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sc luden Phasen inuner mit Treue und Math verfolgten Richtung des Blattes anbctriffr, so habe ich web! rächt
nörbig mich hierüber weitläuftig zu äußern. Wie die örtliche Veränderung des Bodens meiner praktischen Wirk¬
samkeit von Schwerin nach Berlin in dieser selbst keine andere Veränderung Hervorbringen konnte als die, welche
durch die Eigenst,ümlichkeiten des Bodens bedingt ist; wie ich dort und hier ein und dasselbe Ziel vor Augen hatte
une habe: den durch die Geschichte bewirkten Umschwung der religiösen Gesinnungen, Gedanken und Gefühle der
deutschen Israeliten zum klaren Ausdruck zu bringen und ihm in den praktischen Lebensverhaltnissen eine bewußte
Anerkennung und Geltung zu erringen: so wird auch au-s meiner veränderten Stellung zu dem Blatte binsichrlich
dco Wesens rneiner Theilnahme und Mitwirkung keine Veränderung entstehen. Nach wie vor werde ich bestrebt
sein, daß die religiös-sittlichen Gründe, die den religiösen Fortschritt, nach Maßgabe wie er sich in Erkenntniß und
Gesinnung zu einer sittlichen Macht herangebildet hat, auch in den Gestattungen des religiösen und bürgerlichen Le¬
bens fordern, in diesem Organe erörtert und zum allgemeinen und Liefern Bewußtsein gebracht werden, so darf
ich hoffen, daß cs mir und meinem College» Ln Verbindung mit den. tüchtigen Kräften, die uns ihre Mitwirkung
zugcsagt, gelingen werde, den Israeliten des 19. Jahrhunderts immer mehr zum treuen und kräftigen Organ des
religiösen Fortschritts erstarken zu sehen.
Berlin im Deccmber 1847.
Dr, S. Holdheim.
MaS 'st Seiwfseuschaft für Mefmm. im
JuderrLhum?
Mit der Beantwortung dieser Frage glaubt der
Unterzeichnete Mitrcdaktcur am besten den neuen Jahr¬
gang dieser Wochenschrift zu erörtern. Tenn hat sich
dieselbe auch nicht als förmliches Organ der Geuos-
scnschaft angeküntigt 5 ), so sind doch ihre Beziehungen
zu dieser, namentlich durch die offizielle Mirrbeilmrg
und Verfolgung alles dessen, was in ibrer Mitte ge¬
schieht, so innig und vielfach, daß sie die obige Frage
wohl zu der ihrigen machen darf.
WaS aber die Genossenschaft für Reform im Jn-
denthnme sei, darüber muß vor Allem ihr eigener
Name Aufschluß geben. Man ist für die Reform
im Iudertthume zusammengetrcten, hat diese als Leu
Zweck der Bereinigung au die Spitze gestellt. Reform
aber ist U m b i l d u n a oder Neubildung eines Be¬
stehenden, LaS in seiner fetzigen Form zu bestehen aufhö¬
ren , v. h. in Verfall gcratheu müßte, und die Absicht
es zu reforim'ren, also keine andere, als daö Beste¬
hende unter einer andern Form zu erhalten, vor
Verfall zu bewahren, Und fo berechtigt uns der Name
ichon zu dem 'Ausspruche: Die Genossenschaft für Re¬
form im Zudenthume ist ein Vereiu für die Erhal¬
tung des Judenthums. Unter Erhaltung des
*) Hierüber die Beil, zu Nr. 51 des vorigen Jahrganges.
Judcnthums kann nichts anderes verstanden werden,
als dem Judemhume Bekenner, d. h. Juden zu er¬
halten. Term ein Judenrhum ohne Juden ist uns un¬
denkbar. Nun ist cs aber durch die Erfahrung bestä¬
tigt, daß das Iudl-ntbum in den letzten Jahrzehnten
immer mehr Bekenner von sich ab fallen sah und auch
unter denen, die ihm verblieben, cine große Anzahl
erblickte, die ebne Liebe und Anhänglichkeit nur äußer-
!üii ihn äuge hörten.
Welches ist der Grund dieser Erscheinung? Kein
anderer als der, daß die Bildung und Gesinnung ei¬
nes großen Jbeils der Bekenner des Judcmbums mir
derjenigen Form, unter welcher dieses bestand, dermas¬
sen in Widerspruch gerathen war, daß derselbe mir sei¬
ner Bildung und Gesinnung gar nicht im Judeu-
thume zu stehen und anderswo, im Christ enrbnm,
einen trcuern Auodruck, einen fester» Haltxunkr für
dieselbe suchen und finden zu müssen glaubte. Eine Re¬
form des Judcnrhums kann daher nichts anderes be¬
zwecke» wellen, als thatsächlich uachzuweisen, daß Wir
mit unserer heutigen Bildung und Gesinnung gleich¬
wohl einen festen Gr-md und Boden im JrrLrrtthum
haben und wenn diej-m'ge Form, unter welcher das
Judenrhum bisher bestanden, dieser Bildung und Ge¬
sinnung widerstrebe, so müsse diese Form einer an¬
dern unserer Gesinnung und Bildn ' agrmessmers wei¬
chen. Demi die Bildung und Gesi77nng sind es eben.