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lieferte sie dem Josua, Josua den Aeltrsten. die Aeltesten
den Propheten und diese den Männern der großen Sy¬
node." Diese Aufeinanderfolge indeß ist vielfach ange¬
griffen und bestritten worden; denn während z. B. R.
Nathan noch die Richter als Empfänger der Tradition
zwischenschiebt, nennt Maimonides noch vierzig Männer
als Träger derselben, um den in obigem Satze leergelas¬
senen großen Zwischenraum von Moses bis zum Bau
des zweiten Tempels zu füllen. Anderseitig wird auch
Khalev (s. Tr. Nasir. 56) und Othniel (Themura 16)
noch genannt. Rechnet man zu diesen Aeußerungen noch
die sonstigen Spielereien, z. B. daß vor Moses Tode
dreihundert, nach dessen Tode sogar dreitausend Gesetze
vergessen worden und von Josua's Nachfolger, Othniel,
wieder aufgefunden feien; so sind wir um so weniger
veranlaßt, die obige Zusammenstellung, die für das reli¬
giöse Leben der Israeliten gewiß nicht ohne Wichtigkeit
ist, für mehr als einen talmuldischen Machtspruch zu
erklären."
Herr Landrabbine Holdheim sagt hierüber:
„Zur Kategorie von Tradition oder mündlichem
Gesetz gehören
A. Alle die von Mose selbst herrührenden Erklärun¬
gen der Schrift, die zum Theil in der Schrift an gedeu¬
tet, zum Theil auch durch Deutungsregeln herauszubrin¬
gen sind, worüber aber nie ein Meinungsstreit statt¬
gefunden hat.
B. Alle diejenigen Satzungen, von welchen im
Talmud gesagt wird, daß sie dem Mose am Sinai über¬
liefert worden TDD rc6n und die weder in der
Schrift angedeutet sind, noch auf anderem Wege sich
demonstriren lassen. Diese beiden Elemente bilden und
erschöpfen den Begriff „Tradition," oder mündliches
Gesetz". Ausgeschlossen davon sind
а) Alles, was die Rabbinen durch Anwendung von
hermeneutischen Regeln aus dem natürlichen Schrift-
sinn herausgedeutet haben, worüber auch schon im
Talmud streitige Meinungen Vorkommen, was bei
wirklicher Tradition seiner Natur nach unmöglich ist.
б) Alle Erschwerungen und Umzäunungsgesetze der Rab¬
binen, die sie auf den Grund der über Lev. 18, 30
angeblich überlieferten Erklärung (Jebamoth 21 a)
erlassen haben.
c) Alle Einrichtungen, die je in Israel getroffen, alle
Gebräuche, die je eingeführt worden DDHJDl n"ljpr>
Alle diese nicht traditionellen Erklärungen und Saz-
zungen nehmen ganz andere Momente für ihre Ver¬
bindlichkeit in Anspruch und können in keinerlei Be¬
ziehung mit der wirklichen Tradition auf gleiche
Stufe gestellt und dürfen nicht als Merkmale in
den Begriff der Rcchtgläubigkett eines Juden aus¬
genommen werden.
Treffend bemerkt hierüber Herr Oberrabbine Kohn
in Hohenems:
„Im Talmud werden unzählige Mal die Ansichten
und Deutungen der älteren Lehrer durch die ihrer Nachfol¬
ger verdrängt und aufgehoben, und derselbe ist überhaupt
nichts anderes, als eine stete Entwickelung und Reibung
entgegenstehender Meinungen, freilich mit einer zuneh¬
menden Neigung zur Ruhe und Einförmigkeit, so daß
man nach dem Abschlüsse desselben (der indessen nicht
mit Bewußtsein, sondern uur durch gewaltsame Störung
und Sperrung der Schulen erfolgte) es nicht leicht wagte,
ihm direkt zu widersprechen, was jedoch, die verschieden¬
artigsten Aenderungen nicht hintertreiben konnte. Und
wer wird dem Tode gegen den belebenden, zur Auf¬
erstehung rufenden Gortesgeist ein Verjährungsrecht ein¬
räumen wollen?"
„Israel — ruft Herr Rabbine Eichhorn in Bezie¬
hung auf die Autorität des Talmuds aus — glaubt dir
aber nicht an dich; du gilst ihm als ein Kanal des Gött¬
lichen. aber nicht für das Göttliche selbst."
In diesem Sinne spricht sich auch Herr Rabbine
Gutmann aus:
„Als wirkliche Tradition — bemerkt er — die
gleiche Kraft und gleiche Verbindlichkeit mit dem geschrie¬
benen Gesetze Mosis für alle Zeiten und Geschlechter
bewahret, erkennet eine gesunde jüdische Theologie, die
eben so fern von unkritischer und blinder Hyperorthodoxie
als von Alles negirendem Rationalismus sich hält, nur
die Vorschriften und Satzungen des Talmuds an, von
welchen es entweder ausdrücklich bemerkt wird, sie seien
dem Moses auf Sinai überlieferte Sätze, mit
den Worten DDE robn oder mit andern gleich¬
bedeutenden Ausdrücken, oder welche vermittelst einer der
13 Jnterpretationsregeln aus dem geschriebenen Gesetze
hergeleitet werden, so jedoch, daß kein Streit und keine
Meinungsverschiedenheit über diese Herleitung und über
die Verbindlichkeit der darauf gegründeten Satzung zwi¬
schen den Talmudisten selbst stattfindet. Denn wo immer
eine solche Differenz vorhanden ist, kann vernünftiger
Weise keine Tradition angenommen werden, welche, der
Natur der Sache gemäß, allgemeine Zustimmung für
sich in Anspruch nimmt und nehmen muß."
(Fortsetzung folgt.)
Grtcsiicsite des Tages.
Obwohl die friedliche Politik des östreichischen Staates den
Janustempel geschlossen hält, so zeigt doch das, was wir aus
diesem Staate, für heute zu berichten haben, den Januskopf, den
Kopf, mit dem einen Gesichte nach vornen, und dem andern
nach hinten. Die Richtung: „Vorwärts", in die Lichtregion
des Jahrhunderts, bezeichnet die Verordnung, daß fortan auch in
Mähren nur philosophisch und pädagogisch gebildete Rabbinen
angcstellt werden dürfen, daß diese, nach Beendigung des Gottes¬
dienstes, dogmatisch-moralische Vorträge in der Landessprache hal¬
ten sollen; daß alle diejenigen Gebete, welche mit dem alten
Gottesdienste keine Verbindung haben, wie das für S. k. k.
Maj. re. in der Landessprache.verrichtet werden müssen, und daß