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es Privaten ganz untersagt ist, öffentliche Vorträge zu halten, !
vielmehr diese, „größtentheils ungebildeten, gesunde Begriffe ver- >
wirrenden, Niemanden verantwortlichen Improvisatoren" aus der !
Synagoge zu entfernen seien. — Die Richtung „Rückwärts", i
mit dem Blicke in das Düster vergangener Jahrhunderte, bilden ,
die wieder stärker, als je laut werdenden Klagen, wie neulich in
der L. A. Z. (jetzt D. A. Z.) über die fast nicht mehr zu er¬
schwingende Abgabenlast. In einem Artikel aus Brünn heißt es
hierüber in genanntem Blatte: „Jeder mährische Jude, als Fa¬
milienvater hat, ohne Unterschied des Vermögens und des Ein¬
kommens 5 Fl. jährlich zu bezahlen . . . Diejenigen Juden,
welche erst seit 1798 in Mähren wohnen . . . eine Toleranz¬
steuer von 20 Fl. Außer der Familientaxe, sammt dem Contri-
butionszuschlage, der über 27,000 Fl. beträgt, haben die Juden
noch einen angemessenen Beitrag an Dominica!- und Domistical-
auslagen zu zahlen, und trotz der furchtbaren Verarmung der
jüdischen Familien, haben sie doch darauf ihr Augenmerk zu rich¬
ten, daß die Judensteuer wenigstens 185,000 Fl. betrage . . .
Die Juden haben, nachdem die übrige Steuer bereits erstattet
ist, nach folgendem Tarife, von Dem, was sie verzehren, eine
Steuer zu entrichten. Von Fischen pr. Pfund 1 Kr., von Rind-,
Kalbfleisch pr. Pfund 2 Kr.; von dem großem Geflügel 3, von
dem kleineren 2, aber von einer Gans 10 Kr., von einem Maaße
Wein 2 Kr. re. Der Ackerbau ist dem Juden versagt; das Ge¬
setz duldet nicht, daß sie ein Kartoffelbect besitzen; Handwerke
dürfen sie nicht erlernen, denn die Meister wollen christliche
Zünfte, nichts ist dem Juden erlaubt, als 14 jähriger Militär¬
dienst als Gemeiner." Wo aber das Leben unter solchen Lasten
seufzt, da werden die im Geiste der Zeit gebildeten Rabbinen
und die dogmatisch-moralischen Vorträge, eine schwere Aufgabe
zu lösen finden.
Doch diese zweideutige mythologische Figur kann in OestreichS
väterlichen Regierungsmarimen keine breite Basis gewinnen, und
man darf daher der gegenwärtig vorliegenden Petition der mähri¬
schen Israeliten um so mehr ein günstiges Prognosticon stellen,
als man auch aus andern Landestheilen dieses Staates von Be¬
weisen der väterlichen Gesinnung der höchsten Behörde für Ver¬
besserung der israelitischen Zustände hört.
„Was kann von Nazaret Gutes kommen?" So sprachen zu
ihrer Zeit nicht blos die Pharisäer, sondern ihnen ähnlich sieht
noch heutiges Tages mancher Deutsche, mit stolzer Selbstzufrieden¬
heit nach den Karpathen, rufend: Was kann von dort Gutes
kommen? Aber man höre, wie ein Magyare, was bei manchem
Vaterlandsgenosscn mit Halbbarbar gleiche Bedeutung hat — vor
einem deutschen Publicum über eine Frage der Humanität sich
ausspricht: „Es ist gewiß voranszuschen, daß wir Ungarn auch
in dieser Sache einen eigenen Weg gehen werden, auf dem näch¬
sten Reichstage wird die Judenemanzipation wieder durchgehen,
aber es ist dann nicht unsre Schuld, daß durch die Weigerung
der königlichen Sanktion, die Sache der Humanität wieder hin¬
ausgeschoben wird".
Daß cs auf Namen und Titel wenig ankömmt, und die
Attribute — »erste" — und — „zweite" — nicht immer an ihrem
Platze stehen, zeigen die Verhandlungen der dießjährigen Kammer¬
session in Sachsen. Die Israeliten hatten nämlich, wie unsre
Leser wissen, bei der Ständekammer eine Petition, wegen Erleichee-
rung einiger der drückensten Beschränkungen der Judenverordnung
von 1838, eingereicht. In der zweiten ging, wenn auch nicht
Alles, doch Einiges durch; in der ersten hingegen wurde, obgleich
die Majorität der Kommission, und namentlich der Referent
(Graf Hohenthal Püchau) sich aufs kräftigste der Sache der Is¬
raeliten annahmen, der ganze Antrag an die Regierung, welche
sich schon früher gegen die Perition ausgesprochen, verwiesen,
also in einer milden Form abgelehnt. Unsre Gegner werden
nun gewiß nicht ermangeln, daraus für ihre Absichten neue Ar¬
gumente zu schöpfen, und sich auf den Ausdruck dieses in der
Bildung so weit fortgeschrittenen Völkerstammes, zu berusen.
Allein dieselben mögen doch bedenken, daß im 16. Jahrhundert,
Sachsen, was Bildung berrifft, den übrigen deutschen Stamm¬
verwandten nicht nachstand, und dennoch blieben Engherzigkeit
und Egoismus die Faktoren seiner Politik, und darum dürfte
die große Idee der Reformation dem corpus evan§elicorum vor¬
leuchten, darum blieb es während des 30 jährigen Kriegs, fort¬
während bei dem Losungswort: Erst die sächsische Fahne, und
dann das Panier der Idee! (Denn diese Idee konnte kaiserliche
Einquartierung bringen, und dem großen Gustav die erste Stelle.)
Darum mußte Magdeburg satten, wie heute, freilich ungestrafter
und geräuschloser, eine andere Frage der Menschlichkeit und des
gesunden, natürlichen Rechtsinnes, durchgesallen.
Gleichwie Volksbildung und industrielles Fortschreiten nicht
immer die Lösung der schwebenden Zeitfragen, im Sinne des
ewigen Rechts, im Gefolge haben, eben so wenig darf man irr
einem jeden lebendigen Bücherschränke, in einem jeden zweibeini¬
gen Archiv, in einem jeden Rechtsdonnerer, den Priester der
Humanität erblicken. Dahlmann, der mit den Israeliten glei¬
ches Schicksal gehabt — der gleichfalls wegen unerschütterlicher
Ueberzeuguug, von den Machthabern bedrängt und verdrängt
worden, war kaum wieder zu einem Catheder gelangt, als sich
sein alter Judenhaß wieder auf die niedrigste Weise Luft machte,
und zwar mit einer Logik und mit Gründen, wie sie meinem
Nachbarn, der nicht studirt hat, und auch gar keinen Gehalt
bezieht vom Staate, auch zu Gebote stehen.
Dagegen hat die Sache der Israeliten in der Person des
Pastors König zu Anderbcck (der anonyme Verfasser der bekann¬
ten Schrift gegen Dräseke), einen neuen beredeten Vertreter ge¬
funden. In einem Werke über die neuesten kirchlichen Verhält-
nisse in Preußen (Braunschweig, bei Vieweg), läßt sich nämlich
derselbe, über die preußische Judensrage, also vernehmen:
„Da wir jedoch einmal die neuesten Gesetze in Erwägung
zogen, so wolle man dem Verfasser nicht zürnen, wenn er noch
einen Gegenstand hier vorsührt, der in diesen Tagen überall er¬
örtert wird. DaS ist die Judenfrage."
„Die christliche Religion ist aus der jüdischen hervorgegan-
gcn, und der Stifter unserer Kirche war ein Jude, das bleibt