Seite
86
ten darauf hin, ihn studirm zu lassen. Dem Vater war jedoch
dieser Plan nicht genehm. Er hatte viel dagegen einzuwenden,
brach die Unterhandlungen mit dem Lehrer oft ab, bis dieser
wohl merkte, welches der eigentliche Grund seiner Weigerung
wäre. Der Knabe mußte, wollte er studiren, lateinisch lernen
und lateinisch ließ sich nur vom Gymnasium holen. Wie sollte
Herr Baruch diesen Schritt vor dem Hofagenten in Bonn ent¬
schuldigen? Wo blieb bei dieser Berührung mit Christenknaben
die Garantie, daß Löb nichts Anstößiges aß, die Fasten beobach¬
tete und sich in seinem Wesen überhaupt rein, und religiös
untadelhaft erhielt! Da aber der Vater dem Plane, seinen Sohn
Arzt werden zu lassen (denn dies nur konnte er werden) im
Grunde nicht grade abgeneigt war, so sann der Hauslehrer aas
eine Auskunft. Er machte sich anheischig, Mosche, den Rek¬
tor, des Gymnasiums, zu überreden, daß er dem Knaben im
Lateinischen Privatunterricht gäbe. Darauf ging der Vater ein.
Mosche erklärte sich bereit und begann seinen Unterricht, in dem
sich Börne als fleißiger und gelehriger Schüler bewies. Auf¬
fallend aber, daß dem Knaben selbst die Bestimmung seines künf¬
tigen Schicksals ganz gleichgültig war. Er wäre mit derselben
Bereitwilligkeit Kaufmann geworden, wie er es aufnahm, daß
er studiren sollte.
Ueberhaupt scheint die Gemüthsentwickelung des Knaben aus
den ersten Blick ein Räthsel zu sein. Es sind so viel Beweise
vorhanden, daß Börne der zartesten Empfindungen fähig war
und doch könnte eine gewöhnliche Bcurtheilung sehr leicht an
ihm irr werden. Immer verschlossen, schien der Knabe nicht bloß
lebhafter Gefühle, sondern selbst lebhafter Mitempfindung und
Theilnahme unfähig zu sein. Was Andre erregte, ließ ihn kalt.
Der Maaßstab seines Urtheils über Menschen und Begegnisse
war nie das Gemüth, sondern der Verstand. Was ihm mißfiel,
nannte er nie schlecht, sondern immer nur dumm. Diese Auf-
fassuugsweise blieb ihm für sein ganzes Leben. Er empörte sich
weniger über die Schlechtigkeit, als über die Albernheit der
Menschen. Wie oft hat er nicht von seinen und den Gegnern
des Menschenwohls ausgerufen: Wenn sie nur klüger wären!
Selten, daß er als Knabe sich über irgend etwas grenzenlos
freute, oder grenzenlos erzürnte. Thränen waren ihm nicht ge¬
läufig. Leidenschaft kam nur über ihn, wenn es sich um Unrecht,
um Unterdrückung handelte. Dann wurden seine Aeußerungen
heftig, seine Gefühle rücksichtslos. Man sieht, daß es seinem
Gemüth nicht an Lebhaftigkeit fehlte, nur wurde es auf andre
Art, als gewöhnlich, entzündet. Von Schaalheit und sehr viel
Albernheit, die er früh durchschaute, umgeben, mußte sein Ver¬
stand ftüh zum überwiegenden Lenker seiner inner« Thätigkeiten
erhoben werden. Man machte ihm die Zumuthung, sich für Dinge
zu erwärmen, die ihn geistig nicht anregen konnten, kleinliche Fa¬
milienereignisse traten mit Ansprüchen auf seine Theilnahme auf,
die er nicht erwiedern konnte. So bekam er früh sein eignes,
apartes Wesen, trennte sich von seinen Umgebungen los und lebte
sich in Gedankenreiche und Gemüthszustände hinein, in welche
ihm Niemand folgen konnte. Es bedurfte der Verpflanzung in
einen ganz neuen Boden, um eine geistige und gemüthliche Selbst¬
ständigkeit in ihm zu wecken und ihn darauf aufmerksam zu ma¬
chen, daß das Leben für Jedes und Alles, was es bietet, ein
Urtheil, einen Willen, ein Gefühl verlangt. Im Hause seiner
Eltern befand sich sein ganzes geistiges Leben noch in chaotischer
Unordnung.
Es ist wahr, zu den meisten in später» Alter in uns auf-
knospenden Gefühlen und Stimmungen müssen wir schon in der
Jugend den Samen gestreut haben. Die beseligendsten Gefühle
des Alters sind die der Rückcrinnerung an die Jugend. Eine
Empfindung höherer Art wird uns dann erst recht glücklich ma¬
chen, wenn sie uns in eine verwandte Stimmung unserer Kind¬
heit zurückversetzt und dasjenige klarer ausspricht, was wir schon
bei unfern Spielen ahnten. So seh' ich mich in Börne's Ju¬
gend nach den ersten grünen Keimen jener zarteren Blüthen sei¬
ner Schriften um, die uns in ihm den Mann von Herz und so
viel versteckter gebundener Poesie vcrrathcn. Wie hat ihn nicht
Jean Paul ergriffen! Wie grmüthlich hat er nicht grade dessen
idyllische Elemente seine zarte bürgerliche Beschränktheit mit ihren
poetischen kleinen Freuden und großen Entsagungen in sich aus¬
genommen! Wie rührend schildert er den ersten Frühlingseindruck,
den Lamennais Worte eines Gläubigen grade auf sein. krankes,
der ersten Genesungswonue entgegenschlagendes Herz hervorbrach¬
ten! Nun, wo ist irr der frankfurter Judengasse der grüne Fleck,
an den er sich bei solchen Stimmungen erinnert fühlen konnte?
Wo ist überhaupt in seiner frühsten Jugendzeit etwas gemüthlich,
poetisch und idyllisch ihn Anregendes, ein Element, für welches
er sich doch später so empfänglich zeigte? So tragen wir doch
Alle eine Erinnerung in uns von jugendlicher Pfingstwonne und
Wcihnachtsfreude, von den ersten Bcscheerungen, die uns gute
Eltern ans den grünen Teppich unsrer Kindheit legten, von un¬
ser« ersten Traumen auf den Rasen unsrer Spielplätze: — Bör-
nen, dem Zudenknaben, wurde wenig davon geschenkt und doch
lag es in ihm, die Sehnsucht darnach fühlte er schon im väter¬
lichen Hause, und darum, weil er so wenig davon gehabt hatte,
rührte ihn so sehr die Welt Jean Pauls. Schaal und alltäglich
waren seine Jugendeindrücke, die Eltern kalt, jeder grüne Fleck
verpönt, um ihn her nur niedrige Bestrebungen nach zeitlichem
Gewinn, Furcht, die kriechenden Laster, die die Unterdrückung
erzeugt, wenig oder gar keine bedeutenden Einschnitte merkwürdi¬
ger Erlebnisse, keine Zerstreuung und Anregung des muntern
Knabensinnes in der Schule oder im Umgänge mit Spielgenossen
— Alles das zusammeugenommen ist der beste Schlüssel, um
das Räthsel des in trüber Gleichgültigkeit hindämmernden Knaben
Börne zu lösen. Es zitterte die Ahnung eines bunteren blüthen-
reicheren Jugendlebens in ihm, als es ihm zu Theil ward. Er
war unglücklich, ohne es zu wissen.
In Commission bei W. Nauck in Leipzig ist kürzlich
wieder in der fünften nnveränderten Auflage erschienen und
durch alle Buchhandlungen, in Hersfeld und Homberg durch
F. Schuster für 7z Sgr. zu beziehen:
rrnnn niD 1 Israelitische Glaubens- und Pflichtenlehre
für Schule und Haue. Von vr. S. Herxheimer.
Druck und Verlag von F. Schuster in Hersfeld.