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allgemein© Zeitung des Oudemums
An einen königlichen Kammerherr»!
(Sin offener Brief von paflor lit. lleol. loeting.
Breslau, Karfreitag 1926.
Sehr geehrter Herr von X.!
Heute haben wir ein junges jüdisches Mädchen zu Grabe
geleitet, das zu Beginn des Krieges sich bei der Pflege deut¬
scher Soldaten eine schivere Sepsis zugezogen hatte, und
welches nach zehnjährigem, heroischem Kampfe unter fürchter¬
lichen Leiden seine Augen geschlossen hat. An diesem Tage
fühle ich den Drang, Ihr Schreiben, das ich schon beiseite ge¬
legt hatte, zu beantworten. Sie gestatten, daß ich den Weg
des „offenen" Briefes für meine Antwort wähle, weil ich
glaube, daß Ihre Ausführungen wegen ihres typischen Cha¬
rakters allgemeines Interesse habeil.
r Von den gewöhnlichen Zuschriften von Antisemiten, die
ich in reichem Maße erhalte, unterscheidet sich Ihre Zuschrift
sehr vorteilhaft dadurch, daß Sie mit Ihrem Namen unter¬
zeichnen und in der Form das Maß höflicher Umrangsart
bewahren, das man auch dem Gegner zubilligt. Die meisten
antisemitischen Zuschriften, die ich erhalte, sind anonym, und
säst alle sind auch in einem flegelhaften Toil gehalten, der
der Sache des Antisemitismus, wenn sie eine ernsthafte An¬
gelegenheit sein soll, nicht gerade zum Vorteil gereicht, da
Beschimpfen und Unflätigkeit immer ein Zeichen geistiger
Schwäche sind und die Unfähigkeit zur sachlichen Begründung
des eigenen Standpunktes ausweisen, W e n n t r o tz d i e s e m
vorteilhaften Unterschiede von jenen Schrc i-
ben Ihre Ausführungen von a l l g e m e i n e m
Interesse sind, so ist es deswegen, iveil Ihre
Zuschrift genau elf Zeilen umfaßt und w e i l
Sie meinen, mit diesen elf Zeilen meine
U eb cr z e u g n n g erschüttern zu können. Glauben
Sie wirklich, sehr geehrter Herr von X., daß inan sich für
eine Sache, die so undankbar ist wie nur möglich, nämlich die
: Bekämpfung des Antisemitismus, durch die man sich jedes
äußere Fortkommen verbaut und durch die man nicht un-
beachtliche Verdienstmöglichkeiten sich verscherzt, indein man
von keiner Stadt zu einem Vortrage aufgefordert wird, in
der man gegen den Antisemitismus gesprochen hat, meinen
S i e w i r k l i ch, d a ß m a n s i ch f ü r e i n e s v l ch e S a ch e
so leichtfertig e in s etzt, daß elf Zeilen die
eigene Ueberzcugung erschüttern können?
Daß Antisemiten aber meinen, mit ein paar hingeworfencn
Brocken eine Ansicht bekämpfen zu können, zeigt, daß ihre
eigene Ueberzcugung nur sehr schwach fundiert ist.
Wie wenig Anlaß ich habe, meine Uebcrzeugung nach
Ihren Ausführungen zu revidieren, zeigt die Zerlegung der
einzelnen Sähe.
l. Sie können nicht umhin, „cs auf das tiefste zu be¬
dauern, daß ein e v a n g e l i s ch e r G e i st l i ch e r einen
-derartigen philvsemitischen Standpunkt cinnimmt. In der
katholischen Kirche würde es kaum geduldet werden, wenn ein
Priester öffentlich in dieser Weise für die Juden einträte".
Sollte tatsächlich die katholische Kirche ihren Führern eine
philosemitische Stellungnahme verbieten, so wäre solches Der-
fahren für die evangelische Kirche bedeutungslos. Evangelische
Christen sollten nicht ängstlich auf Nom blicken, sondern das
tun. was dem Protestantismus gemäß ist: Protestantisch aber
ist die Beachtung des sich der Verantwortung vor Gott be¬
wußten Gewissens, und mit gutem Grund kennt die
evangelische Kirche nicht die Gängelung der Pastoren durch
eine kirchliche Autorität. Wo anders verfahren wird, hat
Luther umsonst auf dem Reichstag zu Worms seine kleber-
zcugung behauptet. Im vorliegenden Falle aber ist es nun so.
daß die katholische Kirche ihren Dienern die Bekämpfung des
Antisemitismus nicht verbietet. In diesem Blatte habe ich
schon mehrfach die Ausführungen katholischer Geistlicher ge¬
lesen, im Kampf gegen den Antisemitismus auch selbst die
Unterstützung von Katholiken dankbar empfunden. Aber, wie
gesagt, selbst wenn es anders wäre, würde ich mich nicht in
meiner Stellungnahme behindern lassen. Ich empfange das
Gesetz meines Handelns nicht vom Papst, sondern von
Christus — bei ihm finde ich weder eine antisemitische noch
überhaupt eine völkische Einstellung.
2. Natürlich kommen Sie mit dem Hinweis aus die
Beteiligung d e r I u d e n a in Bolschewismus
und an der Kommunistischen Partei. Sie
fragen, ob die Juden, die in der Kommunistischen Partei
tätig sind, auch meine Freunde wären. Darauf ist zu sagen:
Soviel ich sehe, ist unter den Juden, mit denen ich verkehre,
augenblicklich kein Kommunist. Wäre das aber der Fall, so
würde ich mich an der kommunistischen Ueberzeugung nicht
stoßen, sofern sie ehrlich und durchdacht wäre. Ich halte es
für sehr falsch, die Kommunisten von heute so zu behandeln
wie die Sozialdemokraten in der Zeit des Sozialistengesetzes
oder noch bis 1914. Dadurch drängt man die Kommunisten
nur in eine fruchtlose Opposition, in die Inszenierung roher.
MrsvemSnttaltr
An einen königlichen Kammerherrn.
Ein offener Ärief von Pastor vc. tsteol.
Moering.
Die Abnahme der jüdischen Vevöllerung
in Süddeutschland. Von vr. Julius
Voihholz. S. 27.
Das positive in der E.V.-Arbeit. Von
Vabbiner l)r. ^ewin. S. 29.
Aeuer Kamps um das Alle Testament.
Von Mbviner vr. Hahn (Essen). S. 31.