Seite
Allgemeine Zeitung des Gadenrums
SSOgllfttt /Don Dr.Nruno weil (Berlin)
Die Insel Borkum ist die tvcsilichste der deutschen Nvrd-
seeiuseln; au ihrem Horizont hebt sich schon das holländische
Gebiet ab. Sie hat seit Jahrzehnten einen Ehrentitel darin
erblickt, j u d e n r e i n genannt zn werde». Die Inselbewohner
behaupten, das; sie selbst nicht in besonderem Maße anti-
semitisch eingestellt seien; es sei aber der Wunsch der nach
Borkum kommenden Badegäste gewesen, Juden den Zu¬
tritt zu der Insel zu verwehren, und sie hätten diesem Be¬
gehren aus leicht begreiflichen Gründen Widerstand nicht ent¬
gegensetzen können. Ihren Gefühlen gaben seit langen Jahren
die Badegäste an jedem Nachmittag durch ein- oder mehr¬
maliges Absingen jenes häßlichen Liedes Ausdruck, das, zur
Verhöhnung der Juden bestimmt, unter dem Namen
„Borkum-Lied" der Insel wenig beneidenswerten Ruhm
gebracht hat.
Schon im Jahre 1908 hat der Hildesheimer Oberbürger¬
meister Struckmann im Preußischen Herrenhaus gegen die
auf Borkum herrschenden Mißstände Stellung genoinmen,
„weil sie die öffentliche Ruhe, Sicherheit und Ordnung störten,
lind darrnn im staatlichen Interesse nicht ferner geduldet
werden durften". Die preußische Staatsregiernng erklärte
damals durch den Minister des Innern v. Moltke: „Nach
den gemeinschaftlich von dein Herrn Jnstizminister und mir
angestellten Ermittlungen ist eS nicht möglich, strafrechtlich
gegen das bloße Absingen dieses Liedes vorzugehen."
Bis zum Kriege blieben die Dinge im wesentlichen unver¬
ändert. Mit Kviegsbeginn ward Borkum Festung; der vor-
geschobenste Posten gegen England. Eine zahlreiche Garnison
wurde auf die Insel gelegt: bei allen Regimentern
Juden, deren Anwesenheit nicht allein von niemandem
zum Anlaß irgendwelcher Beschwerden gemacht wurde, viel¬
mehr, wie wir auf der Insel selbst gesehen haben, freund¬
schaftliche Beziehungen aller Art sich entwickeln ließ.
Nach der Umwälzung versuchte die Regierung, in die
unhaltbaren Verhältnisse auf der Insel, die einen Teil des
deutschen Bodens dem Zutritt deutscher Volksgenossen
dauernd entzog. Bresche zu schlagen. Der Badekapelle wurde
von dem zuständigen Landrat das Spielen des Borkum-
Liedes verboten. DaS Amtsgericht Emden erließ darauf eine
als juristisches Kuriosum geradezu berühmt gewordene einst¬
weilige Verfügung. in der den Staatsbehörden bei Androhung
einer Geldstrafe von 100 000 Goldmark untersagt wurde, das
Verbot des Spielens des Borkum-Liedes durch die Kurkapelle
aufrechtznerhalten oder zur Aiuvendung zn bringen. Der
alle Kompetenzen außer acht lassende Beschluß des Emdener
Richters wurde natürlich aufgehoben. Aber auch die Staats¬
regiernng verinochte mit ihrem Verbot nicht dnrchzudringen,
da schließlich das Oberv e rw al t un g8 geri cht unter
dem Borsitz des Senatsprüsidenten Drews die Berfügung
aushob. Seit dieser Zeit wird auf Borkum während der
Saison zu jeder Tages- rmd Nachtzeit das Borkum-Lied ge¬
lungen und gespielt. J
Die treibende Kraft in dem Kampf um das Lied ist seit
seinem Erscheinen auf der Insel im Jahre 1920 Pfarrer
M ü n ch m eher gewesen. In Wort und Schrift hat er gegen
die Staatsregiernng die schärfste Stellung genommen und
unter dem Titel „Borkum, die deutsche Insel" im Jahre 1923
in erster und im August 1925 in zweiter Auflage eine Bro¬
schüre veröffentlicht, deren größter Teil der Bekämpfung des
„internationalen" Judentums und der Darstellung seines
„Sieges" über die preußische Staatsregierung gewidmet war.
Bon, D e u t s ch n a t i o n a l e n entwickelte sich Herr Pfarrer
Münchmcyer sehr bald zum ausgesprochenen völkischen
Parteimann, nachdem er zwischendurch w e l f i s ch e Agitation
getrieben und gelegentlich auch in Zeitungsinseraten dem
Reich hatte drohen wollen, die Insel werde sich unter hol»
ländischen Schutz stellen. Dieser, vom stärksten
Fanatismus getriebene Mann sah in der Insel bald
nur mehr seine Kanzel, von der au8 . er für seine
völkische Idee gegen Juden und Katholiken
wirken könne. Er wollte Borkum zum Ausgangspunkt
der völkischen Erneuerung Deutschlands machen; von dort
sollte die deutsche Wiedergeburt, frei von jüdischem Einfluß,
erfolgen. Sv schrieb er:
„An einer kleinen Stelle beginnt jede Krankheit zu heilen,
ivcnn die Aorbedingnngen dazu gegeben sind, und eine Heilung ist
möglich, wenn irgendwo ein noch so kleines Zentrum gesunder
Kräfte energisch Widerstand leistet. Möge dies das deutsche
Borkum sein, im deutschen Nteer! Eins der letzten festen deutschen
Bollwerke. daS nicht fällt, und von dem Anregungen und damit
Kräfte zur Gesundung unseres kranken Volkes ausgehen können
und sollen!"
Indem Herr Münchmeher in jedem Sommer zwanzig- bis
dreißigtausend Kurgäste glaubte in völkischem Sinne beein¬
flussen zu können, sollte ein immer größerer Kreis von
Menschen seinen Juden- und Katholikenhaß durch ganz
Deutschland tragen.
Solange diese Agitation der Insel wirtschaftliche
Vorteile brachte, hatten die Inselbewohner wenig an ihr
Vom Vlut-Abergkauben.
Von Dr. Paul Naihan.
Das Krankenhaus der Mischen Gemeinde
in Verikn. Von Prof. Or. C. Seligmann.
Erotik und Aaffe.
Don Freda Marie Gräfin zu Dohna.