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Bibel und Babel.
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lams der des Abendlandes, überlegen war. Sil¬
vester de Sacy wurde von. arabischen Gelehrten
gefragt, woher es denn komme, dass der Orient
von dem einst weniger zivilisierten Europa über¬
flügelt sei? Der grosse katholische Gelehrte ant¬
wortete, es sei diese Ueberlegenheit des Westens
die Folge der Entwickelung der Naturwissen¬
schaften und der Philosophie in den letzten Jahr¬
hunderten. Das grosse achtzehnte Jahrhundert hat
politisch und religiös einen Umschwung herbei¬
gebracht, dem die Erfindungen des jetzt abge¬
laufenen neunzehnten eine tatsächliche Anwendung
verliehen haben. Wenn nun der Papst diese neuen
Ideen und ihre Verwirklichung als eine anti¬
christliche Kultur bezeichnet, so hat er Recht in
dieser Kritik, auch einer rein europäischen Ge¬
sittung. Die Glaubensbekenntnisse mehr oder minder
hochgestellter Persönlichkeiten kommen hier nicht
in Betracht, es kämpft die Kirche gegen die Ein¬
richtungen und Entdeckungen der Neuzeit; und seit
dem 20. September 1870 giebt es keinen christ¬
lichen Staat mehr.
Was die nächsten Jahrhunderte und Jahrtausende
bringen werden, wissen wir nicht. Nur so viel
können wir ahnen, dass es nicht so bleiben wird,
wie es heute ist. Was einen Anfang hat, muss auch
ein Ende haben.
Alle diese Betrachtungen waren nötig, um vom
rein wissenschaftlichen Standpunkt aus durch ein¬
fache Richtigstellung unbestreitbarer Tatsachen die
unhaltbaren Behauptungen des Herrn Delitzsch
wegzufegen. Wenn diese Ausführungen auf Babel,
und nicht auf Bibel Beziehung haben, so ist
dieses nicht unsere Schuld. Aber diese Ausein¬
andersetzungen haben eine viel grössere Tragweite,
als die einer rein orientalistischen Diskussion.
Wir folgen dem Wahrspruch Rabbi Hillel's, nicht zu
thun Andern, was wir nicht wollen, dass Andere
uns thun: es scheint uns dieses viel ausführbarer,
als das unmöglich zu befolgende Gebot, Andern
das zu thun, was man wünscht, dass uns gethan
werde. Das kann ich nicht. Da wir dem Herrn
D. nie geflucht, haben wir auf seinen Segen keinen
Anspruch. Hätte er uns je gehasst, so würden wir ihn
freilich nicht lieben, aber ihm doch zu trinken geben,
wenn er dürstete, und speisen, wenn er vom
Hunger litte: bei dieser praktischen Ausübung
steht sich ja der Feind auch besser, als mit unserer
Liebe. Aber wir haben auch die Pflicht, endlich ein¬
mal entgegenzutreten diesem verwerflichen Streben,
das vielleicht ohne böse Absicht dem Vorschub
leistet, was man mit einem in Deutschland
entstandenen Namen Antisemitismus nennt. Diese
Seuche auszurotten, ist jedes anständigen Menschen
Pflicht, welchem Glauben er auch angehöre. Wir
haben die Pflicht uns endlich einmal zu wenden
gegen diejenigen protestantischen Pastoren, die mit
mythologischen und eschatologischen Betrachtungen
die Fahnenflucht der deutsch-jüdischen Renegaten
beschönigen. Denn sähe man nur auf das über
solche Auslassungen frohlockende Pervertitenge-
sindel, und nähme man nicht in Betracht die grosse
Mehrheit der Juden, welche die Sache von dem Ge¬
sichtspunkte des wirklichen Fortschrittes der Mensch¬
heit betrachten, so könnte man wirklich glauben,
dass die Juden noch viel niederträchtiger sind, als
die Herren Stöcker und Ahlwardt dieses behaupten.
Wir können dem Herrn D. nur dankbar sein,
uns die Gelegenheit geboten zu haben, im Interesse
der allgemeinen Gesittung, welche für den Fortschritt
der Civilisation arbeitet, nun einmal gegen diese
Auswüchse schneidend aufzutreten. Wir haben
dieses mit möglichst grosser Milde gethan: vieles
von dem haben wir verschwiegen, was wir hätten
sagen können und sollen. Doch kommen wir viel¬
leicht noch einmal auf diese Fragen zurück. Es
kann in Babel und Bibel Manches gesagt sein,
was verständig ist: manches ist indessen doch ver¬
schwiegen? Es muss seit den Jahrtausenden, wo
die menschliche Gesittung entstanden ist, manchen
gegeben haben, der die Ideen der Bibel geahnt
und ausgesprochen hat. Aber dieses kann den Wert
dessen, was das Buch enthält, nicht schmälern.
Wir sind der Ansicht des hohen Herrn, die uns viel
richtiger erscheint als die unseres guten Kollegen.
Diese Ausstellungen sind von keiner Bedeutung.
Denn trotz aller möglichen unbekannten Geister,
trotz des hochseligen Königs Amenophi IV., von
dem unser Autor viel zu wenig, das heisst gar nicht
spricht, trotz aller erdenklichen Mittel, den Ruhm
Israels zu schmälern, so steht doch eines fest, und
ist durch keine subtile Argumentation zu ver¬
nichten: Israel ist, als Nation, das einzige Volk
des Altertums, welches den Glauben an einen Gott
aufrecht gehalten, und Israel ist das einzige Volk
des Altertums, welches deshalb heute noch lebt.