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Monatsausgabe
Oktober 1-2b
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Allgemeine Zeitung des Judentums
3m Kampf für unsere po jener Heimat.
von Berthold Hanse.
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Zum Verständnis der nachstehenden Ausführungen ist es
notwendig, die allgemeine Lage in Posen nach dein Zu¬
sammenbruch des deutschen Heeres mit einigen Worten zu
kennzeichnen.
Die Revolution vom 9. November 3918 wirkte sich, anders
wie im übrigen Deutschland, in Posen nicht als eine soziale
und allgemein politische ans. Sie war eine ausgesprochen
nationalpolnische. Der 9. November 1918 war für die
polnische Bevölkerung, die seit Generationen den Ge¬
danken an eine Wiederherstellung des polnischen Staates
in mustergültiger Weise geistig und seelisch vorbereitet
hatte, das Signal, den Traum der nationalen Wieder¬
geburt zu verwirklichen. Die polnische nationale Er¬
hebung, die mit elementarer Wucht hervorbrach, fand kalim
einen Widerstand bei den berufenen Vertretern der deutschen
Staatsmacht, den verantwortlichen Behörden und den mili¬
tärischen Befehlshabern. Sie standen, wie der Revolution
überhaupt, auch diesen Ereignissen verständnislos und hilflos
gegenüber. Die ersten Wochen verliefen in einer dumpfen
Atmosphäre der Unklarheit. Von klugen Führern geschickt
geleitet, übten die Polen eine verschwiegene Zurückhaltung,
durch die sich die deutschen Behörden täuschen liehen. Die
militärischen Führer schlugen die Warnungen in den Wind,
die ihnen ans den Kreisen der eingeborcneii, die Sachlage er¬
kennenden deutschen Bürger in höchster Besorgnis vorgetragen
wurden. Unter dem Deckmantel einer Bürgerwehr rüsteten die
Polen, die allgemeine militärische Auslösung benutzend, vor
den Augen der gewarnten deutschen Generäle ein kriegs¬
bereites Heer. Die Revolution entlud sich, als am 27. Dezem¬
ber 1918 der bis dahin nur als Klavierkünstlcr weltberühmte
Paderewski in Begleitung von englischen, amerikanischen
und französischen Offizieren in Posen erschien. Plötzlich trat,
wie aus dem Boden gewachsen, ein vollkommen organisiertes
und wohlbewaffnetes polnisches Heer auf den Plan. In kür¬
zester Zeit waren die Polen militärisch Herren der Lage und
bemächtigten sich der Amtsstcllen. Ende des Jahres 1918 >var
die Stadt Posen und der größte Teil der Provinz in den Hän¬
den der polnischen Revolutionäre. Dieser Zustand dauerte,
nachdem die Kämpfe mit den deutschen Kreuzschutztruppcn
durch die Vereinbarung der sogenannten Demarkationslinie,
also einen Waffenstillstand, abgeschlossen Untre», bis zur
endgültigen Abtretung auf Grund des Friedens von Versailles.
Entsprechend dem nationaleil Charakter der Revolution
hatten sich sofort überall in der Provinz polnische
„Volksräte" gebildet, die ihre Zentrale in dem
Obersten Polnischen Volksrat in Posen hatten. Die tatsäch¬
liche Gewalt wurde von den Volkskommissaren ansgeübt, die
staatsrechtliche Befugnisse auf allen Gebieten der Staats¬
verwaltung erfolgreich m Anspruch nahinen, Gesetze erließen
und mit diktatorischer Macht schalteten und walteten. Ein
polnischer Landtag wurde einberufen, der anfangs Dezember
,1918 in Posen tagte und für den Obersten Polnischen Volksrat
eine quasi staatsrechtliche Grundlage schaffte Die d^r^^^
Bevölkerung, die bei den Behörden und der deutschen null-
tärischen Leitung keine Stütze fand, war auf sich selbst gestellt.
Einige deutsche Männer taten sich zunächst zwanglos in Posen
znsammen und gründeten einen Deutschen Volksrat.
Auch in der Provinz hatten sich lokale deutsche Volksräte
gebildet. In einer imposanten Kundgebung, die am
12. Dezember 1918 in Posen stattfand, schlossen sich die ört¬
lichen deutschen Volksräte zu dem großen Deutschen Bolksrat
zusammen. Dieser nahm nunmehr innerhalb des besetzten
Gebietes und im Berkehr mit der preußischen Regierung die
Rechte und Interessen der deutschen Bevölkerung wahr.
In der Stadt Posen gründete Dr. Mar K o l l e n s ch e r auch
einen Indischen Volks rat. Das Ziel des Jüdischen
Vvlksrates war ansgesprochenermaßen die Geltendmachung
der Rechte „des jüdischen Volkes" und die Verwirklichung emer
jüdischen nationalen Autonomie auch für die Inden der Pro¬
vinz Posen. In der allgemeinen Verwirrung der Revolution,
in der jeder einzelne und jede auch noch so kleine Gruppe die
Möglichkeit hatte, Rechte aller Art zu beanspruchen, war es
dem Jüdischen Volksrat gelungen, vorübergehend einige
Bedeutung zu erlangen. Er ist nach kurzer Zeit zusammen¬
gebrochen und verschwunden.
Der C e n t r a l v e r e i n deutscher Staatsbürger
jüdischen Glaubens war sofort dem Deut¬
schen Bolksrat beigetreten. In meiner Eigenschaft
als Vorsitzender des Landesverbandes rmd der Orts¬
gruppe in Posen gehörte ich zu den Gründern des
Deutschen Vvlksrates. Heftig und inaßlos in Wort und Schrift
von dem Jüdischen Volksrat angegriffen, hat der Central-
vcrein in Posen der Versuchung widerstanden, auf die Heraus-
sordernngen in der Oefsentlichkcit zu erwidern. Leicht ist uns
dieser Entschluß nicht geworden. Es bedurfte großer Selbst¬
überwindung, um so mehr, als die agitatorischen Angriffe
einer jüdischen Gruppe gegen eine andere unsere Arbeit er¬
schwerten und geeignet und vielleicht daraus gerichtet waren,
unsere Stellung innerhalb des Deutschen Volksrates zu beein¬
trächtigen. Unser Verantwortungsgefühl machte es uns jedoch
zur Pflicht, die ohnedies verhängnisvolle Verwirrung nicht noch
durch einen öffentlichen Streit innerhalb der Judenheit zn
vergrößern. Wir waren der Ueberzeugrmg, daß sich das nur
Aus dem Znhaltr
Was in Deutschland im Jahre 1926
möglich ist!
Das „jüdische" Wirtschastsmanifest.
Äon Dr. Richard Lewinjohn
Die Steine reden.
Von Rabbiner Dr. S. Levi (Mainz).