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Nonatsausgabe
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Deutsche Süden in der deutschen Wirtschaft
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In dem Heiligen Römischen Reich Deutscher
Nation lebten noch um die Zeit, bevor es ein
rühmloses Ende fand. Tausende und aber Tau¬
sende, die nur Lebewesen waren. Weder
als Deutsche galten noch als Staatsbürger. Auch
nicht als Fremde, die einem ausländischen Ober¬
haupt untertan waren und das Gastrecht in
Deutschland genossen. In vielen Städten wohn¬
ten sie in bestimmten Straßen, nein hausten sie
in winkligen, dunklen, enggebauten Gassen.
Hinter ihnen schlossen sich die Tore, die sie von
der Umwelt trennten. Und auch dort, wo ihnen
gestattet war, unbehindert einherzugehen, wo sie
sich in allen Gegenden der Stadt niederlassen
konnten, waren sie minderen Ranges als alle
die, in deren Bereich sie wohnten. Sie waren
Einwohner,, nicht Bürger, nicht einmal Unter¬
tanen. Zahlen, nicht Seelen. Bildeten eine
eigene Gemeinschast in der Gemeinde. Stets
der Gefahr ausgesetzt, auch das Minimum an
Recht, das sie hatten, wieder zu verlieren.
Obwohl sie am Rhein seit den Tagen der
Römer saßen, am Main und an der Donau seit
dein Reich Karls des Großen, obwohl man sie
in viele der unzähligen deutschen Länder und
Städte geholt hatte, war es so durch die Jahr¬
hunderte geblieben. Inmitten des deutschen
Volkes lebten Menschen, die man nicht als Men¬
gen achtete. Mit denen man sich nicht an einen
Z\\d) setzte, deren Haus man nicht betrat. Ab¬
geschieden sollten sie bleiben wie im kastenreichen
Indien die Parias. Das waren die Jude n.
Was waren sie also? Ein Volk im Volk?
Nachdem sie ihren Staat vor fast 2000 Jahren
verloren hatten? Deutsche Bürger? Da man
sie nicht teilnehmen ließ an der Entwicklung der
deutschen Kultur, an der deutschen Staats¬
gestaltung und der Entfaltung der deutschen
Wirtschaft? Durch Jahrhunderte mußten sie
eigene Wege gehen. Wo Ovaren die jüdischen
Bauern in deutschen Landen geblieben? Vom
Ackerbau, vom Weinbau, den sie einst noch bei
Mainz und bei Würzburg getrieben hatten, hielt
man sie fern. Längst war in ihren Reihen das
Wort des Rabbi Eleasar vergessen: „Wer keinen
Boden besitzt, ist kein Mensch." Auch eine andere
Lehre des Talmuds, die da lautete: „Wer seinen
Sohn kein Handwerk lernen läßt, lehrt ihn das
Näuberhandwerk" mußte ihre Geltung in einem
Zeitalter verlieren, das Juden zu den Zünften
nicht zuließ. In der Epoche des Merkantilis¬
mus hatten die Fürsten die Juden vielfach in
ihr Land gerufen. Als Spezialisten. Als För¬
derer des Gewerbefleißes. Als finanzielle Be¬
rater. Sie entwickeln in Brandenburg-Preußen
die Seidenmanufaktur, die Goldschmiedekunst
und den Tabakbau. Finanzieren die zahlreichen
kriegerische!: Unternehrnnngen. Aber man holt
sie zunächst nur auf Zeit. Selbst der Große
Kurfürst läßt sie in Berlin ursprünglich nur auf
20 Jahre zu. Es bleibt vor ihnen eine Schranke.
Die Arme des Landesvaters umfangen huldreich
die Franzosen und Böhmen. Sie werden Bran¬
denburger, Preußen, Deutsche. Die fürstliche
Huld beschert ihnen Schulen und Kirche::. Ob¬
wohl sie jahrzehnte-, ja jahrhundertelang an
ihren Sitten und Gebräuchen festhaHßn und
mit Stolz auf ihre Abstammung Amweisen.
Die Juden aber stehen vordem Tor
der Gemeinschast. Denn sie Herden nicht
eingedeutscht. Sie schweigen Meben. Sie
dulden ihr Schicksal trotz ihrer Mjstungen für
die neue Heimat.
Trotzdem können auch die Juden nicht völlig
isoliert bleiben. Man kann sie ja nicht in einen
luftleeren Raum setzen. So nehmen sie indirekt
an allem teil, was in den deutschen Landen vor
sich geht. Eine Feuersbrunst zerstört auch ihre
Häuser. Ein Krieg, eine Pestepidemie bedrückt
auch sie. Ihnen vielfach unbewußt wird Deutsch¬
lands Schicksal selbst in dieser Zeit ihr Geschick.
Auch dann noch, wenn sie sich selbst völlig ab¬
schließen wollen. Wenn sie jeden aus ihren
Reihen stoßen, der es wagt, deutsch lesen und
schreiben zu lernen. Noch die fünf Brüder
lllllllllllllllllllllllllllW
AUS DEM INHALT:
Ein Denkmal für die gefallenen
deutschen Juden« Brief an die
„C. V. - Zeitung“ von Reichs¬
wehrminister a. D. Groener
S.eite 67
Fälschungen aus letzter Zeit
Seite 69 ff.
Die Religion Spinozas. Von Do¬
zent Dr. Albert Lewkowitz
(Breslau), . . . . Seite 71
Rothschild stehen mit der deutschen Sprache auf
dem Kriegsfüße. So sind schon damals
die deutschen Juden wider Willen der
Obrigkeit und ihrer Umgebung Deutsche
geworden. Denn welche Bindungen hatten
sie noch mit den Glaubensgenossen jenseits der
Grenze? Was hatten sie etwa gemein mit den
Juden in Frankreich und England außer der
Religion und der Abstammung? Hatte der
Große Kurfürst nicht ganz bewußt Juden aus
Wien in seine Hauptstadt berufen, aus der
Metropole der deutschen Kultur? Waren
denn die Deutsche «schon in jenen
Tagen deutsch? Fühlten sie sich als
Träger einer Staatsidee? Noch im merkan-
Mistisch>-absolutistischen Staat war es nur die
Leitung des Staates, die den nationalen Willen
besaß. Der Fürst verkörperte das ^ational-
bewußtsein, das den Untertanen im allgemeinen
fehlte. „Es ist also kein Zufall, daß der Aera
des modernen Nationalgedankens eine Aera
individualistischer Freiheitsregungen unmittel¬
bar voranging. Die Nation trank gleichsam das
Blut der freien Persönlichkeiten, um sich selbst
zur Persönlichkeit zu erheben." Erst mußten
„die Gemeinschaftsgefühle und Energien des
einzelnen Bürgers in den Staat hineingetragen
werden und ihn zum Nationalstaat umwandeln".
(Friedrich Meinecke in „Weltbürgertum und
Nationalstaat".) In.der Zeit, als dieses National-
bewußtsein in Deutschland erwacht, gibt man
den Juden das Entreebillett für die deutsche
Kultur. Man macht sie zu Staatsbürgern. Mit
dem Beginn der großen klassischen liberalen
Epoche wird auch im I u d e n <d e r Mensch
entdeckt.
„Als die Glocken den Beginn des 19. Jahr¬
hunderts verkündeten, läuteten sie ein neues
Zeitalter der Befreiung e:n." (Dies die ersten
Sätze meines Buches „Juden in der deutschen
Wirtschaft".) Eine neue Renaissance
bricht an. Noch einmal weitet sich die Welt.
Wie um die Wende des 15. Jahrhunderts die
Entdeckungen und Erfindungen den Europäer
über die Grenzen seines Erdteils führen, so
wird der eben erst zu nationaler Gesinnung
Erzogene zum Weltbürger. Abermals beherrscht
der H u m a n i s m u s die Geister. Der Mensch
durchbricht die Schranken, die ihm gezogen
waren. Wieder sind es die technischen Um¬
wälzungen und Veränderungen des Verkehrs,
die die geistige und politische Revolution auch