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mus gelten, da sie sowohl einen universellen Eharacter
hat, für die ganze Menschheit gegeben ist, als auch die
sichtbaren Lebenszustände umfaßt, sie vergeistigt und ver¬
göttlicht; Tugend und Frömmigkeit, wie Glückseligkeit und
Wohlfahrt des Menschen, des Staatsbürgers sind hier
nicht zwei verschiedene Elemente, zwei Gegensätze des
Lebens, die sich widersprechen, sondern zwei Seiten, die
sich ergänzen, durchdringen; das Geistige, die Idee soll
das Leibliche, das Materielle verkläre, und mngekehrt
wieder seine Realität, seine Ergänzung erhalten durch
dieses; der Mensch sott fromm und tugendhaft,
aber auch frei und glücklich werden.
Diese Idee mußte durch Veranstaltung der gött¬
lichen Wclterziehung zuerst dem Volke der Israeliten
aufgehen, da dieses zuerst reif dafür war, da seine Erz¬
väter sich schon früh der bloßen Naturanschauung
des Atterthums entwunden, und ihr Gemüth dem un¬
sichtbaren Gott des Lebens, dein Herrn des Himmels
und der Erde zugewondet hatten. Nachdem aber auch
die übrigen Völker zur Aufnahme jener Idee reif ge¬
worden waren, nachdem die bis zur höchsten Spitze ge¬
triebene Aeußerlichkeit wieder zu sinken ansing, und die
Welt nach Einheit, nach Erlösung sich sehnte, da fände
jenes Volk, in dem das einheitlich - Göttliche zuerst
zum Bewußtsein gekommen, seinen letzten Sprößling aus,
damit er auch den übrigen Völkern den Gott des Er¬
barmens und der Liebe verkündete, auch sie zur Versöh-
nimg mit ihm, zur Herrschaft über die einseitige Acußcr-
lichkcit führte. —
Was nun bei dem israelitischen Volke nach dem
Untergänge seiner äußeren Herrlichkeit geschehen war,
das trat fegt bei der Christenheit ein; in dem aü^ukb'
haften Bewußtsein ihrer früheren Sündhaftigkeit, ihrer
einseitig-sinnlichen Richtung, kehrte sie sich gleichfalls ganz
dem stillen Reiche des Geistes zu, lebte sie ein rein in¬
neres nnd beschauliches Leben. Und auch hier war diese
Richtung nothwendig, auch hier war sie in den Hän¬
den der göttlichen Vorsehung das Mittel, den religiösen
Fond der Menschheit zu erhalten. Die tiefe Innerlich¬
keit des Mittelalters, das schwärmerische und beschauliche
religiöse Bewußtsein, waren allein geeignet, die sinnlich¬
rohe Masse zu zähmen, und auch die Barbaren dem
Schooße des Christenchums zuzuführcn. — Nachdem je#
dock» die Barbarei vorüber war, nachdem die Wissen¬
schaft uud die Kunst eine edlere Gesittung erzeugt hatte,
näherte der menschliche Geist sich wieder seiner wahren
Freiheit, suchte er in der Reformation sich von der
einseitigen Innerlichkeit, von den Anmaßungen der Kirche
urw der von ihr geforderten blinden Autorität zu eman-
cipiren. Diese innere Freiheit, dieses dem Geiste ein-
gerämnte Recht, im Gebiete seiner religiösen Ansichten
«ud Handlungeu sich frei und selbstständig zu bewegen,
mußte später dir äußere erzeugen, mußte die Ueber-
zrugung Hervorrufen, daß auch im Staate m'cht die
bLindr Autorität, sondern das Gesetz, das in dem
freien und selbststäudigrn Bewußtsein des Volkes
I wurzelnde Gesetz regieren müsse. Dieser Anspruch trat
j in der englischen, amerikanischen und französifchen Revo-
| lntion, sowie in den constitutionellen Bestrebungen der
neuen Zeit hervor.
Aber noch ist die Versöhnung nicht errungen, noch
harret die Menschheit ihrer völligen Erlöftmg ent¬
gegen, noch sind die Gegensätze nicht vereinigt, noch
strebct Acußeres und Inneres feindlich gegeneinander;
Kirche und Staat befehden und bekämpfen sich, und
selbst der letztere, nicht die Moral, nicht die Religion
überhaupt, sondern einen besonder» Glauben, eine be¬
sondere Confession vertretend, ruft in seiner eigenen
Mitte einen solchen Gegensatz hervor. Wo ist also da
Hülfe zu finden? In nichts Anderem, als in der
gänzlichen und wahrhaften Vermittelung, in
der ächten Theokratie, wie sie Mosis Gesetz
hat Herstellen wollen. Schon Mendelssohn be¬
griff dieselbe, indem er ausrief:*) „Staat und Reli¬
gion war in dieser ursprünglichen Verfassung
nicht vereinigt, sondern eins." Das ist auch
die beste Verfassung, die Theokratie im wahren Sinne,
da ist Aeußcres und Inneres nicht mehr getrennt, da
gicbt cs keine Kirche gegenüber dem Staat, da steht
nicht die Confession über der Religion, sondern
da nimmt der Staat Alles frei und friedlich in sich
ans, sorget und wachet sowohl über das leibliche, als
über das geistige Wohl seiner Untcrthancn, über ihre
irdischen, wie über ihre himmlischen Interessen, ohne
Unterschied der Person, der Herkunft, des Standes,
des Glaubens, der Confession. Dieses Ziel zn ver¬
wirklichen, trachtet Alle ihr Edlen und Hochbegeisterten,
kämpfet nnd ringet alle, damit das, was einst jener
erste göttliche Gesetzgeber für sein Volk hat erstrebt,
Eigenthum werde aller Glieder der Menschheit, daß
alle in der Tugend frei und in der Freiheit glücklich
und in dem Glücke selig und gottergeben werden, daß
schon auf Erden der Ewige einig werde und
sein Name einig.
Geschichte des Tages.
Wir entnehmen einer neu erschienenen Schrift folgende in¬
teressante Betrachtung, obgleich wir Einzelnes darin nicht billi¬
gen können. „Die Wichtigkeit der französischen Revolution für
die GcifteSfteihcit, der innige Zusammenhang der Emanzipation
der Sitten mit lener des Geistes, ist noch von einer andern Seite zu
beleuchten. Seit der französifchen Revolution erst wird die „Eman¬
zipation der Juden" allgemein und nachdrücklich verlangt. Nun
ist es kaum nöthig diese Aufforderung des 19. Jahrhunderts zu
erläutern. Die „Emanzipation der Juden» ist ein integrirendes
Moment der Emanzipation des Geistes. Obgleich nun die Eman¬
zipation des Geistes schon mit der deutschen Reformation begon-
*) Jerusalem S. 116.