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Morratsausgabe
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Allgemeine Zeitung des Judentums
NechtSftaat - oder?
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Es ist unverkennbar, daß in demselben Maße wie die
völkische Propaganda an politischem Einfluß einbüßt, sie sich
in den geistig minderbemittelten Volkskreisen, die ihr noch das
Ohr leihen, durch hyperradikale antisemitis che Hetze zu
halten sucht. Ganz wie die politische Mordhetze gegen Staats¬
männer des republikanischen Deutschlands, als deren hervor¬
ragendste Opfer Erzberger und Rath enau fielen,
arbeitet auch die neuzeitliche „Rassenhetze" mit den niedrigsten
Mitteln der Lüge. Sie spekuliert auf die völlige Unwissenheit
des einfachen Volkes und auf die Ignoranz der auf so vielen
höheren Schulen nationalistisch präparierten Jugend auch
der sogenannten „gebildeten" Schichten, und sucht dieses ihr
Publikum auf die frivolste Weise mit aus den Fingern ge¬
sogenen Verleumdungen jüdischer Kreise und Personen zu
angeln. Diese Hetze hat im Lauf der letzten Jahre einen
Grad der Verworfenheit erreicht, der alle Leistungen etwa
eines Ahlwardt und Grafen Pückler aus den neun¬
ziger Jahren in den Schatten stellt. Diesen beiden wirren
„Politikern", deren geistiger Defekt sehr bald offenbar wurde,
mochte man immer noch zugute halten, daß sie eben vom
Wahn Besessene waren. Was dagegen jetzt Leute vom Schlage
der Hitler, Holz und Streicher sich an Beschimpfung
der jüdischen Bevölkerung leisten, ist durchgängig so hand¬
greiflich verlogen, daß kein Milderungsgrund „guten Glau¬
bens" dafür zu finden ist.
Bor mir liegt die Nr. 34 des Nürnberger Skandalblattes
„Der Stürmer" vom August d. I., herausgegeben von
dem Völkischen Julius Streicher, verantwortlich gezeichnet
von seinem Genossen Karl Holz, ein Organ, das sichtlich
dem einzigen Zwecke dient: das Gift antisemitischer Ver¬
leumdung zu verbreiten. Die Methode ist so primitiv wie
nur möglich: für alles Uebel in Deutschland werden als Schul¬
dige die Juden bezeichnet und beschimpft; dabei gibt es keine
Hemmung sachlicher oder moralischer Art. Im Gegenteil, je
unsinniger die zu jenem Zwecke erdachten Znsammenhünge
sind, mit um so größerer Schamlosigkeit werden sie jour¬
nalistisch zu Sensationen ausgemacht. So werden jetzt die
furchtbaren Ei se nb a h n k at a str o p h e n bei Langen¬
bach und Leiferde zu einer antisemitischen Hetze benutzt,
die geradezu einen Gipfel böswilliger Verleumdung darstellt.
In großen fetten Lettern springt die Ueberschrift ins Auge:
Jüdischer Massenmord.
Eisenbahnattentat der Dawes-Juden
12 Tote, 15 V e r st ü m m e l t e.
Darunter wird dann nichts Geringeres behauptet, als daß
die Juden an jener Kata str oph e schuld seien.
Und das wird sogar „bewiesen". Nicht möglich — meint der
ahnungslose Leser. Aber doch „möglich", wenn Fälschung und
Lüge von der vertrottelten Leserschaft solcher Blätter nicht».,
als das erkannt werden, was sie sind. Da erhalten
nächst ein glatterfundenes „Talmud-Zitat" ins Hirn
gespritzt:
„Wenn es nicht möglich ist, die Anhänger des Gehenkten
(Christus) direkt zu töten, so verursache man ihren Tod indirekt."
Im Anschluß daran folgt dann die Behauptung, daß der
D a w e 8 - Vertrag schuld an der mangelnden Verkehrssicher¬
heit der Reichsbahn sei. Und dann kommt als Haupttrumpf
der Unsinn:
„Der Dawes°Pakt ist verfaßt im Aufträge der jüdischen
Wcltbankiers. Der Verfasser des Paktes ist ein russischer Jude,
der früher auf den Namen Davidsohn hörte und. sich heute
D a w e 8 heißt."
Darin gipfelt die Darstellung des internationalen Ab-
kommens über die Verwaltung der deutschen Reichsbahn, eines
Abkommens, dem bekanntlich sogar 51 deuts ch nationale
Reichstagsabgeordnete zugestimmt haben. Kein
Wort davon, daß der Generaldirektor und sonstige Sachwalter
der Reichsbahn einwandfrei „arische" Männer sind, die für die
Durchführung ihres fragwürdigen Abbausystems Riesen-
gehälter beziehen. Kurz und bündig nur — Juden¬
attentat:
„Die Schuldigen, aus deren Judengchirnen die Maßnahmen
stammen, die den Tod jener Unglücklichen verursachten, küm-
mein sich nicht darum. Ob an dem Gelbe, das in ihren Säckel
fließt, der Schweiß der Arbeiter, daS Blut der Opfer und der
Fluch der Verwaisten klebt, das ist ihnen gleich."
Neben dieser Höchstleistung gewissenloser Rassenhetze
des genannten Organs verschwinden fast gleichzeitige
Leistungen, wie die Umfälschung eines Zitats aus Dr. Beer»
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Württembergifche jüdische Seiden.
Von Oberstleutnant a. D. Max Lrunzlow.
-"Rationale Autonomie/ Von Or.p.Nathan.
Gustav Roethe. Von Frih Engel.
Rudolf Gurken.
Von Dozent Dr. Albert Lewlowih (ÄreSlau).
GhamberlainS „Rasse und Persönlichkeit".
Von Prof. Or. Goldsteln (Darmstodt).
Die SedrSer an der Quelle.
Von Prof. Or. Fiebig (Leipzig).