. h.
von einem Raubthicre zerrissen — gewesen wäre, und eine, nach
dem mosaischen Gesetze »trevcne Zubereitung", gibt es in der
jetzigen Kochkunst gar nicht.
Ein Mitglied der Gesellschaft zur
Morgenröthe.
Die unfern Lesern bereits mitgetheilte Adresse der Wiener
Israeliten beantwortete Cremieur in einer improvisirten Rede,
die nicht minder bekannt zu werden verdient:
»Meine Herren, (sprach er) meine Rührung ist groß. Sie
begreifen es und werden sich nicht wundern, wenn es mir an
Worten gebricht, meine Gedanken auszusprechen. Ich konnte
meine Thränen nicht zurückhalten beim Anblick dieser köstlichen
Theitnahme meiner Glaubensgenossen, der unermeßlichen Beloh¬
nung einer so einfachen, so natürlichen Handlung. Ich bin Ad-
vocat und sah Unglückliche zu retten; ich bin Jude und sah^ reli¬
giöse Verfolgung zu bekämpfen; ich bin ein Mensch und sah bar¬
barische Tortur zu zerbrechen; durfte ich ohne Verbrechen zaudern?
Ich tyat meine Pflicht und solcher Lohn! Die Israeliten um¬
geben mich auf meiner Reise wie in einem endlosen Triumphzuge.
In Korfu wurde ich von Acclamationen, von Glückwünschen
empfangen; in Triest war ich von der süßesten, der rührendsten
Theilnahme umgeben; in Venedig vervielfältigten sich die herz¬
lichsten Feste um meinetwillen; hier endlich erliegt mein Herz den
Gefühlen, mit denen Sie es berauschen. Ich habe, sagen Sie,
vor den Gerichtshöfen und in der Presse die heilige Sache der
Judenemancipation geführt; ich vertheidigte ja aber den eignen
Herd und das Princip der Freiheit des Cultus, das große edle
Princip, das den Himmel an die Erde knüpft, indem es jeden
Menschen Gott nach seinem Glauben die Huldigung seiner Liebe
darbringen läßt. Ich ergriff die Feder, als die Verläumdung
ihr Gift gegen die jüdische Religion verbreitete, ich rief alle
Spmpathieen edler Menschen zu Hülfe; aber ich fühlte die Stärke
des guten Rechtes und der Energie der Seele; wäre mein
Die Mitglieder der - Gesellschaft zum Adler» haben sich bei mehreren
wichtigen Veranlassungen zu derselben religiösen Denkweise bekannt,
und es waren keine religiösen Motive, weshalb sie das Souper
für Hrn- Cr. bei einem jüdischen Restaurateur machen ließen.
Schweigen nicht eine unwürdige Feigheit gewesen? Ich habe
den persönlichen Gefahren getrotzt, mit denen fanatischer Haß nnd
ein mörderisches Klima mir drohen mochten. Aufrichtig gestan¬
den, ich habe an diese Gefahren nicht gedacht; ich würde Dem,
welcher mich hätte damit schrecken wollen, geantwortet haben:
der Tod ist überall, aber glücklich der, welcher einen großen
Tod findet! Unsere Aufgabe ist mit Erfolg gekrönt worden; die
Ketten sind gefallen, die Gefängnisse haben sich den Gefolterten
geöffnet, den Flüchtigen ist ihre Familie wicdergegeben worden.
Aber unsere Sache war auch eine so gerechte und unser Recht
ein so großes! Ich habe auch im Oriente Schulen für die armen
bis jetzt verlassenen Kinder gegründet. Aber ich habe dabei nur
das Verdienst, Ihren Gedanken verstanden und zu mir gesagt
zu haben: es ist gut, daß die Juden des Abendlandes sich mit
den Juden des Morgenlandes durch die Bande eines heiligen
Schutzes verbinden, dessen Folgen für die Sache rer Civitifalion
und die Fortschritte in den Ländern des Fanatismus und der Un¬
wissenheit unermeßlich sein können. Ach, wie richrig fühlte ich,
als ich vor zwölf Jahren bei einer Bertheidigungorede über den
Eid, an die Sie mich eben erinnerten, sagte: die Juden kennen
die Undankbarkeit nicht! Wer hätte mir damals gesagt, daß ich
selbst ein so glänzender Beweis dieser Wahrheit werden würde?
Lassen Sie mich also vor Ihnen das ganze Glück aussprechen,
das ich unter Ihnen fühle. Was wollen Die, welche uns mit
ihrem bittern Hasse verfolgen, mit ihren albernen Vorurcherlen?
Warum wecken sie in unserm Jahrhunderte der Philosophie und
der Aufklärung jene armseligen Verläumdungcn des Mittelalters
und den lächerlichen Aberglauben roher Zeiten wieder? Besitzen
Die, welche noch in so vielen Ländern außerhalb des Gesetzes
der Völker stehen, unter denen sie leben, nicht alte Tugenden
freier Menschen, wenn sie für Den, welcher das gemeinschaft¬
liche Recht und die sociale Freiheit für sie fordert, eine so aus¬
druckvolle, so rührende, so einmülhige Dankbarkeit zu erkennen
geben ? Und ist nicht die Theilnahme, welche mit Einem Male
wie durch einen elektrischen Schlag auf allen Punkten der Erde
für die gehässig verfolgten Brüder geweckt wurde, eine große
Tugend? Verdient nicht diese jüdische Bevölkerung, deren Her;
so voll ist von den schönen Gefühlen der Verwandtenliebe, unter
andern Menschen zu leben und ihnen gleich zu stehen? Welche
Tugend fehlt uns? Die älterliche Liebe, die kindliche Ehrfurcht,
diese ersten Tugenden der Familie, sind in unfern Herzen wie
in unfern heiligen Büchern mit unverlöschlicher Schrift einge¬
schrieben. Der Gott Jsrael's verheißt Abraham, seinem Aus¬
erwählten, zum Lohne das Glück seines Sohnes Isaak und sei¬
ner fernsten Nachkommenschaft; der Gott Jsrael's schreibt mit
seiner Hand auf die heilige Tafel jene göttlichen Worte: "Ehre
deinen Vater und deine Mutter!" Die Vaterlandsliebe! Wir
französische Israeliten, wir Bürger eines freien Landes das
uns ein Vaterland gegeben hat, wir steigeren bis zur Begeiste¬
rung jenes Gefühl, das Völker gründet und groß macht, und
Sie, meine Herren, die Sie das Vaterland nur ahnend kennen,
denn das Vaterland ist die Gleichheit der Rechte und der Pflichten,
sind Sie nicht alle bereit, Ihr reinstes Blut für das Glück des
Bodens zu vergießen, auf dem Sie das Licht erblickten? Ach,
Sie werden es erlangen, meine Herren, Sie werden einst dieses
theure Vaterland, dieses Leben im Leben erhalten! Und Die