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Schluß mii -er Feindschaft /
VonOr.Erich Kehr
(Kaiserslautern)
Seit mehr als zehn Jahren müfjen die deut¬
schen Juden eine Judenhetze von unerträglichem
Ausmaße über sich ergehen lassen. In Hun-
derten von Zeitungen, in Tausenden und aber
Tausenden von Versammlungen ergießt sich eine
Schlammflut der niedrigsten Beleidigungen in
Wort und Bild über sie. Wieder einmal sind
sie in schweren wirtschaftlichen und Politischen
Kämpfen, in die ein Volk durch unglückselige
Ereignisse geraten ist, zum Prügelknaben aus¬
ersehen. Da die Masse die wirtschaftlichen und
politischen Zusammenhänge nicht erkennt und
die Schuld niemals in den Verhältnissen, son¬
dern immer nur in Menschen sucht, die sie zur
Verantwortung ziehen und an denen sie Rache
nehmen kann, ist es ebenso bequem wie
feig, ihr eine Minderheit als Opfer hin¬
zuwerfen. Unter den Mitteln, mit denen der
Rechtsradikalismus seit 1919 den Kampf um
die Macht im Staate führt — ein durch Lega-
litätsbetenerungen schlecht getarnter, schleichen¬
der Bürgerkrieg , hat dieIudenhetze zeit¬
lich und wirklich den ersten Platz eingenom¬
men. Schon bei der Verurteilung der Rathe-
n au -Mörder hat die Urteilsbegründung die
Schuld dem hinter den verhetzten Jugendlichen
stehenden Antisemitismus gegeben. Und in den
inzwischen verflossenen Jahren ist von seiten
der Rechtsradikalen alles geschehen, um sich der
Judenhetze als beliebtes politisches Kampfnlittel
zu bedienen. Goethe hat einmal gesagt, daß man
dreitausend Jahre Geschichte in sich haben müsse,
um den Tag richtig beurteilen zu können. Um
die Judenhehe als das zu erkennen, was sie ist,
nämlich als ein bewußt von Politischen Draht¬
ziehern innner wieder und wieder benutztes
Kampfmittel, braucht man nur die Geschichte
des deutschen Volkes in den letzten tausend
Jahren einigermaßen angesehen zu haben. Denn
wenn auch das äußere Gewand sich int Laufe
der Zeiten geändert hat, so sind doch Methode
und System gleich geblieben. Immer hat es sich
darum gedreht, an Instinkte der Massen 31 t
appellieren und ihren Blick von den Verhältnissen
ab auf die Minderheit der Juden hinzulenken.
Aeußerst schmerzlich, daß man mit im Mittel-
alter erprobten Methoden noch heute im deut¬
schen Volke Propaganda mit großem Erfolge
durchführen kann, eine Erkenntnis, die auf der
einen Seite zwar zur Erforschung der Gründe
und zum Versuch der Lösung der Probleme
führen muß, die aber auf der anderen Seite
nicht hindern kann, die Judenhetze als solche zu
erkennen und mit schärfster Aktivität
zu bekämpfen.
Es muß in viel höherem Maße als bisher
das Augenmerk der breitesten Dessent-
lichkeit auf diese Kulturschande ge¬
lenkt werden. Schlimm genug, daß eine jahr¬
zehntelange, unermüdliche Arbeit des Central¬
vereins in Aufklärung und Abwehr zwar Schlim¬
meres verhüten, aber nicht noch größere Er¬
folge buchen konnte. Mit einer unverständlichen
Zurückhaltung sind bisher nicht nur die Behör¬
den, sondern auch die wohlmeinenden Teile des
deutschen Volkes an diesen Erscheinungen vor-
beigegangen7 Wenn auch Hitler in seinem Buch:
„Mein' Kampf" nicht ausdrücklich gesagt hätte,
daß der „Antisemitismus das granitene Fun¬
dament des Staates sei", war doch die seit Be¬
ginn der nationalsozialistischen Bewegung ge¬
übte Praxis für jeden Beurteiler als Kern¬
stück seiner Propaganda zu erkennen. Aller¬
dings kennt nur ein Teil der deutschen Men¬
schen den ungeheuerlichen Umfang
der täglichen Beschimpfungen, denen die jüdische
Religion und der jüdische Mensch seit Jahren
ausgeseht sind. Das teuflische System, zunächst
ohne jeden Beweis Judentum und Judenheit als
Was will diese Zeitung?
Bon einer Reihe von Beziehern der Mvnats-
ausgabe der „C. V. - Zeitung" hören wir in
letzter Zeit, daß sie über die Zusendung unseres
Blattes erstaunt sind, weil sie weder dem
israelitischen Glauben angehören, noch jüdischer
Abkunft sind. Diese Bezieher meinen daher, daß
die Zusendung an sie irrtümlicherweise erfolgt
sei. Dies ist nicht der Fall. Die Monats¬
ausgabe der „C. V. - Zeitung" hat es sich viel¬
mehr zur Aufgabe gesetzt, unsere nichtjüdischen
Mitbürger über die Gedankengänge zu unter¬
richten,, mit denen wir jüdischen Deutschen
die Fragen der Gegenwart und insbeson¬
dere diejenigen Probleme, die durch die
judenfeindliche Agitation des Nationalsozia¬
lismus aufgerollt worden sind, betrachten.
Die Monatsausgabe der „C. V.-Zeitung" will
auf diese Weise dazu beitragen, daß in dem ver¬
wirrenden Streit der Parteimeinungen die
Stimme der ruhig abwägenden Sachlichkeit ge¬
hört wird. Jedem einzelnen unserer Leser sind
wir dankbar, wenn er uns in diesem Bestreben
dadurch unterstützt, daß er uns Wünsche nach
Aufklärung auf einem besonderen, bisher noch
nicht oder nicht genügend behandelten Gebiet
übermittelt.
Unsere Moncltsausgabe will den Lesern ein
wahrheitsgemäßes Bild vom jüdischen Deut¬
schen geben. Den Grundstock der Veröffent¬
lichungen bilden deshalb Artikel aus der
Wochenausgabe, die über den Tageskampf
hinweg unsere Einstellung zu den großen
Fragen und Problemen erkennen lassen.
Unsere geschichtliche Berbundenheit mit der
deutschen Heimat, unsere Stellung zn Volk und
Vaterland, die Bewertung der Rassenfrage. der
Anspruch auf Gleichberechtigung, unsere Ant¬
wort auf die Boykottbewegung, all dies findet
seit nunmehr sieben Jahren allmonatlich seinen
Niederschlag in diesen Blättern. Auch die Ver¬
dienste deutscher Juden im deutschen Leben durf¬
ten zuweilen erwähnt werden; wir buchen sie
zwar grundsätzlich nicht als Verdienst unserer
Gemeinschaft, so wenig wie wir uns mit allen
Verfehlungen von Mitjuden belasten lassen;
aber wenn man Angriffen gegenübersteht, die
dem Juden den inneren Wert absprechen wollen,
so sind wir wohl berechtigt, in den Grenzen
die Selbstachtung und Bescheidenheit ziehen, die
Leistungen jüdischer Persönlichkeiten zu nennen,
die einen deutschen Kulturfaktor bilden. Geht
all dies schon über bloße Abwehr hinaus, so
will die Monatsausgabe überdies auch aufklären
über das, was das Judentum positiv sein
will und ist. Wenn man vielfach im Judentum
nur eine Gemeinschaft der Abstammung sieht —
der „Rasse" mit dem herabdrückenden Nebenton
des Wortes — und darauf hinweist, daß ein
großer Teil der Juden der Gemeinschaft des
„Glaubens" so ferne steht wie viele Christen
der ihren, so muß dennoch und erst recht gesagt
werden, daß im Judentum eine Weltanschauung
lebt, die in der Bibel verankert ist und die
von dieser Quelle aus Gemeingut der sittlichen
Welt geworden ist.
Biele Zuschriften aus dem Kreis der Emp¬
fänger zeigen uns, daß diese stetige Verbindung
mit einem nichtjüdischen Leserkreis ihren Zweck
erreicht. Es kann uns zur Genugtuung gereichen,
daß in diesen Zuschriften vielfach der objektive,
sachliche Ton der Zeitung gerühmt und damit
unsere ehrliche Absicht anerkannt wird. Es ist
kein Ton, der demagogisch auf die Massen
wirkt, aber schließlich ist gerade in erregten
Zeiten das wichtigste, sich an einen Kern wohl¬
wollender, anständiger Menschen halten zu
können. Wir rechnen auch mit künftigen Zeiten,
in denen die gute deutsche Bildung und Tra¬
dition wieder stärkeren Einfluß im Volk ge-
winnen wird als jetzt.
Gleitung.