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welche Sie dann Ihre Mitbürger werden nennen können, werden
sehen, ob Ihre Herzen sich nicht mic ihren Herzen verbinden.«
(Schluß folgt.)
Den Dank aller Menschenfteunde hat sich Montefior« da¬
durch erworben, daß er auf völlige Abschaffung der Tortur bei
Mehemed Ali angetragen, bei welchem er auch geneigtes Ge¬
hör fand.
Sein Mitreisender, Dr. Loewe, predigte am Feste der Ge¬
setzfreude in der Synagoge zu Galata, die von einer großen
Menschenmenge angefüllt war. Herr Loewe erklärte den In¬
halt seiner Rede den Einheimischen und Gelehrten hebräisch,
den andern Eingeborenen spanisch, den Freunden aus dem
Süden italienisch und den Polen und Deutschen deutsch.
Der Zweck seines Vortrages über 5. B. Moses 33, 2. war dar-
zuthun, daß nur derjenige wahre Tugend und Bildung, erlangen
könne, der das Gesetz nicht blos ausübe, sondern gehörig ver¬
stehe, und daß zum Berständniß desselben und Beförderung rich¬
tiger Erkenntniß tiefe wissenschaftliche Bildung nöthig ftp. —
Die belgischen Journale theilen unter der Anzahl Anreden,
welche von den verschiedenen Behörden am Neujahrstage an den
König gehalten wurden, auch die des Oberrabbinen mit. Der¬
selbe sagte:
Der Regierung Ew. Majestät danken wir den Genuß jener
vollkommenen Gleichheit mit allen Bürgern, welche die Consti¬
tution uns verbürgt hat. Wir dürfen aber auch sagen, daß Ew.
Majestät keine treuern Unterthanen, der Staat keine eifrigem
Bürger zählt als die, in deren Namen ich spreche.
Der König erwiderte: (es ist die einzige Antwort des Kö¬
nigs, welche die Journale mittheilen.) Es ist mir lieb. Sie bei
Gelegenheit des neuen Jahres wieder zu sehen. Ich kann diese
Feierlichkeit nicht vorübergehen lassen, ohne Ihnen meine Zu¬
friedenheit auszudrücken, daß es ausgezeichnete Männer unter
Ihnen gibt. Sie können auf meinen Schutz, sowie auf den
meiner Regierung rechnen; wir werden immer Alles, was in
unserer Kraft steht, für das Wohl Ihrer Gemeinde thun. —
Folgende Schilderung einer Reift nach Deutschland, aus
der Feder eines Franzosen *), dürste auch für die Leser unseres
Blattes nicht ohne Interesse sepn:
«Zuerst verweilte ich in Strasburg, wo die Israeliten
gleich ihren Mitbürgern der andern Culte, den deutschen Cha¬
rakter durch Sprache und Sitte, den stanzöfischen hingegen,
durch eine glühende Vaterlandsliebe verrathen. Die Synagoge
in Strasburg, vor einigen Jahren erbaut, ist ein Denkmal,
welches denen, die es errichtet, Ehre macht, sie bildet ein langes
Viereck, von einfacher Ausschmückung und einem imposanten Ganzen.
Unser kurzer Aufenthalt in jener Stadt hat uns nicht ge¬
stattet, ein Urtheil über die Wirkung einer guten Predigt, an
diesem majestätischem Orte zu fällen. Der Herr Oberrabbine,
dessen Aeußeres und dessen Sprache, ganz mit dem heiligen Cha¬
rakter übereivstimmen, welchen er bekleidet, scheint sehr geliebt
von seinen Pflegbefohlenen zu sepn. Herr Ennerp, Direttor
der israelitischen Schule, (Bruder des Oberrabbinen in Paris)
*) Ztt de« Arch. Isr.
kennt die ganze Wichtigkeit seines Berufes. Es ist ein unter¬
richteter Mann, in der wissenschaftlichen Welt durch ein -geo-
graphisches Wörterbuch, dessen Veröffentlichung einen guten Fort¬
gang hat, bekannt.
Aber was vor Allem die Aufmerksamkeit eines israelitischen Rei¬
senden in Anspruch nimmt, das.ist die Arbeitsschule für unbe-
mittelte Israeliten des Niederrheins. Das Comitv, welches
diese interessante Anstalt verwaltet, wird von Hrn. Achille
Ratisbonne, Banquier in Strasburg, präsidirt. Der Eifer
des würdigen Präsidenten ist über alles Lob erhaben. Dasselbe
müssen wir von Hrn. Hirsch, Kassirer bei Hrn. Ratisbonne,
sagen, welcher die Funktionen eines Aufsehers bei dem Comitä
dieser Schule versieht. Wir besuchten diese Anstalt, und es ge¬
reichte uns zur außerordentlichen Beftiedigung, diese jungen Leute
dem Schacher entrissen zu sehen. Alle sind von Liebe zur Arbeit
und Ordnung beseelt. Man zeigte uns sehr gut ausgeführte
Zeichnungen der Schüler, und wir bewunderten die Ordnung,
welche in diesem Asyl herrscht, das den Elsässer Israeliten gute
Handwerker, geschickte Meister, geben wird. Ehre dem Somit«,
dessen Andenken von den spätesten Nachkommen gesegnet sepn wird!
Ehre auch denen, welche durch Geldopfer schon seit so vielen
> Jahren die Anstrengungen dieser edlen Männer unterstützt haben.
In Carlsruhe hatte Herr Epstein, Mitglied des Ober-
rathes, die Güte, uns in die israelitische Schule zu führen, und
wir waren überrascht, über die Leichtigkeit, mit welcher die klei¬
nen Kinder den Tert der Bibel analpsirten und erklärten. Wenn
in unfern israelitischen Schulen, in Frankreich, das Studium
des Hebräischen mehr vernachlässigt ist, so hat dieses in der Ver¬
schiedenheit der betreffenden beiden Länder seinen Grund. In
Deutschland, wenigstens in einigen Gegenden, ist die Zulassung
der Israeliten zu den bürgerlichen Gewerben mehr, oder weniger,
erschwert. Nur die Funktionen eines Lehrers gewähren sichere
Aussichten, da ist eS denn nöthig, daß der junge Israelit das
Hebräische ftudire. In Frankreich hingegen sind die israelitischen
Schulen reine Elementarschulen, und die Kenntniß der hebräischen
Sprache hat für die größere Anzahl keinen Werth. Dieses er¬
klärt jedoch nicht ganz die Hülflosi'gkeit, in welche das Studium
des Hebräischen, selbst bei den wohlhabendsten Israeliten in Frank¬
reich versunken ist.
Mannheim hat zwei Rabbinen: Herr Traub, der zu den
Stabilen, und sein College Herr Nosenfeld, der zu den Män¬
nern der Bewegung gezählt wird. In dieser Stadt ist noch ein
berühmter israelitischer Lehrer, Herr Di-. Wolf. Er stellte uns
als einen sehr gelehrten Mann seinen Collegen, Di- Wagner vor.
In Heidelberg sahen wir unter anderen Gelehrten, den
Dr. Paulus, diesen Veteran der orientalischen Literatur, in
dessen leutseligem Wesen wir gar nicht den beständigen Gegner
der israeltischen Cmancipation erkannten, und den Dr. Umbreit,
bekannt durch seine trefflichen biblischen Uebersetzungen, welche
wir den Schülern der rabbinischen Centralfchule empfehlen. — Herr
Rabbiner Fürst wird für einen Mann des Stillstandes gehalten;
dieses verhindert ihn jedoch nicht, ein fleißiger Besucher des Museums
zu sepn, eines Ortes, wo man sich zum Lesen öffentlicher Blätter
versammelt. Ein frommer Mann in Deutschland, gilt wahr¬
scheinlich für einen Neologen in der Arsenal-Straße in Metz! —
Samstag wohnten wir mit Interesse der Predigt des Herrn
Dr. Nehfuß bei. Diese Predigt, zu deren Anhörung sich nicht
nur die Kinder beider Geschlechter, sondern auch Männer und
Frauen cingefunden hatten, ward mit einem ausdrucksvollen re¬
ligiösen Gesänge eingelcitet und geschloffen. Den letzteren be¬
treffend, möchte es nicht schwer halten zu beweisen, daß, solange
der öffentliche Gottesdienst die Verbesserungen, welche die Zeit
gebieterisch fordert, nicht erhält, es von Wichtigkeit ist, daß zum
Besten der Kinder, der Frauen und auch derjenigen Männer,
welche eine Neuerung beim Gottesdienst im Interesse der Religion
zulassen, besondere Prediger eristiren. Man muß zum Herzen
sprechen, und was erhebt da mehr als der religiöse Gesang,
Worten angepaßk, die Alle verstehen? (Fortsetzung folgt.)
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