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Monatsarrsgabr
November 192H
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/Xllgsmeine Leitung des Judentums
Gegen den Gewissenszwang!
Zu den jüngsten Vestredungen der EchSchigegner. ✓ Von Dr. Alfred Wiener.
Der Gerechte weiß, wie seinem Bieh zumute ist; deS
Frevlers Regung ist grausam.
(Spruche Salomonis XII, 10.)
Die Berliner Katholiken aller politischen Richtungen haben
Hn diesen Tagen hell nnd vernehmlich ihre Stimme erhoben.
Vor den Türen einer Kirche sollte ein Freibad eingerichtet
werden. Und gegen den unvermeidlichen Lärm der
3000 Badenden kehrte sich — wer begriffe es nicht? — die
fromme Hingabe der Beter und Beterinnen im Gvttcshause.
Die in ihrer heiligen Kirchenrnhe Gefährdeten wurden ein¬
mütig von allen Katholiken Berlins in ihrer Ablehnung
und sicher auch von den Katholiken im Reiche unterstützt. Ein
anziehendes, nicht ungewöhnliches Bild katholischer Einigkeit,
sobald eS gilt, Storungen der Religionsübung zuvvrzu-
koiiiinen.
Diese notwendige Geschlossenheit gegen einen erstrebten,
weit schwereren Eingriff in die Neligionsübung wird das
deutsche Judentum aller religiösen Rich-
t n n g e n ebenfalls Herstellen. Die S ch ä ch t g e g n e r
sind seit langem in verschiedenen deutschen Staaten rastlos
am Werk, damit der Gesetzgeber das Betäuben vor dem
Schlachten befehle. Anträge ans die Einführung dieser
Schlachtmethode, also eines S ch ä ch t v e r b o t e s, liegen den
Landtagen in Preußen und Thüringen, in letzter
Zeit auch in Braunsrhw eig, vor. Jn> Bremen
drangen die Schächtgegncr nicht durch. In Bayern er¬
reichten sie mit Hilfe der sozialdemokratischen Stimmen einen
Antrag an die Staatsregierung, dem Landtag alsbald einen
Gesetzentwurf zu unterbreiten, der das Betäuben der Tiere
vor der Schlachtung anordnet, also ein Schächtverbot dar-
ftellt. Ob der einzelne Bundesstaat überhaupt die
gesetzliche Befugnis hat, das rituelle Schlachten zu verbieten,
ist fraglich und höchst unsicher. Eine Kriegsverorduung von
1917 läßt das Gegenteil erkennen. Daß sogar die Justiz¬
kommission im Reichstag des kaiserlichen Deutschlands einst der
festen Meinung war, eine Regelung irgendwelchen rituellen
Schlachtens sei nur Rcichssache, beweist ihr Antrag an das
Plenum: „L a n d e s r e ch t l i ch e B e st i m in '» n g e n,
welche in die r i t u e l l e n B o r s ch r i f t c n einer
R e l i g i o n s g e s c l l s ch a f t über d a S Schlachten
von Tieren eingre ifen, sind u n z u l ü s stg."
n.
Nur wer die Augen absichtlich zudrückt, wird übersehen
können, daß als die Wortführer a n f der Bühne, als die
Akteure hinter der Bühne bei allen dem Schächtverbot
dienenden Bestrebungen Völkische sich betätigen. Niemand
wird bezweifeln, daß auch viele Schächtgegncr die völkische
Einstellung für sich ablehnen, daß ernste Gründe einer ver¬
meintlichen Tierschntznotivendigkeit solche in ihrem Verhalten
bestimmen. Aber die erdrückende Mehrzahl der Schächtfeinde
schwang und schwingt mehr oder minder sichtbar da^mtzM!
krenzpamer. Vor dem Kriege und in diesen Zeitläusen. Wie
sind so gerecht, auch unter den Völkischen manchen für einen
überzeugten Gegner des SchächtenS zu halten, der ans
Gewissensvorschrift handelt. Der Ueberzahl solche Gewissen¬
haftigkeit zuzubilligen, daran hindert lange nnd unaufhörliche
Erfahrung. Wem eine rote Brille aus der Nase sitzt, der sieht
Mensch und Vieh, Baum und Strauch, Feder nnd Buch.
Wasser und Schiff nur rot. Und wer den Juden, tvie es der
Völkische unserer Tage tut, der Ausgeburt aller Scheußlich¬
keiten gleichstellt, jüdische Religion und Sittcnlehren weitaus
minderwertiger einschätzt als etwa die tierischen Regungen
des Geringsten unter den Pygmäen im australischen Busch --
der ist von vornherein, bewußt oder unbewußt, so von
grenzenlosem Haß gegen alles, was jüdisch ist, erfüllt, daß
er blindwütig mit der Keule daraus losschlägt, gleichgültig,
ob dieses Etwas Talmud oder Kriegstätigkeit, Purimfest oder
Schächten heißt. Soviel Diplomat allerdings ist der Völkische
S ou, um sich für diesen Keuleuschlag. aus das rituelle Schlach-
, gezielt, die zwar dünne, aber weithin leuchtende Papier¬
hülle „Tierschutz" gern — unnal sie ungemein wirksam ist —
gefallen zu lassen. Die Nichtvölklschcn unter den Schächt-
gegnern sollten diese Tatsachen nicht leicht wägen. Die
„gewaltige Massenbewegung", die angeblich ohne ein Schächt¬
verbot keine Stunde Seelenfriedens mehr findet, schrumpft
unter der Lupe des nüchternen und gerechlen Beobachters
stark, sehr stark zusammen.
III.
Wenn Physiologen von Weltruf wie du BoiS-Rey-
mond (Berlin), pathologische Anatomen wie Rudolf
Birchow und Aschoss (Freiburg), Anatomen wie
W a l d e y e r lind H e r t w i g, Hygieniker wie R u b e n e r
(Berlin) und v. Gr über (München), Dozenten an tierärzt¬
lichen Hochschulen wie D a m m a n n , E s s e r, B o i t, B a n g
(Kopenhagen) — lvcnn diese Wegbahner deutscher Wissen¬
schaft und noch ein paar hundert Tierärzte und Schlachthof¬
direktoren sich gegen ein Schächtverbot offen aussprechen und
die rituelle Schlachtung als durchaus humane Tötungsart
anerkennen — soll die möglicherweise größere Zahl anders
urteilender Gutachter die Wagschale für das Schächtverbot
„Du sollst kein falsches Zeugnis geben!"
Don Kaplan F. Mdel (München).
Hört den ernsten Kritiker! Warnung von Herbert
Culmberg — Antwort von Max Osboin.
Die deutsche Musik und . . .? Don Pfarrer
Lir. Dr. Hans Hartmann (Foche bei Solingen).