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Kunde verbreitete, der Edle sei zu Warmbrunn, was er zur Her¬
stellung seiner Gesundheit gebrauchte, verblichen. Als seine Ge¬
beine, die seine Hinterlassenen nicht in ftemder Erde wollten ru¬
hen lassen, der Stadt nahe kamen, strömte ihnen Alles entgegen,
und die vorzüglich von Israeliten bewohnten Straßen standen
menschenleer. Auch seine christlichen Mitbürger, die ihn nament¬
lich in seiner Eigenschaft, als Mitglied des OberaufsichtSraths
der Wolthätigkeitsanstalten schätzen zu lernen Gelegenheit hatten,
ehrten ihn, indem sie sich dem Trauerzuge anschlossen. Es wur¬
den ihm auf dem Gottesacker von einem alten Rabbinen in ei-
«ern “JEDn und von Dr. Goldschmidt, Prediger an der deutschen
Synagoge dahier, in einer ergreifenden Grabrede die Achtung
vor seinen großen Verdiensten bezeugt, die gewiß als der herz¬
lichste Ausdruck der ganzen zahlreichen Versammlung gelten kann.
Gott hat ihn uns gegeben, Gott hat ihn uns genommen, doch
seine Verdienste und sein Beispiel hat er uns gelassen. Des
Ewigen Name sei gelobt!
An die israelitischen Reformfreunde in Frank-
surt am Main.
(Bon einer christlichen Dame.)
Glück auf zu Isracl's neuem LebcnSmorgen!
Glück auf der Leuchte — die aus ödem Schacht
Die ew'gen Pfeiler, seines Tempels Stützen —
Erlösen will aus ihrer langen Nacht!
Allmächtig schallts, gleich Himmelsruf hernieder,
Das Wort, das einzeln nur noch leis erklang;
Ein Geisterchor erhebt die Hoffnung wieder,
Des freien Strebens ew'gen Himmelsdrang.
Zum Bunde will es frei und liebend schlingen,
Was still und laut in tausend Herzen lebt,
Vereinet dann die Geistesfackel schwingen,
3m Kampfe, der daS höchste Gut erstrebt. —
Nicht sei der Keim, der uns einst frei geboren,
Zur Mumie im Zeitenlauf verdammt,
Der höhern Auferstehung nicht verloren,
Was einst so schön dem Gotteshauch entstammt.
ES athme Freiheit, ewig neues Leben
Der Gottgedanke, reicher stets enthüllt,
Belebe stets zu würdigem Gestalten
Was Göttliches dem Zeitenstrom entquillt. —
Horch! ruft uns nicht in Gottes Lebenshallen
Das Wesenall in tausendfachem Chor
Ein Weiter! Weiter!? — höheres Entfalten?
Strebts nicht zum Licht im ew'gen Zug empor?
Im Stillstand Tod — im Weiter nur das Leben,
Das neue Leben bricht die neue Bahn;
Die Zeiten rollen, und in weitern Kreisen
Ringt weiter stets das Leben sich hinan.
Wollt Ihr den Geist allein zum Tod verdammen,
Das Gotteswort im engen Grabesschrein?
Im modrigen Gewände dann umarmen
Die abgelebte Hülle nur allein?
Wähnt Ihr, es werde dann den starren Blicken
Die ewig auf die eine Stelle schau'n,
Der höhere Messias dann erscheinen,
Ein ird'sches Reich im Heimathland erbau'n? —
Nein — der Messias, den ein Gott verkündet,
Wird nur geboren aus des Geistes Licht,
3m Gottgedanken — der da jetzt allmächtig
Die Felsenriegel seiner Freiheit bricht!
Schon grüßt mit seiner Liebe erstem Glühen
Ihn hoffnungsvoll des neuen Lebens Laut,
ES wecken ihn in seel'gen Harmonien
Die Geister Alle, die sein Reich gebaut.
Laut strömt hervor in mächtigen Akkorden
Der Tone kaum noch leis verlorenes Chor,
Der Geist des Göttlichen ist frei geworden.
Steigt aus dem Grab — ein Genius empor!
Führt nun sein Volk zum Göttlichen, zum Wahren.
Dies nur allein, das rechte Heimathland,
Schlingt um des Lebens noch so ferne Räume
Der Völker all ein festes Licbesband!
Dies der Messias, der da will befreien
Sein Volk von langer Geistesknechtschast Schmach,
Zu einer heiligen Gemeinde weihen
Was zu dem heil'gen Gottesreiche wach!
3hr spracht es aus - mög's Tausenden erschallen
Als Gottesruf zu einem Lebensbund
Und schön sich heben Eures Tempels Hallen
Licht, frei und groß auf diesem festen Grund!
Druck und Verlag von F. Schuster in Hersfeld.