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Allgemeine Zeitung des Judentums
Zur -as -rutsche Weimar!
i In Weimar hat eine Tagung der „N a i i o n al sozia¬
listischen Partei Deutschlands" unter Teilnahme
i Von etwa 5000 Mitgliedern aus allen Teilen des Reiches stati-
gefunden. Ueber den aufregenden Verlauf dieser Tagung hat
die Presse eingehend berichtet. Auch wir teilten einiges in der
letzten Nummer dieser Zeitung mit. Um ein eigenes Urteil
- über die Vorgänge zu gewinnen, die überall im Inlands wie
im Auslande und in den Blättern aller Parteien ungewöhnliche
Beachtung fanden, und die zu heftigen Auseinandersetzungen
; innerhalb der politischen Parteien und Körperschaften Thürin-
- gens führten, haben wir unverzüglich unsere Dr. M. E.-Mit-
| arbeiterin nach Weimar geschickt. Sie nahm Gelegenheit, ver¬
schiedene als Dichter und Schriftsteller, wie Friedrich Lien-
»Hartz und Johannes Schlaf, und Gelehrte, tvie Dr. Otto
Hauser, im deutschen Baterlande hochgeschätzte Persönlich¬
keiten, über ihre Stellung — sie ist nebenstehend
wiedergegeben — zu den Vorfällen zu befragen. Durch
die Aeußerungen dieser echten Deutschen zittert die Besorgnis
- .um das deutsche Heiligtuin, um das deutsche Weimar.
1 Mögen diese Urteile dazu beitragen, das Weimar unserer
Klassiker nie mehr zu einem Tummelplatz wüster Partcileiden-
schasten werden zu lassen. Das ist der Wunsch aller einsich¬
tigen Deutschen jedweder Partei, jedweden Bekenntnisses.
Möge durch die ausführliche Bekanntgabe der unerträglichen
Geschehnisse während des nationalsozialistischen Parteitages die
Erkenntnis wachsen, daß die Nationalsozialisten den Anspruch
gründlich verwirkt haben, für eine kulturfördernde Partei zu
gelten. Die Schriftleitung.
Dr. M. E. Am Parteitag der Nationalsozialisten Hut
Weimar nach übereinstimmender Schilderung vieler Augen¬
zeugen einem Heerlager geglichen. Die Nationalsozialisten
beherrschten die Straße mit ihrem Terror. Gleich am Sonn¬
abend abend (3. Juli) bei ihrer Ankunft hörte man: jetzt haben
w i r die Macht in Weimar; Weimar gehört uns — und nach
diesem System handelten sie. Wo irgendjemand ging, der
wie ein Jude aussah, rempelten sie an. Das Wort Jude war
überall zu Hörens wo zwei Leute zusammenstanden. Alle Lieder
richteten sich gegen die Juden; traten sie doch gegen den „jüdisch¬
marxistischen Terror" auf. Zu diesem „jüdisch^marxistischen"
Terror gehören nach ihrer Auffassung auch die Abzeichen von
/Arbeiterverbänden, Arbeiterjugend, Reichsbanner u. a. m. Es
nahmen am Parteitage etwa 4800 bis 5000 Männer,
Frauen und Mädchen teil. Nach Schätzungen objektiver
Augenzeugen bestanden sie zu 90 Prozent aus Proletariern:
Arbeitern, stellungslosen kaufmännischen Angestellten, Holz-
Hackern aus Oberbahern, Grubenleuten aus dem westfälischen
'Kohlengebiet (ein ganzer Trupp ging mit Bergarbeiterlampen)
und Erwerbslosen. Die Leute kamen fast alle völlig mittellos in
Weimar an. Auf ihr Verlangen nach Geld gab ihnen die
Leitung, wie Nationalsozialisten aus Plauen erzählten, Bro¬
schüren, Zeitungen, Hitler-Postkarten, die berühmten Fahr¬
karten „Freifahrt nach Jerusalem und nicht wieder zurück"
'ünd andere, .judenfeindliche Schriften, um sich durch ihren Der-
kauf das GM Mp den.Aufenthalt in, Weimar, selbst zu der-
dienen. Tatsächlich boten die Nationalsozialisten dauernd der¬
artige Sachen auf den Straßen den Passanten sowie deck
Güsten in den Restaurants und Casbs an und drängten sie
förmlich auf, ja sie wurden zum Teil drohend, wenn die Leute
sich weigerten, die Schriften zu kaufen. Die weitere Folge
der völligen Mittellosigkeit waren systematische
Zechprellereien. Ein Fall für viele: Im Hotel
K e m n i t i u s hatte ein ganzer Trupp von Hitler ° Leuten
gespeist und getrunken. Als es ans Bezahlen gehen sollte, er¬
tönte von der Straße ein Signal zum Sammeln; alles rannte
heraus, niemand kam wieder. Als das Uebersallkommando
kam, herrschte solcher Wirrwarr, daß die Schuldigen nicht zu
ermitteln waren. Dieses Signal ertönte regelmäßig, wenn
bezahlt werden sollte, oder aber es wurde ein Ausruhr auf
Gegen Weimars Entweihung.
Friedrich Lienhard: „Ich habe nichts mit
parteipolitik zu tun, sondern nur mit -er -rutschen
Seele. Ich habe auch persönlich nie einer politischen
Partei angehört, son-ern mich nur um Rulturbelange
gekümmert. Parteipolitische Ausschreitungen von rechts
oöer von links lehne ich in unserem schwer erschütterten
Deutschlan- auf alle Fälle ab, besonöers in Weimar, -as
eine Rulturinfel unö ein öeutsches Heiligtum sein soll."
Johannes Schlaf: „Die Vorgänge gelegentlich
-er letzten nationalsozialistischen Zusammenkunft ln
Weimar srn- sehr zu beklagen, stnö öurch Sie Stätte
öurchaus verurteilt. Solch rohe un- engherzige Ge¬
sinnung wiöerftreitet öeutfchem rtulturgeist, hemmt f-ie
Zusammenfassung -er vaterlänöischen Kräfte zu neuem
Aufstieg." . /._ ■
Gtto Hauser: „Sie fragen mich, welche Stellung¬
nahme ich zu öen mannigfachen Störungen, -ke Weimars
Wür-e schon erschütterten, habe: Nnen-lkch vielen
Deutschen wir- -ie Wallfahrt nach Weimar jährlich zu
einer Offenbarung, zu tief innerem Erleben. Wie -er
Mensch schafft, hanöelt un- Senkt, bestimmt den Gra¬
seiner individuellen Nulturhöhe. Wer Anspruch erhebt,
ernst genommen zu werden- -em sollte -as Ansehen
einer so einzig würdigen Geistesstätte, wie sie -as
herrliche Weimar ist, so unantastbar hoch stehen, -aß
es ihm heilige Pflicht wür-e, Störungen nicht in den
Tempel zu tragen, den klassischer Geist geweiht hat." s