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Thalbewohner die Züchtung des Hausthiers und die
Schonung des Wildes an; aber der Insasse der Berge
und Wälder muß auch an Ort und Stelle seine Nah¬
rung finden und greift ganz naturgemäß zum Jagd¬
geschoß. Und warum sollten wir nicht auch von dieser
«Speise genießen, wenn unser Nebenmensch sie erbeutete?
— Schlüsse durch Analogie brachten auch rabbinische
Subtilitaten in Beziehung auf den Genuß vom geflügel¬
ten Wilde zuwege, und sind diese Bestimmungen bis
auf das Schonungsgesetz für Sangvögel für unsere Zeit
als wichtig zu erklären.
Wir haben im Kurzen diesen diätetischen Kanon
unseres Priesterlichen Urstaates vom naturwissenschaftlichen
ärztlichen Standpunkt erläutert, und glauben, eben so
sehr auf die hohe Weisheit des einen Theils, als auf die
ephemere Wandelbarkeit des nicht mehr Anerkennungs¬
würdigen des anderen aufmerksam gemacht zu haben.
Geschichte des Tages.
Die scandalvsen Austritte, die von den Tictinianern gegen
Geiger bei einer Beerdigung auf dem Gottesacker zu Breslau
hervorgerufen worden, und deren in einer frühern Nummer die¬
ses Blattes Erwähnung geschehen, hatte zu einer polizeilchen
Untersuchung Veranlassung gegeben. Ueber den unheiligen Zorn
auf dem geheiligten Boden ward die verdiente Strafe au-sgespro.
chen. Die Betreffenden wandten sich aber an die hohem Gerichte
und stellten die Behauptung auf, die sie mit Gutachten einiger
Nabbinrn belegten, daß die Begräbnißorte den Israeliten nicht
heilig seien, vielmehr als unreine Orte gelten *). Darauf fyiu
wurden sie zwar von dem Gerichte frei gesprochen, dafür werden
sie aber vom Publikum desto härter vrrurthcilt. Das unsittliche
und ungesittete Benehmen auf dem Gottesacker brandmarkt sie
nicht so sehr, wie dieses Motiv ihrer Freisprechung. Diese Jn-
sustation der israelitischen Religions-Anschauung und herrschender
Sitte, glaubte das Breslauer Obervorsteher-Collegium nicht aus
sich beruhen lassen zu dürfen, und forderte deßhalb die Nabbinen
Frankel und Holdheim auf, ihr Gutachten darüber auszusprechen.
Die von dieser achtungSwerthen Seite hierauf eingegangenen wis¬
senschaftlichen, und sehr gründlich motivirten Gutachten, fielen
natürlich ganz anders aus. Wenn es aber auch irgend eine ge¬
heiligte Oertlichkeit gibt, eine Oertlichkeit, wo der Mensch dem
Irdischen sich ab- und dem Himmlischen sich zuwendet, eine Ocrt-
lichkeit, woselbst das Gefühl der GotteSnähe ihn mit heiligem
Schauer erfüllt und alle Fibern durchzuckt, eine Oertlichkeit auf
der der Schlechte erzittert, und das fromme Gemüth sich erhoben
fühlt, in der heiligen Ahnung der Ewigkeit, so ist es gewiß der
*) Wenn diesen Herren das as wir in der Regel mit
"Unrein" übersetzen, da wir im Deutschen keinen passen-
dern Ausdruck haben, auch in diesem Sinne auffassen, wie
erklären sie sich das [v-pn px j’nsed CHSC?
Ruheort unserer Tobten. Und wenn irgend eine ReligionSgmos-
senschaft dieses auf das innigste gefühlt, und demgemäß Vor¬
schriften gegeben, so ist es die israelitische, die noch in dem Tobten
die Menschenwürde geehrt sehen wollte. Wir erinnern nur an
das 2*-^ das niSfO DE und die rituellen Bestimmungen, die
damit Zusammenhängen. Es ist traurig, wenn die höhern Be¬
hörden von unserer Religion eine so niedere Meinung haben,
daß sie über daS, was uns heilig und nicht heilig, und nament¬
lich in dieser Angelegenheit, in welcher doch alle Religionen ge¬
sitteter Nationen übereinstimmen, in Zweifel leben zu scheinen.
Unsere ganze Verachtung aber treffe diejenigen aus unserer Mitte,
die aus Bosheit und in stupider Einfalt die eigene Murter
brandmarken und in Verruf zu bringen suchen, die Freunde der-
selben irre machen, und den Feinden das Schwert in die Hände
(Warschau im October. Verspätet). Ter Pole klagt um
einen Patrioten, der Menschenfreund weint um einen Edlen, und
der Israelit trauert um einen frommen, theuern Genossen, denn
Jacob Epstein ist nicht mehr. Mit ihm ist der Stolz und die
Freude unsrer Gemeinde dahin. Ach, es werden vielleicht Jahre
vergehen, bis ein solcher Charakter sich wieder heran bildet, bis
ein Anderer einen solchen Standpunkt in der bürgerlichen Welt
sich erringt, wie der Selige ihn eingenommen, und so segens¬
reich und ansopfernd für daS Wohl des Einzelnen wie für das
ganze Gemeinwesen seine Talente und Kräfte geltend macht, wie
eS bei jenem Entschlafenen der Fall war. Nach menschlicher
Redeweise, ist er Alles aus sich selbst geworden. Er kam als
armer Knabe nach Warschau, hatte dort zu ringen und zu käm¬
pfen, bis ihm ein bescheidenes Theil ward an den Gütern der
Erde. Er machte sich nun bald durch seinen scharfen Verstand,
und seine rechtlichen Gesinnungen bemerkbar, und wurde dafür
von den Großen unserer Stadt mit der Ausführung der wichtig¬
sten Aufträge beehrt und zugleich belohnt. Tenn mit der Aner¬
kennung seiner Geistes- und Gemüthesgaben wuchs auch sein Ver¬
mögen und die Ausdehnung seiner Geschäflsthätigkeit. Dabei
verlor sein Blick nicht die Richtung nach den Glaubensgenossen;
indirekt durch sein Beispiel, da er sich ganz der Civilisatron des
Jahrhunderts anschloß und direkt in seinem Amte als Gemeinde¬
vorsteher, wozu ihn das Vertraueu der Gemeinde berufen. Jede
segensreiche Spur seiner Wirksamkeit anzugeben, wäre überhaupt
und hier am wenigsten möglich. Eins nur werde angeführt —
seine Verdienste um das israelitische Hospital. Seine Freigebig-
keit, seine bessere Einsicht und Beharrlichkeit, sein Einfluß auf
die wolhabenden und reichen Edlen seiner vaterstädtischen Re-
ligionsgenossen, erheben diese sonst so schmutzige und unordentlich
verwaltete Anstalt, zu einem Muster-Institut seiner Art, so daß
sich dasselbe mit den ersten derartigen Instituten Europas messen
kann. Hatte ihm nun der Kaiser Alexander in Anerkennung
seines WertheS schon früher die Privilegien deS Bürgerrechts,
für den Juden in Polen so schwer zu erlangen, verliehe», so
wurde er, nachdem unser jetzt regierender Kaiser erwähntes Insti¬
tut mit seinem Besuche beehrt, zum Ehrenbürger ernannt.
Leicht mag man sich unsre Bestürzung denken, da sich vir