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Monatsausgabe
Dezember m6
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Allgemeine Zeitung des Judentums
Der Gchulchan aruch
Son Ravvinev Dv. Dienemann (Offenvach a. WZ
lieber den Sclustokam aruek, die Sammlung der jüdischen Gesetze,
herrscht viel vorgefaßte Meinung und Unkenntnis. Von judcnfeindlicher
Seite wird von ihm gesprochen als einem finsteren, mcnschcnhasferischen
Buche, in dem den Juden von Religions wegen die Benachteiligung
Andersgläubiger gestattet, womöglich gar zur Pflicht gemacht werde.
Den Juden ist er, je mehr man dem Talmudstudium entrückt ist, mit
Ausnahme der immer kleiner werdenden Zahl der talmudisch Unter¬
richteten, ein gänzlich unbekanntesBnch; eine kurze wicderhvlcndeDar-
stcllnng seiner Entstehung, seines Wesens und seiner Geltung, obgleich
viclsach schon gegeben, erscheint daher wohl am Platze. Um seine Stel¬
lung im System der jüdischen Lehre zu verstehen, muß vorerst einiges
über den inneren Sinn und die äußere Form des jüdischen Religivus-
gesetzes und seiner schriftlichen Formulierung gesagt werden.
Das Judentum kennt nicht die Unterscheidung zwischen weltlichem
Und religiösem Leben, sondern alle Bezirke des menschlichen Lebens
gelten als der religiösen Idee unterstellt, alle Betätigungen des Menschen
gelten als Dienst an Gott, als Mittel zur Heiligung des Namens Gottes.
So ist also die Bibel nicht ein Buch der Religion in dein engeren
Sinne, der »ach dem Sprachgebrauch diesem Worte innewohnt, sondern
ein Buch der Anleitung für das ganze Leben in allen seinen Erschei¬
nungsformen. Zu diesen Erscheinungsformen zahlen alle Zweige des
Kulturlebens, darunter auch z, B., einen breite» Raum einnehmend,
das Rechtswesen, insbesondere das, >vas man heute bürgerliches Recht
nennt. Die Anleitung muß ihren Ausdruck finden in bestimmten Ge¬
setzen. Soweit in der Bibel Gesetze formuliert sind, geben sie nur die
leitende Idee tvieder, ohne die Anwendung der Idee aus die Eiuzcl-
fälle auszuführen; so gibt z. B. das Sabbatgesetz einfach das Verbot
der Arbeit, ohne den Begriff der Arbeit näher zu bestimmen. Diese
nähere Bestimmung mußte auf dem Wege der an das Bibclivort au-
knüpsendm Ausdeutung gewonnen werden. Die Gesetze der Bibel setzen
ferner in der Regel die Lebens-, Staats- und Gesellschaftsform der Zeit
der biblischen Gesetzgebung voraus. Als göttliches Gesetz sind sie aber
nicht für eine zeitlich begrenzte Lebensform bestimmt, sondern der in
ihnen zum Ausdruck kommende Gedanke ist für die Ewigkeit gedacht
»nd soll in allen zukünftigen Lebensformen gleichfalls bestimmend sein.
Aendern sich nun die Formen des Lebens in ihren verschiedenen Be¬
zirken, und solche Acnderung ist ja in stetem Fluß, so bleibt nichts
anderes übrig, als aus dem Wortlaut des biblischen Gesetzes, wiederum
aus dem Wege der Ausdeutung, Antriebe und Hinweise für die neuen
Lebensformen zu gewinnen. Das war in Jahrhunderten die Arbeit der
jüdischen Gesetzeskehrer. Es lag in der Natur dieser Deutung, daß in
der Regel nicht feste Gesetzsormeln geprägt wurden, die aus die einzelnen
zur Entscheidung stehenden Falle angewandt tvcrdcu sollten, sondern
daß jeder zur Entscheidung stehende Fall in Beziehung zu dem ur¬
sprünglichen biblischen Gesetz oder zu anderen nach dem Sinne der Bibel
bereits entschiedenen gebracht wurde! jeder neu besprochene Fall wurde
daher gesetzschaffcnd. Solange eine im jüdischen Staatsleben der-
ankerte oberste Behörde existierte, das Syncdrion, schuf sie in diesem
Sinne gültige und bindende Gesetze, Nach der Auflösung des jüdischen
Staates trat das in Jabne gegründete Lehrt,aus an die Stelle dieses
autoritativen Shnedrions. Und tveun auch der Idee nach jeder ein¬
zelne Spruchbesngte mit seinem Spruch Recht schuf, so erhielt sich doch
lange Zeit in einer ganz bewundernswerten Selbstdisziplin das Be¬
wußtsein, daß bestimmte von der allgemeinen Anerkennung getragene
Akademien und deren leitende Persönlichkeiten besondere gesetzgeberische
Befugnis hätten. Jmincrhin begann eine Entwicklung, die dahin führte,
daß bei mancherlei Fragen verschiedene Ansichten geäußert und begrün-
det wurden, zwischen denen eine Wahl möglich war. Daher enthält
auch der Talmud, das Buch, in den, das Ringen um die Anwendung
der biblischen Gesetze auf das gesauste Leben seinen anerkannten schrift¬
lichen Ausdruck fand, in der Regel nicht Gesetze und Entscheidungen,
sondern die zu den ausgcworsenen Fragen geäußerten Meinungen und
die daran sich anschließenden Erörterungen. Es lag in der Linie des
Talmuds, nicht abzuschließc» und die Freiheit der Meinungsbildung
nicht aufzuheben. So sehr damit die richterliche Freiheit erhöht war, so
war doch damit ein Zustand einer gewissen Unsicherheit gegeben. Und
je weiter die Zerstreuung der Juden über die Welt fortschritt, je mehr
an den verschiedenen Teilen der Welt selbständige Zentren des jüdischen
Lebens sich bildeten, um so mehr schritt diese Zersplitterung der Ge-
setzanwendung fort, sie erschwerte das Studium und drohte mitunter,
die religiöse Einheit des Judentums zu zerreißen. Daher machten sich
frühzeitig Bestrebungen geltend, abschließend die Summe aller gesetz¬
lichen Entscheidungen zu ziehen und so eine einheitliche bindende Norm
zu schassen. Den umfassendsten Versuch dieser Art machte im 12. Jahr-
hundert Mose den Maimvn, bekannt unter dem Namen Maimonides,
gleich bedeutend und genial in allem weltlichen und philosophischen
Wissen wie in Bibelkcmitnis. Schon aber war die Zersplitterung der
Juden zu weit vorgeschritten, als daß sein Buch sich unbeschränkte Auto-
ritüt hätte erringen können. Teils wurden, trotz aller Anerkennung im
ganzen, einzelne Entscheidungen als anfechtbar bemängelt, teils machte ,
fiel, grundsätzlichcr Widerspruch geltend gegen die Absicht, die Entschei- -
düng abschließend festzustcllen und dem richterlichen Ermessen des,,...
späteren Spruchbefugtcn zu entziehe,, und sogar dogmatisch die Lehre ^.
des Judentums bindend festzulcgcn.
Drei bis vier Jahrhunderte später trat jedoch erneut das Bedürfnis
nach Zusammenfassung der vorhandenen Entscheidungen und Wfassung
eines für alle gültigen Gesetzbuches hervor. Mancherlei trug dazu,best
den Wunsch danach rege werden zu lassen. Neue VerhältnM.Me?D
schwerten die glatte Uebertragung früherer Entscheidungen auf diemE-
anftauchendcn Fragen, die schweren Verfolgungen, denen die Judemaus- _
gesetzt waren, ihr Hin- und Hergehchtwerden und die damit verbunderst,^
Erschwerung aller geistigen Lebenshaltung, — eine Erschwerung^-die"
durch die entsetzliche Verarmung noch erhöht wurde, — Iießc'nstdenF
Wunsch nach einem Buche, in dem man ohne allzu große MühEe
Aus dem Luhatltr
Die Kunst, Frieden zu schließen.
Von Dr. G. v. Frankenberg, M.d.L. (Äraunschweig).
' Lärm um Ford. Von L.A.Ät-aller.
planmäßige jüdische Verderbertatigkeit.
Von Or. M. G. Luders, M. d. 31