Seite
Nonatsausgabe
Juni
enfrat 1 mm
PMtzr jWitenifctilnml
Dryaooes
StaatsdüraeriiWiscden Vlavv
unSIuverUum
^IlgsmsIsiS dss Judentums -
Oie Standarte / non ot. /nrten toienec
Wer heute anbetet, Iva? er gestern verbrannt hat, wirb
wicht gerade als vorbildlicher Politischer Charakter in den
politischen Handbüchern gefeiert werden. Wer hellte ein
Jahrzehnt auf die Inden Donner lind Doria herabgelvünscht
hat und im elften Jahre seinen „lieben Brüdern" gerührt an
die Brust sinkt und nicht gegen sie, sondern mit ihnen „sein
Jahrhundert in die Schranken" fordern lvitt — grosses Ver¬
trauen unter vornehm denkenden Zeitgenossen wird ihm nicht
erblühen. Die „jüdischen Svlvjetbanditcn", meist jedoch
slawischen Geblüts oder dein Jndentnm feindlich und scharfe
Verfolger der jüdischen Religion, werden täglich in der völki¬
schen Presse und in den Bersammlnngen als Ausgeburt der
Hölle gemalt. Die Sowjetrepublik und ihr Entstehen in Blut
und Tränen soll — so will es völkischer Aberwitz — den heim¬
lichen, unheimlichen Machenschaften der „Weisen von Zion"
zu danken sein. Konnte die völkische Losung für alle Ewig¬
keiten anders lauten als G i f t ri n d V e r d e r b e n d i e s e m
Stnatsgebilde?
Die politische Welt staunte, als Graf Reventlow,
heute einer der Führer der völkischen Belvegnng, der Leiter
der „grossen Politik", vor wenigen Jahren dem deutschen
Volke anriet, sich schleunigst mit den russische n H e e r e n
zu verbünden und siegreich Polen zu schlagen. Das war zur
Zeit, wo Rußland das polnische Heer aufs Haupt zu treffen
schien. Die politische Welt erstaunte wiederum, als Graf
Reventlow damals an keiner anderen Stelle als in der
„Roten Fahne" den deutschen Kommunisten Gastvor¬
lesungen hielt. Jetzt wird ein Aufsatz Artur M ah ran ns,
des Hochmeisters des Jungdentschen Ordens, im Märzhest der
jungdentschen Monatsschrift „Der Meister" zu tvenig be¬
achtet. Mahrann, ersichtlich im Besitze besonderer Kennt¬
nisse, setzt sich dariic mit dem ileuen dentschen und,
was das Entscheidende ist, nationalvölkischen Pro¬
tz o l s ch e w i s m l> s auseinander. „Prvbolsche-
wi steu," schreibt Mahrann, „sind diejenigen
D e li t s ch e n, die innerhalb der nationalen
Belvegnng von der Theorie ein gefangen
w o r d e n sind, daß das b o l s ch e >v i st i f ch e
Russland ein Machtfaktvr ist und als
solcher ein n e n n e n s >v e r t e r B u n d e s g e n o s s e im
Freiheitskgmpfe des deutschen Volkes sein
kann.. ." Wir wissen, das; diese Belvegnng keineswegs neu
ist oder der letzten Zeit enstanmit, sondern daß schon in
früheren Jahren — die amtlichen Berichte über den Küstriner
Putsch enthielten die Bezeichnung N a t i o n a lb o I sche¬
in i st e n und N a t i o n a l k o m m u n i st e n, und auch des
bekannten Obersten Bauer Rnßland-Bnch ist dafür be¬
zeichnend — diese stürmische Liebe zu dem sonst vermaledeiten
Bolschewismus in gewissen völkischen Kreisen unein¬
geschränktes Hausrecht besaß. Daß Mahrann bei der Schilde¬
rung der angeblich probolschewistischen Organisation als
Nährvater keinen anderen als den in den letzten Wochen
genannten Oberst Nicolai, den früheren Chef des
richtendienstes im Großen Generalstab, offen anspri"
daß er weiter Nicolai in Verbindung mit der Hngenberg»
Zentrale bringt, sei beiläufig erwähnt.
Reventlow ist schließlich nicht die völkische Bewegung,
Nicolai nicht das nationale Deutschland. Sie mögen viel¬
leicht nur aus taktischen Gründen mit Bruder Nuß' durch
dick und dünn in der listigen Zuversicht gehen, ihm, hat er
seine Schuldigkeit getan, den dankbaren Fnßdcitt zu verab-
reichen.
Weit bemerkenswerter scheint, daß in den letzten
Wochen sich eine Gruppe des „neuen Nationalis¬
mus", um die Wochenschrift „Standarte" geschart, der
deutschen Welt vorstellt, die nicht etwa die Taktik, sondern
wesentliche Teile des k o m m u n i st i s ch e n Prin-
z i p s als Grundsteine für den Alifbau des neuen „nationalen
Deutschland" in feurigen Worten, Schriftsteller und Dichter
in trautem Vereine, empfiehlt. Und cs sind keine Gevatter
Schneider und Handschuhmacher! es sind keine xbeliebigen
Meyer, Schulze und Lehmann. Da ist W i l h c l m K l e i n a n,
der H a n p t s ch r i f t l e i t e r d e r S t a h l h e l m z e i t u n g,
dabei, E r n st I ü n g e r und F r a n z S ch a u w e ck e r, die
schon früher ständig am „Stahlhelm" mitgear¬
beitet haben, und Helmut Franke, der vor wenigen
Jahren noch im „Grcuzbvtm" die sozialistische Feder führte.
Kauipfsprühcnde Gedichte, flott geschriebene Aussätze, die
kein Blatt vor den Mund nehmen, beschert uns allwöchentlich
die „Standarte. Mit einer tollkühnen Ausrichtigkeit setzt
Ernst Jünger wörtlich das Folgende hin („Standarte",
Heft 8 vom 20. Mai 1926):
„. . . Der formale Bestand der Vergangenheit ist abgeschlossen,
seine Pflege kann den Spießbürgern einerseits und den Müttern
vom Schlage der „Weltbühue" anderseits ttberlasseu werden. Die
erste, selbstverständliche Pflicht des Nationalismus ist es, diesem
auf einer lmtcrgcorducten Ebene liegenden Kampfplatz ohne jedes
Ressentiment den Rücken zu kehren. Seine Ausgabe ist eS viel-
: mehr, mit allen Mitteln den Kampf gegen den augenblicklichen Be¬
stand zli rüsten, der durchaus der Bestand von 1919 mit einigen
für den Spießbürger berechneten Verschönerungen der Fassade ist.
Hier darf kein Stein ans dein anderen bleiben.
... Revolution! Revolution! Das ist es, was un¬
aufhörlich gepredigt werde» „ins;, gehässig, systematisch.
Aus dem Suhaltr
Die Standarte. Äon Dr. Alfred Wiener.
Ausnutzung der Arbeitslosigkeit.
Äon Dr. Erik Noelting (Frankfurt a. M.).
Lieber althebräische Poesie.
Von Geheimrat Eduard König (Bonn).